Zeitung Heute : Seiten-Sprünge

Es gibt Millionen Websites im Netz. Aber wie kriegt man einen Internet-Oscar? Weniger ist mehr, sagen Designer

Marisa Middleton

„Der Fabrikant Meica möchte seine Würstchen im Internet bewerben, auf den Seiten www.playboy.de und www.tofu.de . Denk Dir dafür lustige, animierte Texte aus.“ Wie macht man das am besten? Verspielt mit Würstchenfilmen oder rein sachlich mit Tipps zur Ernährung? Die Frage stammt aus einem Copy-Test der Werbebranche, der prüft, wie kreativ der Nachwuchs ist. Die Aufgabenstellung reicht von seriös bis bizarr, ist so unterschiedlich wie die Millionen Websites im Internet. Ob Information, Unterhaltung oder Handel – auf die richtige Mischung aus Design, Technik und Inhalt kommt es an. Bestenfalls werden die Seiten dann nominiert für zwei wichtige Online- Preise, die in den nächsten Tagen vergeben werden: Grimme Online Award und Webby Award.

Wie kommt man da hin? Da sind zum einen die Verfechter bewegter Animationen. „Wir können durch Multimedialität Emotionen erwecken und trockenen Inhalt lustvoll vermitteln“, sagt Jens Schmidt, Creative Director der Berliner Web-Design-Agentur Moccu. „Das Grafikprogramm Flash bietet dem Gestalter unglaublich große Freiheiten.“ Manche Designer übertreiben es aber mit der Flash-Freiheit. Solche Seiten sind für die meisten User nicht mehr richtig nutzbar (siehe Kasten).

Intros raus

Neuerdings, so der Berliner Web-Designer, werden allzu bewegte Film-Intros weggelassen. „Die dauern einfach zu lange und interessieren eigentlich keinen.“ Deutlich wird dieser Trend bei den Nominierungen für den Grimme-Online-Award, dessen Preisverleihung am 24. Juni auf dem Medienforum.nrw in Köln stattfindet, und für den Webby-Award, eine Art Internet-Oscar, der am 5. Juni bekannt gegeben wird.

Die einzige deutsche Seite, die beim Webby Award nominiert wurde, ist blinkenlights.de. Dabei handelt es sich um ein Projekt des Chaos Computer Clubs (CCC), eine Lichtinstallation am Haus des Lehrers auf dem Alexanderplatz. Die Hacker bastelten das bis dahin größte Computer-Display der Welt, indem sie kleine Lampen hinter die Fenster des Hochhauses hängten, die mit einem Steuercomputer verbunden waren. Jeder Handybenutzer konnte auf diesem Riesen-Bildschirm Pong spielen oder seine eigenen Liebesbriefe laufen lassen.

„Flash-Seiten sind Quatsch“, sagt Tim Pritlove vom CCC, der das Projekt Blinkenlights mit ins Leben gerufen hat. Blinde beispielsweise können mit Flash-animierten Seiten nichts anfangen, weil die Seiten nicht in HTML geschrieben und somit nicht vorgelesen werden können. „Bei Webdesign kommt es darauf an, welches Ziel dahinter steckt. Das ist bei Unternehmen anders als in der Unterhaltungsbranche“, ergänzt Stefan Kowalczyk, Redakteur vom Design-Magazin „Page“. Technik, Inhalt und Design müssten perfekt zusammenspielen. „Aber viele Seiten sind einfach langweilig, haben nur Text und keine Farben. Die transportieren keine Emotion, da passiert nichts.“

Bei Selbstdarstellungen von Unternehmen aus der Design- oder Mode-Branche (wie zum Beispiel dem Fashion-Magazine hintmaq.com) müsse natürlich die Optik top sein. Die Informationsgestaltung sollte darunter aber nicht leiden, damit man überhaupt Kontakt zur Firma aufnehmen könne. Diese mit Design und Flash-Animationen überladenen Seiten, bei denen man nicht an die gewünschte Information herankommt, seien nicht rentabel. „Da klicken die User weg. So etwas hat Firmen schon geschadet“, sagt Kowalczyk. Der Kleiderversand Boo.com stellte auf seine Webseite 3-D-Puppen zum Anziehen. Das war zwar eine gute Idee, doch die Ladezeit hat vielen Usern zu lang gedauert. „Beim Online-Shopping wollen die Kunden einfach ein Wort eingeben und in höchstens drei Schritten das Produkt finden und bestellen. Sonst gehen sie von der Seite runter“, sagt der „Page“-Redakteur. Die Online- Shops hätten gemerkt, dass sie keine großen Experimente machen dürfen. „Daher hat Quelle auch seit kurzem wieder eine schlichtere, übersichtlichere Seite.“

Erfolgreiche Websites wie die der Suchmaschine google.de könne man sich mit der Beschränkung aufs Wesentliche erklären. Bei Web.de und Yahoo „sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht“. Nach Angaben des „Page“-Redakteurs gibt es momentan zwei Trends: Der eine geht sozusagen „back to the roots“. Nachdem sich viele Gestalter vor drei, vier Jahren mit Flash und Co. ausgetobt haben, verzichten sie nun auf Spielereien und wollen die Informationen einfach möglichst schnell erreichbar machen. Die andere Bewegung ist die der „Flasher“, der Design-Fixierten also, die das Grafik-Programm aber ganz bewusst einsetzen. Sie wissen um das Problem der eingeschränkten Zugreifbarkeit. Deshalb bieten sie immer häufiger zusätzlich eine HTML-Version der Seite an, so dass möglichst viele Internet-Nutzer sie lesen können, von jedem noch so kleinen Computer. Vorzeige-Seiten wie der Online-Shop amazon.de schaffen den Spagat zwischen Freiheit, Emotionen, Ziel und guter Bedienbarkeit. Deswegen ist das virtuelle Kaufhaus auch für einen Internet-Oscar nominiert.

Im Internet:

www.iadas.net/events

www.grimme-online-award.de

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