Zeitung Heute : Seitenwechsel auf Zeit

Top-Manager helfen Obdachlosen oder betreuen Strafgefangene – ein soziales Praktikum bringt neue Erkenntnisse für die Arbeit im Unternehmen

Carina Groh

Der unternehmerische Alltag ist ein Mikrokosmos mit eigenen Werten, Regeln und Prioritäten. Im Vordergrund stehen Dinge wie Effizienzsteigerung, Marktpositionierung und Gewinnmaximierung. Ein Alltag, in dem Führungskräfte nicht selten den Blick fürs Wesentliche verlieren, den Blick für das Soziale. Initiativen wie „Seitenwechsel“ oder „Blickwechsel“ wollen das auf unkonventionelle Weise ändern.

„Wer die Frauen hier im Knast erlebt hat, wird mit Sicherheit nicht mehr mit Fingern auf sie zeigen“ oder „Diesem Menschen würde ich niemals ansehen, dass er schizophren ist“: Sätze wie diese hört man von den Teilnehmern nach ihrem „Praktikum“ in der Drogenstation, im Gefängnis, in der Psychiatrie oder in einer Betreuungsstation für Stricher und Prostituierte häufig. Es sind Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die ihren komfortablen Chefsessel verlassen, um durch die Arbeit in einer sozialen Einrichtung an ihrer Sozialkompetenz feilen wollen. Die Firma stellt sie für eine Woche frei und übernimmt die Kosten für die ungewöhnliche Weiterbildung. Die Idee ist nicht mehr ganz neu, aber aktueller denn je – die moderne Abkehr vom nackten Shareholder-Value hin zu mehr gesellschaftspolitischer Verantwortung.

In Berlin und Brandenburg vermittelt der Verein Forum Berufsbildung die Praktika mit dem bezeichnenden Namen „Seitenwechsel.“ Das Forum hat das Konzept der Schweizer Patriotischen Gesellschaft von 1765 aus Lizenz übernommen. „Der Seitenwechsel ist keine soziale Wohltat ausgewählter Gutmenschen, sondern eine Überprüfung der eigenen Werte und der persönlichen Standortbestimmung“, erklärt Projektleiterin Patricia Henkel. „Der Fokus liegt dabei auf dem Führungskräftetraining, das von Coaches begleitet und ausgewertet wird.“ Ein ähnliches Programm mit dem Namen „Switch“ organisiert Siemens gemeinsam mit dem Sozialreferat der Landeshauptstadt München. Und in Stuttgart ist es die Agentur Mehrwert, die auf diese Weise einen „Blickwechsel“ anbietet.

„Für Menschen in verantwortlichen Positionen sollte ein solches Sozialpraktikum eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein“, betont Claudia Braun, Sprecherin der Deutschen BP AG in Bochum. Der Energiekonzern gibt all seinen Führungs- und Nachwuchsführungskräften die Möglichkeit, in den Alltag von sozialen Organisationen zu wechseln, um beispielsweise in einem Hospiz Sterbende zu begleiten. „Sie sollen so ihre soziale Kompetenz vertiefen, um in der eigenen Arbeitswelt mit Menschen in schwierigen Situationen differenzierter umgehen zu können“, erläutert die Pressesprecherin, die selbst für eine Woche in einer Schule für geistig behinderte Kinder gearbeitet hat. „Dieser Blick über den Tellerrand holt viele Teilnehmern auf den Boden der Realität zurück.“

Allerdings hat das Ganze auch seinen Preis. 1900 Euro kostet der „Seitenwechsel“, 1800 Euro der Stuttgarter „Blickwechsel“. Und wenn der High-Potential-Mitarbeiter eine Woche lang nicht an seinem Arbeitsplatz ist, addieren sich weitere Euros dazu; eine teure Personalentwicklungsmaßnahme.

Von den Unternehmen wird sie dennoch geschätzt. Denn die profitieren von ihren guten Taten für soziale Randgruppen, Kranke oder die bedrohte Umwelt. Einerseits können sie ihr Image aufwerten und das Betriebsklima und die Attraktivität für Fachkräfte verbessern. Andererseits fördern sie so den Umgang mit Emotionen, das Erkennen der eigenen Potenziale und die Zusammenarbeit in Teams – alles Anforderungen, die im Alltag immer mehr gefragt sind. „Die üblichen Managementprogramme sind mehr ein theoretisches Lernen“, erklärt Patricia Henkel vom Forum Berufsbildung die Vorteile eines Seitenwechsels. „Hier lernen die Teilnehmer in einem ganz ungewöhnlichen Umfeld und das hat Auswirkungen auf die Kommunikation.“

Bevor es losgeht, informieren sich die Führungskräfte über die Einsatzmöglichkeiten. So vielfältig die Angebote im Detail sind, es wird immer dazu geraten, auf jeden Fall dorthin zu gehen, wo es den einzelnen am meisten Überwindung kostet. „Sozialarbeit light“ gilt nicht.

Ob die Teilnehmer wirklich ihre soziale Kompetenz und ihre Flexibilität nachhaltig fördern, ist für den Kölner Berater Dieter Schöffmann pauschal nicht zu beantworten. „Ein dauerhafter Lerneffekt dürfte nur bei Wiederholungen des Einsatzes und einer entsprechenden Nachbereitung erreicht werden“, meint der Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Vis a Vis, die unter anderem Konzepte zu Bürgerengagement und sozialen Partnerschaften zwischen Unternehmen und gemeinnützigen Initiativen entwickelt. Wenn eine Führungskraft nur als „Praktikant“ anheuere und sich nicht einbringe, liege Know-how brach, das einer sozialen Einrichtung eigentlich von Nutzen sein könnte. Damit meint Schöffmann das Prinzip des Corporate Volunteering, bei dem sich Manager mit ihrem fachlichen Wissen einbringen. „Zweifellos sind aber die Eindrücke in dieser Woche eine Konfrontation der anderen Art und sicher nachhaltiger als gewöhnliche Seminare.“

Für BP-Sprecherin Claudia Braun waren es Erfahrungen, die sie in ihrem Leben nicht missen möchte. „Da kommt doch ein Prozess des Nachdenkens – auch über sich selber – in Gang. Und eine sehr wichtige Erkenntnis aus der Woche ist, dass es neben unserer sterilen, funktionellen Geschäftswelt auch andere Welten gibt, in denen Menschen völlig anders leben und denken als wir.“

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