Zeitung Heute : Seitenwechsel

Zwei Männer werfen am Leipziger Platz Steine auf Panzer – ein historisches Bild und seine Geschichte

Robert Ide

Vor dem Wurf stand Hans Joachim Maître auf der Seite des Sozialismus. Der Junge mit der Arbeitermütze und den robusten Straßenschuhen war Sekretär der FDJ, der offiziellen DDR-Jugendorganisation. 19 Jahre jung, das Leben noch vor sich – ein Leben im Sinne der Partei. Doch dann kommt der 17. Juni 1953, der Tag des Aufstands in der DDR. Und Maître wechselt die Seite.

Er steht in Berlin am Leipziger Platz, wirft Steine auf sowjetische Panzer. Ein Zufall hat ihn hierher verschlagen, sagt er später, und Neugier. Doch der Zufall wird auf Fotos festgehalten. Auf den Bildern, die zum weltweiten Symbol für den unterdrückten Protest werden, ist Maître der linke Werfer. Der FDJ-Funktionär aus Bernau bei Berlin wird zu einem Helden, der sich der Macht entgegenstellt. Auch wenn es sinnlos erscheint.

Heute redet er nicht gern darüber. Maître ist Professor in Boston, amerikanischer Staatsbürger. Von seinem Büro lässt er sich lange verleugnen, obwohl er Experte für Kommunikation ist. „Ich will keine Ikone sein“, lässt er nach zahlreichen Anfragen ausrichten. Und: „Suchen Sie lieber den Panzerfahrer.“

Das Bild der Steinewerfer ist Geschichte geworden. Doch die Wahrheit ist schwer zu finden. Wer etwa ist der zweite Werfer? „Der zweite Mann ist Erwin Kalisch“, sagt die Berliner Historikerin Helma Schleif. Kalisch soll als Elektriker an der Stalinallee gearbeitet haben. Die DDR-Justiz habe ihn wegen „Anstiftung zum Aufruhr“ verurteilt und für drei Jahre eingesperrt. „1956 floh er, heute soll er in Brasilien leben“, schreibt ein anderer Forscher über Kalisch. Doch bei der deutschen Botschaft in Brasilia ist kein Mann mit dem Namen registriert, auch bei den Generalkonsulaten São Paulo, Porto Alegre und Recife nicht. Der zweite Steinewerfer ist verschollen. Vielleicht lebt er nicht mehr.

Es gibt noch einen dritten Mann: Arno Heller. Er hat behauptet, dass er der Werfer neben Maître ist, nachweisen kann er das nicht. Heller studierte 1953 Musik in West-Berlin. Seine Version geht so: Vom Reichpietschufer lief er zum Leipziger Platz und stellte sich zu den Mutigen. „Wir hofften, vielleicht einen Panzer ins Rohr zu treffen“, erzählte Heller später. Die Jacke des Werfers beschrieb er als amerikanische Uniformjacke. „Die hatte ich vom Mann meiner Schwester. Sie hatte nach dem Krieg einen Amerikaner geheiratet, viele nannten sie darum Keksbraut.“ Wenn Heller wirklich einer der Steinewerfer war, hatte er Glück. Leicht hätte sich die Stasi für ihn eine Legende vom „amerikanischen Provokateur“ ausdenken können. Das hätte sich gut geeignet für einen Schauprozess.

Maître hatte Pech. Er wurde festgenommen, als er sein Fahrrad als gestohlen melden wollte. Mit dem Rad war er zum Leipziger Platz gekommen, auf dem berühmten Foto ist eine Fahradklammer an seiner Hose zu erkennen. Danach kam Maître nach Frankfurt an der Oder in ein sowjetisches Gefängnis. Von einem Strafbataillon der Kasernierten Volkspolizei soll er 1954 geflohen sein – bei einem Manöver über die tschechische Grenze nach Bayern. Doch auch hier bleiben Fragen. Das Bundes-Militärarchiv in Freiburg sagt: In der DDR gab es 1953 solche Strafbataillone gar nicht.

Im Westen machte Maître Karriere. Er arbeitete beim Ullstein-Verlag und wurde stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“. In den 80ern ging er in die USA, erwarb sich einen Ruf als konservativer Wissenschaftler. An der Universität Boston gründete er ein Zentrum für Journalismus im Militärbereich, wurde Direktor eines Armee-Instituts. Als Dekan des Fachbereichs Kommunikation musste er allerdings zurücktreten, weil er eine Rede gehalten hatte, die er größtenteils abgeschrieben hatte.

Schlagzeilen – über Maître gibt es einige. Nach Berichten des „Boston Globe“ bildete er antikommunistische afghanische Kämpfer als Journalisten aus – ein Projekt, das vom US-Geheimdienst CIA angestoßen wurde. Er erstellte eine ziemlich positive Studie über die Contras – jene Untergrundarmee, die mit CIA-Geldern gegen den Sozialismus in Nicaragua kämpfte. Und er war Kriegsreporter in Vietnam, flog die US-Angriffe mit.

Maître ist heute 69 Jahre alt. Er hat die Seiten nicht mehr gewechselt.

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