Zeitung Heute : Selbst ist das Volk

Susanna Nieder

Neulich hat das Kronprinzenpaar von Holland geheiratet. Im Fernsehen haben sie übertragen, wie Prinz Willem Alexander und die schöne Maxima in einer goldenen Karosse durch Amsterdam fuhren und winkten, bis ihnen fast die Arme abfielen. Außenherum stand das Volk, schwenkte Fähnchen, jubelte und aß Würstchen. Es war, als ob Holland die Fußballweltmeisterschaft gewonnen hätte - alle freuten sich, Holländer zu sein und so ein schönes Prinzenpaar zu haben. Es ist überhaupt immer prächtig, wenn Könige und Prinzessinnen auftreten. Die Engländer haben schon seit 50 Jahren ihre Queen, die Spanier den König Juan Carlos und Dänemark hat Königin Margarethe, die gerne Fahrrad fährt. Warum haben wir sowas nicht?

Hatten wir mal. Bevor es Präsidenten und Kanzler gab, wurden fast alle Länder in Europa von Königen oder Kaisern regiert. Aber die Deutschen haben ihren letzten Kaiser - Wilhelm der Zweite hieß er - vor gut 80 Jahren davongejagt. Er hatte mitgeholfen, den ersten Weltkrieg anzuzetteln. Dieser Krieg war nicht nur furchtbar, sondern Deutschland hat ihn auch noch verloren. Da hatten die Leute keine Lust mehr auf einen Kaiser. Wirklich zu sagen haben auch die Könige von Spanien, England und Dänemark heute nichts mehr. Es gibt sie noch, weil es sie eben immer gegeben hat. Manchen Leuten gefällt das, weil sie es mögen, wenn alles so bleibt wie immer. Und weil Prinzessinnen eben schön anzuschauen sind. Anderen geht es mächtig gegen den Strich, weil ihre Länder sowieso schon längst vom Volk regiert werden und so ein Königshaus viel Geld kostet. Denn wer bezahlt die ganze Pracht und die goldenen Karossen? Das Volk. Und schon allein deshalb dürfen die Nachkommen des deutschen Kaisers gerne bleiben, wo sie sind.

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