Zeitung Heute : Selbst mitmischen statt weiter Lehrbücher wälzen

Wer Abi hat geht an die Uni: Diese Regel gilt heute längst nicht mehr. Immer mehr junge Menschen mit Hochschulreife entscheiden sich für eine Ausbildung– weil sie praktisch arbeiten oder schnell eigenes Geld verdienen wollen

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Tief ins Glas geschaut. Anspruchsvolle Ausbildungen im Labor sind bei Abiturienten besonders gefragt. Nicht wenige satteln...

Noch während er in den Abi-Prüfungen schwitzte, war für Tobi Dumas eines klar: Er wird nicht studieren, sondern eine Ausbildung machen. Er ist eher praktisch veranlagt, fürs Uni-Studium „ein bisschen zu faul“, wie er sagt – und lacht. In diesem Jahr will sich der 21-Jährige an der Wannsee-Schule für Physiotherapie bewerben. „Ich glaube, dass ich mit einer Ausbildung später mindestens genauso gute Chancen habe“, begründet Tobi seine Entscheidung. Außerdem stehen ihm nach der Ausbildung noch weitere Türen offen. So überlegt der junge Mann, ob er danach nicht noch einen Bachelor draufsatteln soll.

Wie Tobi verlassen zunehmend mehr Jugendliche den traditionellen Bildungsweg und entscheiden sich statt für ein Studium für eine Ausbildung. Mehr als 20 Prozent der Azubis hatten 2008 bei Ausbildungsbeginn die Hochschulreife.

„Bei der Entscheidung Lehre oder Studium kommt es auf die Neigungen des Betreffenden an“, erklärt Elisabeth Krekel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Wer praxisorientiert lernen will, sei mit einer Ausbildung, eventuell mit anschließender Weiterbildung, gut beraten. „Wer wissenschaftlich orientiert ist, sollte sich aber auch künftig nicht von einem Studium abschrecken lassen“, betont Thilo Pahl, Ausbildungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin.

„Ein Grund für eine Ausbildung kann natürlich auch sein, dass ich schnell eigenes Geld verdienen möchte“, sagt Eleonore Bausch von der IHK Berlin. Laut BIBB verdienten Azubis 2009 in Westdeutschland durchschnittlich 679 Euro brutto im Monat, in Ostdeutschland waren es durchschnittlich 595 Euro im Monat.

Vor allem kaufmännische und Dienstleistungsberufe sind bei Abiturientinnen und Abiturienten gefragt. Zunehmend Interesse finden aber auch die neuen Medien- und informationstechnischen Berufe, wie das BIBB in seinem Datenreport 2009 herausgefunden hat. „Auch Chemie- oder Biolaborant sind beliebt“, sagt Eleonore Bausch von der IHK Berlin. Ausbildungen, die inhaltlich anspruchsvoll sind und zum Beispiel hohe mathematische Fähigkeiten erfordern. Nicht wenige satteln anschließend noch ein Hochschulstudium drauf – und bringen bereits viel praktisches Wissen mit.

Teilweise stellen Betriebe bei anspruchsvollen kaufmännischen oder IT-orientierten Ausbildungen sogar nur Bewerber mit Hochschulreife ein. „Der Beruf des mathematisch-technischen Softwareentwicklers bietet zum Beispiel mathebegeisterten Abiturienten eine anspruchsvolle und praxisorientierte Alternative zur Hochschule“, sagt Pahl. „Eine Ausbildung zum Bankkaufmann kann eine praxisnahe Alternative zu einem breit angelegten betriebswirtschaftlichen Studium sein.“ Wer eine Mischung aus beidem mag, für den könnte ein so genanntes Duales Studium an einer Berufsakademie interessant sein (siehe Kasten).

Orientierung bieten etwa die Berufsberater der Industrie- und Handelskammer oder der Agentur für Arbeit. Letztere bietet auch im Internet umfangreiche Informationen für Abiturienten zu genau diesem Thema an, angereichert mit Fallbeispielen und Checklisten, um die Entscheidung zwischen Studium und Lehre zu erleichtern.

„Abiturienten, die sich für einen Ausbildungsplatz interessieren, haben generell gute Chancen“, sagt Anja Huth von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. „Ihre gute schulische Vorbildung ist dabei von großem Vorteil.“ Außerdem seien wichtige Softskills wie Eigenständigkeit, Verantwortungsbewusstsein oder Zielstrebigkeit bei ihnen meist ausgeprägter. Eigenschaften, die sie aufgrund ihres höheren Lebensalters mitbrächten, meint Huth.

Auch Tobi Dumas hofft, dass er beim harten Bewerbungsverfahren an seiner Fachschule vielleicht einen Vorteil gegenüber Anwärtern mit Realschulabschluss hat. Außerdem können Abiturienten häufig die Ausbildungszeit verkürzen. „Es gibt zwar keine automatische Verkürzung und keinen Rechtsanspruch darauf“, so Anja Huth. Dennoch wird die Ausbildung – etwa bei Banken und Versicherungen – häufig um ein Jahr verkürzt, wenn die Leistungen stimmen.

Und auch auf Auslandserfahrung, die früher vor allem Studenten vorbehalten war, braucht man heute in einer Ausbildung nicht mehr zu verzichten – egal ob als Banker, Tischler oder Systemelektroniker. Oft machen es Partnerschaften zwischen Betrieben oder Berufsschulen möglich, ein Auslandspraktikum zu absolvieren oder sogar einen Teil der Lehrzeit jenseits der deutschen Grenzen zu verbringen. Die Ausbildungszeit verlängert sich dadurch in der Regel nicht.

Nach Angaben der Agentur für Arbeit sind es jedoch bisher nur etwa zwei Prozent der Auszubildenden, die den Schritt ins Ausland wagen. Vielleicht, weil Vorbereitung und Organisation dann doch mehr Eigeninitiative erfordern als an der Uni, wo das Auslandssemester fast schon zum guten Ton gehört. Möglichkeiten gibt es aber auch für Lehrlinge viele. So bietet zum Beispiel die Europäische Union für den Bereich der Aus- und Weiterbildung das Förderprogramm „Leonardo da Vinci“ an. Es gibt einen Auszubildendenaustausch des deutsch-französischen Jugendwerks oder Angebote der deutschen Auslandshandelskammern (AHK). Wer schon vor Beginn der Ausbildung weiß, dass er auf jeden Fall ins Ausland gehen will, sollte außerdem gleich einen Betrieb oder eine Schule wählen, die sich in dieser Richtung engagieren. mit dpa

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