Zeitung Heute : Selbst Orangen fängt Torwart Chilavert sicher ab

MARTIN HÄGELE

PARIS .Man muß einmal gesehen haben, wie sich René Higuita 20 mal unter dem Ball durchhechtet und diesen dann mit der Hacke über seinen Kopf haut."Skorpion" nennt sich das Markenzeichen des kolumbianischen Nationaltorhüters, welches dieser nicht nur 20 mal für Fotografen beim Presse-Termin seines Ausrüsters "Reusch" auf dem Holzboden eines umgebauten Studios in Neuhausen (Erms) vorführt.Vor 80 000 und mit der Landung auf dem gepflegten, angeblich heiligen Rasen des Wembleystadions hat den "wilden René" jene Luftnummer fast zum Orgasmus gebracht.

Man muß einmal gehört haben, wenn Jorge Campos erzählt, wie er auf der Hühnerfarm seines Großvaters in der Nähe von Aca- pulco seine Torwartparaden lernte.Der kleine Jorge hechtete dem armen Federvieh hinterher, manchmal drehte er den Hennen noch im Sprung den Hals ab, und übergab seine Opfer dann Opa mit dem Beil.Weil Mexikos Nationaltorwart aber nicht nur ein exzellenter Fänger ist, sondern auch sonst mit dem Ball gut umgehen kann, zieht er bisweilen seinen bunten Torwart-Pulli aus, streift statt dessen ein Trikot über und begibt sich auf Torjagd.Sogar per Fallrückzieher hat er schon getroffen.

Doch die Krönung unter allen jenen verrückten Vögeln aus Südamerika, von denen sich jeder als bester Torwart der Welt und darüberhinaus als Torjäger fühlt, heißt Jose-Luis Chilavert.Im Gegensatz zu den Kollegen aus Kolumbien und Mexiko braucht Paraguays Nummer eins keine auffälligen Klamotten.Er trägt schlichtes schwarz.Sein Vereinstrikot bei Velez Sarsfield ziert allerdings eine ganz grimmige Boxervisage.Und im Vergleich zu den kleinen Sprungakrobaten Higuita und Campos ist "Chila" ein Koloss: 93 Kilo verteilt auf 1,83 m.Im Kontrast zu diesen Kräften stehen die kleinen Füße mit Schuhgröße 39.

Wenn der 32jährige nun ankündigt, "ich werde in Frankreich ein Tor schießen und der erste Torwart sein, dem dieses gelingt", so sollte man über diesen Spruch nicht lachen.Chilavert hat sich schon öfter mit solchen Tor-Ansagen aufgebaut.In Paraguay erzählen sie noch immer die Wundergeschichte vom 1.September 1996, als der krasse Außenseiter beim Erzfeind Argentinien in Buenos Aires antreten mußte.Der Kapitän Paraguays wurde zur Begrüßung mit einem Tomaten- und Orangenhagel eingedeckt, Chilavert aber fing eine Zitrusfrucht, schälte und verzehrte sie im Mittelkreis.Im Spiel verwandelte er dann noch einen Freistoß zum 1:1 - der Prophet hatte getroffen.Mit diesem Tor und Punktgewinn hat Paraguays unerwarteter Siegeszug in der WM-Qualifikation überhaupt begonnen.

Wer in den Tagen danach schlimmer zu leiden hatte, ließ sich nie ermitteln.Bei German Burgos handelt es sich immerhin um Argentiniens besten Schlußmann.Der arme Kerl war indes einem Nervenzusammenbruch nahe, denn sechs Monate zuvor hatte ihm Chilavert beim Punktspiel River Plate gegen Velez Sarsfield die Kugel aus sage und schreibe 58 Metern ins Netz gesetzt.Doch auch der Held erwog ernsthaft seinen Abschied aus Buenos Aires.Noch tagelang wurde der Gastarbeiter vom Mob der Gauchos und in diversen Blättern als "Idiot", "Indianer" und "Scheißneger" bezeichnet.Chilavert traute sich nicht mehr auf die Straße, "weil ich fürchtete, im nächsten Moment würde mir jemand ein Messer in den Rücken rammen".

Nun gehört Chilavert gewiß nicht zu den zartbesaiteten Vertretern seiner Branche.Und fast genauso lang wie die detaillierten Beschreibungen seiner 41 offiziellen Wettkampf-Tore ist sein Kampfrekord mit den K.o.-Schlägen.Daß er den rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten Oviedo, ein ehemaliger Putschist und General, der kameragerecht mit dem populären Sportler poussieren wollte, live beschimpft, geohrfeigt und anschließend dessen Leibwächter verdroschen hat, brachte ihm noch viel Beifall ein.Als er aber Kolumbiens Starstürmer Faustino Asprilla mit einem gezielten Hieb auf die Nase ins Reich der Träume schickte und auch den Zeugwart eines gegnerischen Klubs übel traktierte, ließen sich diese Ausraster des Hitzkopfs nicht mehr länger als "Rettungsversuche der Demokratie" verschleiern.Wegen dieser Pöbeleien wurde Chilavert mehrere Spiele gesperrt - das 13monatige Berufsverbot des argentinischen Verbandes wurde in der Berufungsverhandlung allerdings wieder aufgehoben.

Seinen paraguayischen Landsleuten erschließt sich Chilaverts rätselhafte Seele besser als unsereins.Sein politisches und soziales Engament erheben ihn zum Volkshelden.Aber ob es wirklich einmal zum Staatspräsidenten reicht, wie Chilavert glaubt, dazu gehört wohl doch mehr als ein paar Wohltaten, Paraden und Freistöße.Oder ist damit schon genügend getan, wenn Chilavert in jenem Peugeot 405 durchs Land fährt, aus dem einst der Papst den Gläubigen Paraguays zugewunken hat?

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