Zeitung Heute : Selbstgespräch eines Präsidenten

Als hätte ihm jemand ein Beruhigungsmittel gereicht: Bushs Irak-Rede wird zum Fehlschlag

Christoph von Marschall[Washington]

Was hätte Ronald Reagan aus diesem Auftritt gemacht! Oder Bill Clinton. Amerikas aktueller Präsident ist ein schlechter Schauspieler – und als Redner auch nicht viel besser, jedenfalls dann, wenn er nicht sprechen darf, wie Kopf und Herz es ihm eingeben. An diesem Abend muss er sich fast verleugnen. Da wundert es wenig, dass er sich in den ersten fünf Minuten gleich zwei Mal verspricht. Vielleicht kann er selbst nicht glauben, was er da eben vom Teleprompter abgelesen hat. „Soweit Fehler gemacht wurden, trage ich die Verantwortung.“ Wann hat George W. Bush je Fehler eingestanden? Und wann zugegeben, dass er seine Meinung ändern musste?

Diese Rede an die Nation ist eine miserable Inszenierung. Statisch sitzt der Präsident vor der Kamera, seine Schultern nehmen unverrückbar zwei Drittel der Bildschirmbreite ein, den Raum rechts hinter ihm füllt ein Bücherregal mit Lederrücken, den links das helle Kaminsims in der Bibliothek des Weißen Hauses. Nur den Kopf dreht er ab und zu, aber auch das wirkt unnatürlich gebremst, als habe ihm jemand ein Beruhigungsmittel verabreicht. Die Stirn hat er in starre Sorgenfalten gelegt.

Wenn Bush in Pressekonferenzen mit kritischen Fragen angegangen wird, reagiert er spontan und temperamentvoll. Er moduliert Tonfall und Sprachtempo, beugt sich offensiv vor, ballt die Faust und wiederholt Kernaussagen wie zur Bekräftigung. Man mag mit dem Inhalt hadern, aber er vermittelt den Eindruck, dass er überzeugt ist von dem, was er sagt.

Seine neue Irakstrategie liest er mit einer monotonen Stimme ab, die unangemessen sanft klingt und unnatürlich hoch. Vielleicht soll die demonstrative Ruhe souverän wirken – liebe Nation, trotz aller Schreckensmeldung hat der oberste Befehlshaber die Lage unter Kontrolle –, tatsächlich wirkt sie aufgesetzt. Die Passage „die Lage im Irak ist unakzeptabel für das amerikanische Volk – auch unakzeptabel für mich“ würde verlangen, dass er mit der Hand auf den Tisch schlägt, jedenfalls Unmut ausdrückt. Er hebt nicht einmal die Stimme.

Die Kernpunkte unter dem Titel „Ein neuer Weg vorwärts“ sind keine Überraschung, seit Tagen sind sie in die US-Medien durchgesickert – womit das Weiße Haus zugleich die öffentliche Resonanz testen konnte. 63 Prozent sind nach einer jüngsten Umfrage gegen eine Truppenverstärkung. Der Präsident aber bleibt dabei. Zu den derzeit 140 000 US-Soldaten will er bis Mai fünf zusätzliche Kampfbrigaden mit mehr als 20 000 Mann schicken, die erste wird noch im Januar von Kuwait nach Bagdad verlegt. Die technischen Details verkündet Bush flüssig, als habe er sich endlich freigesprochen, nach ungefähr einem Drittel seiner 20-minütigen Rede. Gemeinsam mit irakischen Einheiten sollen sie die schiitischen und sunnitischen Mordkommandos stoppen, die offensichtlich die ethnische Säuberung ihrer Wohnviertel anstreben und dabei von irakischen Politikern gedeckt werden. 4000 Mann sollen in der Anbar-Provinz aushelfen, wo Al Qaida besonders aktiv sei. Flankiert wird der militärische Vorstoß von einem Aufbau- und Arbeitsbeschaffungsprogramm, das den Irakern die Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage zurückgeben und junge Männer davon abhalten soll, sich den Milizen anzuschließen.

Bush versucht sich an einer schwierigen Doppelbotschaft: Einerseits sei die Lage so schlecht, weil die Iraker selbst zu wenig Verantwortung übernehmen und sich nicht genügend um Frieden zwischen Schiiten und Sunniten bemühen. Diese „sektiererische Gewalt können US-Truppen nicht beenden, das können nur die Iraker selbst“. Er habe Premier Maliki auch erklärt, dass er die Unterstützung des amerikanischen Volkes verliere, wenn er die Vereinbarungen nicht erfülle, sagt Bush und zieht die Augenbrauen bedrohlich zusammen. Bis November werde Irak die Alleinverantwortung für die Sicherheit übernehmen. Andererseits „will die Mehrheit der Schiiten und Sunniten in Frieden leben“, und die USA hätten die Pflicht „dieser jungen Demokratie beim Überleben zu helfen“.

Aber warum soll diesmal funktionieren, was in fast vier Jahren seit Beginn der Invasion misslungen ist? Weil der neue Plan die Lehren aus den Misserfolgen ziehe und ausreichende Ressourcen bereitstelle, antwortet Bush sich selbst – eine gefährliche Begründung, aus der man schließen könnte: Bisher war das nicht der Fall. Vor diesem Termin hatte es geheißen, der Präsident wolle weniger eine Rede halten, als den Amerikanern ein Gespräch anbieten. So einsam wie Bush da nun vor der Kamera sitzt, sieht es eher nach Selbstgespräch aus als nach Dialog. George, allein zu Haus. Mehr wie eine Beschwörung wirkt es, als er sagt: Der neue Ansatz müsse einfach gelingen, weil „die Alternative ein Desaster“ wäre. Wenn Amerika abziehe, stürze Iraks Regierung, und das Land werde zum Rückzugsraum für Terroristen, die die USA angreifen.

Ungewohnt düster endet Bushs Rede. Selbst wenn der Plan optimal funktioniere, werde es zunächst „mehr Gewalt und mehr Tote“ geben. Auch ein Sieg werde anders aussehen als früher, ohne Kapitulationserklärung des Gegners und ohne Siegesfeier. Und die irakische „Demokratie“ sei selbst im besten Fall „nicht so perfekt“ wie im Westen. Da fährt Bushs Zunge kurz über die Unterlippe, als wolle er dieses Eingeständnis gleich wieder wegwischen. Es straft seine Verheißung einer arabischen „Musterdemokratie“ vor Kriegsbeginn 2003 Lügen.

Bush weiß, dass die Demokraten nach Ende seiner Rede über ihn herfallen werden. Er versucht, vorzubauen. Alle Gegenvorschläge habe er „genau erwogen“, sagt er. Ein Truppenabbau, wie ihn die Demokraten fordern, werde „die Kämpfe nur verlängern“. Und dass das kommende Jahr „eine Zeit der Prüfung des Charakters der amerikanischen Nation“ würde. Bush gebe sich keinen Illusionen hin darüber, wie schlecht die Lage sei, hört man aus dem innersten Kreis. Aber wenn Irak tatsächlich im Desaster ende, dann wolle er sich nicht vorwerfen müssen, er habe nicht alles getan, um das Blatt zu wenden. Er weiß, es ist seine letzte Chance.

Er schließt: „Thank you and good night!“ Der übliche Zusatz „May God bless America“ fehlt merkwürdigerweise.

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