Zeitung Heute : Selbsthilfe für die Singles

STEFANIE DÖRRE

"Schauplatz Museum" führt durch den Pygmalion-MythosSTEFANIE DÖRREEine Täuschung ist im strahlenden Weiß der Abgußsammlung antiker Plastik nicht möglich.Kaiser, Amazonen und Heroen, die sich eng ums Publikum gruppieren, verharren riesengroß und leicht angeschlagen auf den Plätzen.So recht verlocken kann der Gedanke ihrer Fleischwerdung nicht, auch wenn die Verwandlung, der Übergang von Schein und Sein das Leitmotiv des Abends bildet, wie Gabriele Müller ausführt.Sie hat die Textauswahl besorgt und, natürlich, Ovids Metamorphosen an den Anfang gesetzt.Daniel Morgenroth vom Deutschen Theater liest von der tiefen Abneigung Pygmalions gegen das weibliche Geschlecht.Doch dann entflammt der Bildhauer für eine Elfenbeinstatue, wunderschön und von ihm selbst geschaffen. Venus erhört sein Verlangen, und unter Pygmalions Händen erwacht die Skulptur zum Leben.Anleitung zur Selbsthilfe für misogyne Singles: Nach gut zwei Dekaden feministischer Forschung bleibt nicht verborgen, daß es bei Ovid neben der Beziehung zwischen Kunst und Wirklichkeit auch um die zwischen Mann und Frau geht.Gegen die heidnische Kunst als Verführung zu Wollust und Wahn wettern die frühchristlichen Denker.Deutlicher wird Jean de Meuns Rosenroman (1280)."Weil das eine sichere Sache ist", gibt sich der Weiberfeind seiner menschgewordenen Eigenkreation hin, einer Blondine, die weder Widerstand noch Klage kennt.Mehr Mühe hat Shaws Mr.Higgins mit "My Fair Lady" Eliza, bevor er durchs Erziehungsexperiment, unter männlichem Beifall und dem frauensolidarischen Mißfallen seiner Mutter, die sprachgewandte Professorenbraut modelliert hat."Pygmalion und die faire Lady" ist das Programm überschrieben, nach Art eines Um-die-Ecke-gedacht-Rätsels, denn die Damen sind zwar schön, aber gerecht waren die Verhältnisse über die Jahrhunderte kaum. Dies war sogar aus der Percussion von Gabriele Kostas heraushören.Stumpf treffen die Holzstäbe auf den Granit, spöttisch nimmt die "Talking Drum" das Versmaß von Goethes ironischer Pygmalion-Romanze auf.Zum Karussell des Küssens rät der Großdichter dem Hagestolz, um gegen die Verführungskünste der einzelnen gewappnet zu sein.Solch guter Vorschlag rief Daniel Morgenroth zu einer - angeblich selbstverfaßten - Zugabe auf: "Hagen stolz" bringt die "Lippe der Xanthippe" durch Rückverwandlung in die elfenbeinerne Figur zum Verstummen.Sarkasmus zwischen Schein und Sein, ein beredter Abend. Abgußsammlung antiker Plastik, wieder am 23.und 29.Januar, jeweils 20 Uhr 

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