Zeitung Heute : Selbstorganisationstatt Polizei

VOLKER GRASSMUCK

Aus welchen Strukturen kšnnte ein "NetzratÒ hervorgehen? VON VOLKER GRASSMUCK

In den 50er Jahren gab es Pläne, die deutsche Presse gesetzlich zu regulieren.Verlage und Journalisten organisierten Widerstand - die Schriftleiterkammern waren gerade erst abgeschafft - und gründeten stattdessen den Presserat als Selbstkontrollgremium der Presse, der vor kurzem sein 40stes Bestehen feierte.Im November letzten Jahres gab der Presserat bekannt, künftig auch Beschwerden von Medienkonsumenten über Presseprodukte im Internet entgegenzunehmen.Vielleicht läßt sich an diesen Erwägungen etwas für eine allgemeine Selbstorganisation der Netz-Ethik lernen. Bislang gab es die ungeschriebenen Benimm-Regeln des Netzes, die Nettiquette.Doch eine kontinuierlich arbeitende und für alle offene Schiedsstelle für problematische Äußerungen im Netz gibt es nicht.Aus welchen Strukturen könnte ein "Netzrat" hervorgehen? Was im Presserat die Verleger sind, wären im Netz die Access- und Content-Provider.Für die technische Selbstorganisation des Netzes gibt es offene Gremien wie die Internet Engineering Task Force.Jeder, der sich engagiert, ist willkommen, weil sein Vorschlag zu einer eleganten, zügigen Lösung des anstehenden Problems beitragen könnte. Einen vergleichbaren "offenen Ältestenrat" könnte man sich auch für die kommunikations-ethischen Fragen der Matrix denken.Er müßte im Interesse seiner Unabhängigkeit ähnlich wie der Presserat mit Bundesmitteln ausgestattet werden.Und er müßte von Anfang an ähnliche Initiativen europa- und weltweit anregen.Da der Pressekodex (gedacht für professionelle journalistische Arbeit) nur bedingt anwendbar ist, wären die Menschenrechte zunächst eine naheliegende Entscheidungsgrundlage.Eine eigenständige, den spezifischen Anforderungen der Netzkommunikation angepasste Ethik würde nach und nach aus der Spruchpraxis, aus den Präzedenzfällen hervorgehen und in einem Pressekodex münden. Ein Mediengewissen, das sich in Bescheidenheit übt, sich eher als Mittler, denn als Gerichtshof sieht, das kritisch und kämpferisch in den offenen Moralbildungsprozeß eingreift, auch vor Richter- und Politikerschelten nicht zurückschreckt - also so etwas wie den Presserat - das bräuchte das Internet, um sich die Polizei aus dem Haus zu halten.

Der Autor ist Medienwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

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