Zeitung Heute : Seltsame Bräuche

Die Pfingstrose galt früher als mächtige Heil- und Zauberpflanze

Gert D. Wolff

Mit ihren bezaubernden Blüten verstehen es Pfingstrosen jedes Jahr aufs Neue, ihre Liebhaber zu faszinieren: üppig gefüllt oder einfach blühend, von sattem Rot über zartes Rosa bis hin zu reinem Weiß oder sogar zweifarbig. Dank züchterischer Fleißarbeit sind aus den 33 bekannten Arten der Päonie, wie sie botanisch heißt, inzwischen Tausende Sorten hervorgegangen. Kein Wunder, dass sie seit langem zu unseren beliebtesten Gartenstauden gehört.

Die Popularität der attraktiven Staude reicht weit zurück bis in die Antike, beruhte aber zunächst weniger auf ihrer Schönheit. Vielmehr galt die Päonie früher als eine der wichtigsten Heilpflanzen. Man sagte ihr auch magische Kräfte nach, die es durch alt überlieferte, heute oft nur schwer zu verstehende Bräuche und abergläubische Praktiken zu nutzen galt.

Nach der griechischen Mythologie geht der Name der Pflanze auf den Götterarzt Paeon zurück, einen Schüler des Aesculap. Er soll mit der Wurzel der geheimnisvollen Blume die Wunden des Unterweltgottes Pluto aus dessen Kampf mit Herakles geheilt haben. Der römische Dichter Vergil berichtet sogar von der Wiedererweckung eines Toten mit Hilfe einer Päonie. Eine andere Erklärung führt ihren Namen auf die alt-makedonische Landschaft Paeonia zwischen dem heutigen Makedonien und West-Bulgarien zurück, in der sie schon damals verbreitet war. Zu den sehr alten Arten gehört auch unsere Bauernpfingstrose (Paeonia officinalis). Im frühen Mittelalter brachten vermutlich Benediktinermönche aus Italien die Päonien und das antike Wissen um ihre Heilkraft nach Deutschland. Die „Benediktinerrose“, wie Paeonia officinalis auch genannt wurde, durfte fortan in keinem Klostergarten fehlen. Von dort aus eroberte sie bald auch die Bauerngärten. Seit dem 16. Jahrhundert machte die gefüllt blühende Form von Paeonia officinalis als „Apothekerrose“ Furore. Erst Ende des 18. Jahrhunderts kamen aus China die Vorläufer der heutigen Edelpfingstrosen hinzu, die dort seit rund 2000 Jahren kultiviert und besonders verehrt werden.

Wie schon von den antiken Autoren beschrieben, setzte man die Heilpflanze – vor allem ihre getrocknete Wurzel – früher vor allem zur Behandlung von Gicht, Rheuma, Asthma, Epilepsie und Geisteskrankheiten ein. Tatsächlich enthalten Pfingstrosen wie etwa Paeonia officinalis krampflösende, schmerz- und blutstillende Wirkstoffe. Die „Königin der Kräuter“ gehörte bald zu den wichtigsten Pflanzen im Bauerngarten. Als „Rose ohne Dornen“ wurde sie zu einem beliebten Mariensymbol und zum Attribut der Gottesmutter, in Liedern besungen und häufig auf gotischen Tafelbildern dargestellt.

Auch im Aberglauben war die einstige Wunderpflanze, die in der heutigen Heilkunde – außer in der Homöopathie – nicht mehr verwendet wird, früher tief verwurzelt. Selbst die berühmten Kräuterbuchautoren gaben Empfehlungen ab, über die man aus heutiger Sicht eher schmunzeln kann. Wer eine getrocknete Päonienwurzel um den Hals oder ihre schwarzen Samenkörner in der Tasche trug, fühlte sich vor Dämonen und den – so glaubte man – durch sie verursachten Krankheiten ebenso geschützt wie vor Albträumen, Gespenstern und Unwettern. Neugeborenen legte man einen „Gichtrosenstängel“ ins Badewasser, um dem gefürchteten Gebrechen vorzubeugen. Und eine Halskette aus Pfingstrosensamen – sogenannten Fraisperlen oder Schreckkörnern – sollte Kinder vor Fieberkrämpfen und dem Aufschrecken aus dem Schlaf schützen. Außerdem glaubte man, dass sie durch das Kauen auf den harten Samenkörnern „leicht zahnen“ würden. Deshalb nannte man die Samen auch Zahnperlen. Aus heutiger Sicht ein nicht ungefährlicher Brauch, weil die schwach giftigen Päoniensamen zu Erbrechen und Durchfall führen können. Die um Mitternacht beschaffte Zauberpflanze sollte nach alter Überlieferung als „Springwurzel“ sogar Türen und Schlösser öffnen können und zu verborgenen Schätzen führen. Antiken Autoren zufolge durfte man sie ohnehin nur nachts ausgraben oder ihre Samen sammeln. Bei Tageslicht würde ein Specht – vermutlich das Orakeltier des Mars – sie bewachen und dem Frevler unweigerlich die Augen auspicken. Auf diese antike Vorstellung geht vielleicht auch ein alter schwäbischer Volksglaube zurück, der empfahl, eine Päonie nur vor Sonnenaufgang auszugraben. Noch besser ist es aus heutiger Sicht, die einstige Wunderpflanze möglichst ungestört an ihrem gewohnten Platz im Garten stehen zu lassen und sich einfach nur an ihren zauberhaften Blüten zu erfreuen.

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