Zeitung Heute : Seltsame Weihnachtsgeschenke

ECKART SCHWINGER

Edda Mosers Abschied als Opernsängerin im SchauspielhausECKART SCHWINGERMit dem Schlußgesang der Brünnhilde aus der "Götterdämmerung" nahm Edda Moser Abschied von ihrer Bühnenlaufbahn.Die aus Berlin stammende Künstlerin (Tochter des Musikwissenschaftlers Hans Moser) war einst an den Opernhäusern der Welt zu Hause und genoß aufgrund ihrer singschauspielerischen Intelligenz und Vielseitigkeit hohes Ansehen.Seit Jahren gibt sie als Kölner Gesangsprofessorin ihre Erfahrungen an den Nachwuchs weiter.Ihren Geburtsort hatte sie sich nun für ihren letzten Auftritt als Opernsängerin auserkoren.Und da sie 1968 in Salzburg als 1.Rheintochter unter Karajan im "Rheingold" ihre internationale Karriere begonnen hatte, sollte sich nun folgerichtig der Kreis mit Brünnhildes Schlußgesang "Starke Scheite schichtet mir dort" schließen. Und so kam es, daß man vier Tage vor Weihnachten das wohl unweihnachtlichste Stück der gesamten Musikliteratur in einem Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Rafael Frühbeck de Burgos beschert bekam.Zu dem gesalzenen Allerlei aus dem Weltuntergangsspiel mit der wenig klangsinnlich und wenig lustig gespielten Rheinfahrt Siegfrieds gehörte auch der niederschmetternde Trauermarsch aus der "Götterdämmerung", den Frühbeck de Burgos, wie seinen gesamten Wagner, sehr einschichtig mit altmodisch donnerndem Pathos präsentierte. Mit einer moderneren Akzentuierung und spürbaren Leidenschaft bot dagegen Edda Moser den Schlußgesang der Brünnhilde.Mit viel Konzentrationsvermögen ließ sie auch in der konzertanten Version etwas ahnen von der tiefen Bitterkeit und tragischen Größe dieser gedemütigten, getäuschten, aufbegehrenden Frau.Gleichwohl wirkte einiges rein sängerisch nun doch zu gequält, zu mühsam formuliert.Sinnenhaften Stimmglanz und Textverständlichkeit vermißte man leider zu sehr.In der Stadt, in der gleich zweimal der komplette "Ring"-Zyklus angeboten wird, stimmte diese kleine, in diesem Falle verständlicherweise mit grossem Beifall bedachte Wagner-Begegnung im Schauspielhaus jedoch auch nachdenklich.Zumal Frühbeck de Burgos nicht als ein idealer Wagner-Dirigent hervortrat und den akustischen Einheitsrausch noch forcierte. Dieser Eindruck verdichtete sich bei der monströsen Tondichtung "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss.Der unphilosophische Nietzsche-Versuch, bei dem vor allem Richard Strauss sein bajuwarisches Naturell in den Vordergrund rückt, seinen maßlosen Hang zur Selbstdarstellung und zur luxuriösen Klangartistik, geriet nur mittelprächtig.Seitens des RSB wurden zwar enorme dynamische Energien entfacht, aber die verführerischen Strauss-Farben, wie sie die Dresdner Staatskapelle hochgeschliffen hervorzaubert, fehlten.Ein Vergnügen waren die finessenreichen Violinsoli von Rainer Wolters.Aber als ein wirklich schönes musikalisches Weihnachtsgeschenk wird man dieses großbürgerliche Prunkstück nicht betrachten können.

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