Zeitung Heute : Seminarziel BürgermeisterJeder dritte Absolvent gewinnt

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Von Walter Schmidt

So etwas passiert eigentlich nur im Film: Zwei Männer besuchen einen Kursus, in dem sie lernen wollen, wie man am erfolgreichsten Bürgermeister wird. Abends beim Bier gerät man ins Plaudern, und irgendwann finden die beiden heraus, welchen Bürgermeisterstuhl sie erobern möchten – den selben nämlich, in der selbeng Schwarzwald-Gemeinde. Paul Witt erzählt den Vorfall noch immer gerne. Der Diplom-Verwaltungswirt ist Professor an der Fachhochschule Kehl und veranstaltet im kommenden Oktober das siebte „Seminar für Bürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten“ - eine in dieser Form „einzigartige Veranstaltung bundesweit“.

Nur in Kehl und Ludwigsburg, mit dessen Fachhochschule die Kehler seit drei Jahren zusammenarbeiten, kann man an einer öffentlichen Hochschule das Rüstzeug zum Einzug ins Rathaus erwerben. Eine ähnliche Hilfe bieten auch private Unternehmensberater, „doch die sind zum Teil sehr viel teurer als wir und qualitativ nicht annähernd so gut“, sagt Witt. Die Referenten seien „sehr renommiert“, unter ihnen sind Professoren, echte Bürgermeister und ein Autor von Standardwerken zum Thema.

Kurzreden vor der Kamera

Seit dem ersten Kurs im Jahr 1995 haben über hundert Interessierte, zumeist Männer, an den Seminaren teilgenommen und dabei allerlei Praktisches gelernt: Welche Wahlversprechen kann ich machen? Wie vermeide ich, dass meine Wahl anfechtbar ist? Wie organisiere ich meinen Wahlkampf? Was muss ich für den Job mitbringen? Und natürlich: Wie präsentiere ich mich meiner Wählerschaft? Denn längst müssen sich politische Bewerber in einer Mediengesellschaft behaupten. „Die entscheidende Veranstaltung im Wahlkampf ist die öffentliche Kandidatenvorstellung,“ sagt Paul Witt. Deshalb proben die Bewerber auch Kurzreden vor der Kamera und den Umgang mit dem Wahlvolk. „Wir opfern einen ganzen Tag, um das zu üben“, sagt Witt über das Training.

Teilnehmen können Bewerber aus ganz Deutschland, denn nach der Wiedervereinigung haben nicht nur die neuen, sondern auch die alten Flächenländer die süddeutsche Ratsverfassung mit der Direktwahl des Bürgermeisters übernommen. Im Osten Deutschlands werden inzwischen die Bürgermeister knapp, so dass man mancherorts froh wäre, überhaupt noch Bewerber zu finden – und diesen könnte ein Schnellkurs nicht schaden. Witt: „Wir setzen keine fachlichen Qualifikationen voraus, weil auch für das Amt des Bürgermeisters keine vorausgesetzt werden.“ Nur EU-Bürger und in der Regel 25 Jahre alt müssten Kandidaten sein.

Viele Verwaltungsprofis

Etwa die Hälfte von ihnen stamme aus dem gehobenen oder auch höheren Verwaltungsdienst, „der Rest ist bunt gemischt“ und reiche vom Apotheker über den Arzt zum Geografen und Sozialarbeiter, berichtet Witt. Da 90 Prozent der Kursteilnehmer in einem Beruf stecken, oft genug bei einer Gemeinde, wird an der Kehler Akademie Diskretion groß geschrieben. Witt: „Die möchten nicht, dass ihr Bürgermeister erfährt, dass sie demnächst selber kandidieren wollen“ – womöglich gegen den eigenen Chef.

Der Ertrag des Kehler und Ludwigsburger Angebotes kann sich sehen lassen. „Wir haben eine nachgewiesene Erfolgsquote von 30 Prozent“, sagt der Verwaltungsfachmann. Jeder Dritte wird also tatsächlich gewählt. Doch die Dunkelziffer sei groß, denn längst nicht alle Kandidaten bewürben sich tatsächlich um das Amt oder meldeten ihr Abschneiden zurück. Die meisten kämen jedoch mit ernsthaften Absichten und hätten bereits eine konkrete Gemeinde im Blick, wodurch ihnen auch besonders gezielt geholfen werden könne. „Manche allerdings verabschieden sich und sagen, der Bürgermeister-Beruf ist doch nichts für mich“, hat Witt erlebt. Für diese Erkenntnis seien die Betreffenden dankbar, denn so hätten sie nur 500 Euro für ein Seminar ausgegeben, „der Wahlkampf hätte sie aber vielleicht 10 000 gekostet“.

Von Lust und Last

Kursteilnehmern wird das Amt keineswegs in den schönsten Farben ausgemalt. „Wir vermitteln schonungslos, dass der Posten zeitintensiv ist, die Familie zerrütten kann und psychisch sehr anstrengend ist“ sagt Witt. „Das unterschätzen manche.“ Eine Lehreinheit heißt denn auch „Von der Lust und Last des Amtes“.

Bleibt die Frage, wie die beiden eingangs erwähnten Bewerber um den selben Bürgermeister-Posten ihr Dilemma aufgelöst haben: sehr diplomatisch. „Sie sagten, sie wollten nicht gegeneinander kandidieren“, berichtet Witt. So bewarb sich einer um das Bürgermeister-Amt in der Nachbargemeinde. Beide setzten sich durch und sind noch heute im Dienst.

Die Kosten für das dreitägige Seminar in Kehl betragen 500 Euro. Darin enthalten sind Fachliteratur und die Pausengetränke. Das diesjährige Seminar läuft vom 17. bis 20. Oktober. Infos: Fachhochschule Kehl, 078 51 / 894 - 103 (Fax: -100), E-Mail: sexauer@fh-kehl.de ; www.fh-kehl.de/kehlerakademie/buergermeister/ bürgermeisterkandidatenseminar.pdf.

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