Zeitung Heute : Sendlers Liste

Irena Sendler half vor sechzig Jahren den Ärmsten im Warschauer Ghetto und schmuggelte hunderte von Kindern auf die andere Seite. Bis die junge Frau verraten wurde

Thomas Roser[Warschau]

Nur ein paar Gramm Silber sind Elzbieta Ficowska als Erinnerung geblieben. Sie sagt „Pass“ dazu. Es ist ein Löffelchen, in das ihr Geburtsdatum und ihr Vorname eingraviert sind. Diesen Löffel haben ihr die Eltern zugesteckt, im Juli 1942 im Warschauer Ghetto – zum Abschied. Fünf Monate war Elzbieta damals alt. Sie sollte wissen, dass sie einmal Eltern hatte.

Elzbieta Ficowska ist ein paar Monate vor dem Aufstand im Warschauer Ghetto – der sich dieser Tage zum sechzigsten Mal jährt – aus seinen Mauern herausgeschmuggelt worden. Sie war eines von rund 2500 jüdischen Kindern, die auf diese Weise den Gaskammern entkommen sind. Die Frau, die damals die Rettung organisierte, heißt Irena Sendler.

Viel Aufhebens darum macht die alte Frau nicht. „Allein hätte ich die Kinder niemals retten können,“ sagt sie. Sie hatte ein knappes Dutzend Helfer. Irena Sendler ist heute 93 Jahre alt, sie sitzt in ihrem Zimmer in einem Warschauer Altersheim, ein schwarzes Band im weißen Haar. Im Krieg habe sie nur das getan, was ihr der Vater, ein Armendoktor, immer gesagt habe. „Wenn ein Mensch zu ertrinken droht, reich ihm die Hand.“

Vor Kriegsausbruch war Irena Sendler als Sozialarbeiterin bei der Stadt Warschau beschäftigt, kümmerte sich dort um verarmte Familien. Nach ihrem Einmarsch im September 1939 nahmen die deutschen Besatzer den Juden – knapp einem Drittel der Warschauer Bevölkerung – jeglichen Anspruch auf staatliche Hilfsleistungen. Und mit der Abriegelung des Ghettos im November 1940 wurde ihre Lage noch schlechter. Unterernährung und Krankheiten kosteten monatlich Tausenden das Leben. Mit ein paar Freunden begann Irena Sendler auf dem Warschauer Sozialamt, Hilfe für die ärmsten der hungernden Ghetto-Bewohner zu organisieren. Mit gefälschten Dokumenten, auf denen statt der Namen jüdischer Antragssteller die polnischer Familien eingetragen waren, verschaffte sie sich aus der städtischen Sozialkasse Mittel zur Unterstützung jüdischer Familien. Der Direktor des Gesundheitsamtes verschaffte Sendler Zugang zum Ghetto: Er stellte ihr und ihren Helfern Passagierscheine aus – als „Sanitäter“.

In Kartons und Säcken

„Die Deutschen hatten unheimlich Angst vor Epidemien, darum genehmigten sie den polnischen Gesundheitsbehörden die Kontrollen im Ghetto“, erzählt die alte Frau. Im Ghetto habe sie die „Hölle auf Erden“ gesehen. „Die Leute starben mitten auf den Straßen“, berichtet sie. Sie nahm Kontakt zu den bedürftigsten Familien auf und schlug den Eltern vor, die Kinder auf die andere Seite der Ghetto-Mauer zu schmuggeln. Dort wollte sie sie bei polnischen Pflege-Familien oder in Waisenhäusern unterbringen.

„Die erste Frage war stets: ’Könnt ihr den Erfolg der Sache garantieren?’ – und wir mussten verneinen: Denn wir konnten nicht einmal sicher sein, ob wir selbst lebend das Ghetto verlassen würden“, sagt sie. „Furchtbare Szenen“ hätten sich abgespielt, wenn sich die Eltern dazu entschlossen hätten, ihre Kindern wegzugeben. Manchmal habe ein Elternteil weinend zugestimmt, das andere eine Weggabe der Kinder kategorisch abgelehnt. „Ich träume immer wieder davon“, sagt Irena Sendler.

Die Lebensretter schmuggelten Kleinkinder in Kartons und Säcken im Sanitätswagen oder unter Sitzen der Straßenbahn an der Kontrolle vorbei. Babys bekamen Schlafmittel, trotzdem fingen sie oft an zu weinen. Deshalb sei im Sanitätswagen stets ein Hund mitgefahren. In den Bauch gekniffen, übertönte sein Jaulen das Wimmern der Kinder. Der Hausmeister eines Gerichtsgebäudes, das auf der Grenze zum Ghetto lag, öffnete den Schleusern gelegentlich die Hintertür, doch dann wurde dieser Fluchtweg verraten.

Aber noch schwerer als zu fliehen war es, für die Kinder einen sicheren Aufenthaltsort jenseits der Ghetto-Mauern zu finden. Sendler war seit 1942 Leiterin des Kinderreferats der polnischen Juden-Hilfsorganisation „Zegota“. Sie besorgte die Unterbringung der Flüchtlinge und gefälschte Dokumente, fand Pflegeeltern und Waisenhäuser. Die Kinder mussten von einem Tag auf den anderen ihren jiddischen Akzent ablegen, ihre Eltern verleugnen, sich eine neu ersonnene Vergangenheit und das Wissen um katholische Bräuche aneignen. Auf hauchdünnen Papierstreifen notierte Irena Sendler die alten und die neuen Namen der Kinder: Mit diesen Listen wollte sie ihnen ihre Vergangenheit bewahren – nach dem Krieg die Suche nach Angehörigen erleichtern.

Im Oktober 1943 wurde sie verraten und in ihrer Wohnung von der Gestapo verhaftet: Es gelang ihr noch, die Listen einer gerade anwesenden Freundin zu übergeben. In den Folterkellern der Geheimpolizei wurden ihr die Arme gebrochen, die Narben hat sie bis heute. Aber verraten hat sie nichts. Bereits zum Tod verurteilt, wurde sie kurz vor der geplanten Exekution von einem von der „Zegota“ bestochenen Gestapo-Funktionär freigelassen und als erschossen gemeldet. Das Bestechungsgeld müsse „enorm hoch“ gewesen sein, sagt Irena Sendler: Doch es sei weniger der Respekt vor ihrer Arbeit als die Angst vor ihrem Tod gewesen, der die „Zegota“ dazu veranlasst habe: „Die ,Zegota’ wusste nicht, wo meine Listen waren, und mit mir wäre die Chance verschwunden, die Kinder nach dem Krieg aufzuspüren.“ Die in ein Glas gesteckten Listen vergrub sie später im Garten einer Freundin. Später sind sie dann nach Israel gebracht worden.

Im sozialistischen Nachkriegspolen wurden die Verdienste von Irena Sendler kaum gewürdigt, stattdessen bekam die Katholikin die antisemitischen Vorbehalte der Machthaber zu spüren. 1965 verlieh ihr die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem die Medaille der Gerechten. Und 1983 durfte sie nach Israel reisen, um dort einen Baum zu pflanzen – und ein Wiedersehen mit einigen ihrer Ghetto-Kinder zu feiern. Bis heute erhalte sie von „ihren Kindern“ Briefe aus der ganzen Welt, sagt sie. „Sie kümmern sich sehr gut um mich.“

Die Eltern auf immer verloren

Als Pflegekind einer Freundin, die Irena Sendler bei der Rettung der Ghetto-Kinder half, hat Elzbieta Ficowska den Krieg überlebt – und mit 17 Jahren von ihrer Herkunft erfahren. Aber trotz aller Recherchen konnte sie keine Angehörigen finden. Von Schulfreunden und überlebenden Ghetto-Bewohnern weiß sie zumindest vom Schicksal ihrer Eltern. Die Mutter war kurz nach der Trennung von der Tochter gestorben, der Vater weigerte sich, den Zug ins Lager zu besteigen und wurde erschossen.

Für viele der sehr jung geretteten Kinder sei die späte Kenntnis über ihre Herkunft eine „traumatische Erfahrung“ gewesen, sagt Elzbieta Ficowska. „Manche erfahren erst wenn die Pflegeeltern auf dem Totenbett liegen, dass sie jüdische Eltern hatten.“

Die Vereinigung der „Kinder des Holocaust“ müht sich inzwischen, Irena Sendler für den Friedensnobelpreis nominieren zu lassen. Groß seien die Chancen nicht, sagt Elzbieta Ficowska. In der Satzung der Nobel-Stiftung steht, dass der Preis nur für aktuelle Friedens-Bemühungen vorgesehen ist. „Wir sind aber der Ansicht, dass die Rettung der Kinder bis heute eine aktuelle Wirkung hat.“ Irena Sendler interessiert sich wenig für die Würdigung ihrer Rettungstaten. „Ich tat, was ich tun musste“, sagt sie, „die Helden waren nicht wir, sondern die Kinder und Eltern, die sich voneinander trennen mussten.“ Kinder, die von ihren Eltern nur ein Löffelchen übrig haben, ihren Pass.

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