Zeitung Heute : Sessel suchen

Wie ein Neuberliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ob sein Herz in der großen Stadt schon einen Ohrensessel gefunden habe, fragt Nachbar und Freund K. den Neuberliner. Herzen brauchen nämlich Ohrensessel und wollen höchstens quartalsweise gefährlich leben. Einen Klappstuhl, den habe sein Herz immerhin schon, so der Neuberliner (nämlich den Kurpfälzer-Stammtisch im „Atame“ in der Dircksenstraße 40, montags 21 Uhr, gepriesen vor drei Wochen an dieser Stelle).

Ab und zu holt sich der Neuberliner einen Eindruck vom gefährlichen Leben. Das geht am besten im Café Schwarz-Sauer in der Kastanienallee. Dort kann er den künstlerisch veranlagten Jungmenschen mit Ringen unter den Augen dabei zuschauen, wie sie Ideen für multimediale Installationen in schwarze Moleskine-Notizbücher eintragen, oder wie sie mit Leuchtstift einen Slavoj-Žižek-Band vollmalen, dabei Lenin lieben lernen und erfahren, welche Revolutionen die Globalisierung schenken wird.

Der Neuberliner will keine Revolution. Er will einen Ohrensessel für sein Herz, denkt der Neuberliner beim Verlassen des Schwarz-Sauer. Und dafür, so beschließt er, will er der großen Stadt Zeit geben. Ein Jahr muss reichen.

Das Lieblingsschaufenster des Neuberliners findet sich zwölf Schritte vom Schwarz-Sauer in nördlicher Richtung. Es ist nur ein Schaufenster, das Geschäft dazu ist im Hinterhof. Die verschiedensten Exemplare von alten und uralten Computern sind in der Auslage zu sehen. Da ist zum Beispiel der hübsche Atari 800 XL mit der klobigen Datasette (so schön hießen die Kassettenrekorder, mit denen man Daten aufnehmen konnte – einige Minuten Aufnahme für ein paar Kilobyte). Die Achtzigerjahre, denkt der Neuberliner, begannen mit dem Wort „Datasette“. Auch ein Sinclair ZX 81 ist zu sehen, der erste erschwingliche Homecomputer, noch vor dem Commodore VC 20 auf den Markt gekommen, im Jahr 1980: Ein schwarzes Kästchen mit winziger Folientastatur. Hatte man die Speichererweiterung mit 16 Kilobyte, konnte man „Pong“ spielen, eines der ersten Computerspiele, das bisweilen auch einfach „Tennis“ genannt wurde, und bei dem man mit zwei Balken ein kleines Quadrat in Bewegung halten musste. Wenn das kleine Quadrat einen Balken berührte, machte es „Pong“. Allerdings nicht beim ZX 81, denn der hatte im Unterschied zu den ersten Spielkonsolen keine Lautsprecher, die hätten „Pong“ machen können. Der Neuberliner spielte an seinem ZX 81 Anfang der Achtziger also Tennis ohne „Pong“, und ihm wird ganz anders, wenn er daran denkt. Aber eines Tages, da ist er sicher, wird sein Herz wieder in einem Ohrensessel sitzen und „Pong“ spielen.

Abends, am Kurpfälzer-Stammtisch, kriegt der Informatikstudent M., Jahrgang 1980, große Augen, als sich die Runde der Mittdreißiger Geschichten aus der Computer-Steinzeit erzählt. M. kennt sich mit neuronalen Netzen aus, von denen die Übrigen so wenig wissen, wie von den kommenden Revolutionen. Aber er weiß nicht, wie ein Sinclair ZX 81 nach dem Auspacken gerochen hat. S., Jahrgang 1970, meint, dass wir in Sachen Computer Vollhumanisten seien, ohne Englisch.

„Fux-Data Computersysteme“, Kastanienallee 11, Prenzlauer Berg, 10435 Berlin.

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