SEVENTIES-SOFTROCKMidlake : In der Mitte von Nirgendwo

Jörg W,erD

Natürlich kann man nicht dauernd das Rad neu erfinden. Aber sollte man von zeitgenössischer Popmusik nicht etwas mehr erwarten als die virtuose, aber im Kern wenig originelle Aneignung eines jahrzehntealten Stilvokabulars? Nun gibt es eine Menge Bands, die auf diese Frage mit „Nö!“ antworten würden. Aber nur ganz wenige, die dies mit solch breitbeiniger Lässigkeit hinkriegen wie Midlake.

Dabei hat sich das Quintett aus dem texanischen Middle-of-Nowhere-Städtchen Denton zu allem Überfluss ein Betätigungsfeld ausgesucht, das bis vor kurzem als No-Go-Area der Pophistorie galt: der Softrock der frühen Siebziger, der von Bands wie America, Crosby, Stills & Nash (ohne Young), frühen Eagles oder späten Hollies zu lähmender Perfektion geformt und so lange konserviert wurde, bis Punk damit kurzen Prozess machte. Doch die Zeit heilt viele Wunden, und so wurde Softrock erst als „guilty pleasure“ teilrehabilitiert, ehe sich junge Hüpfer wie Midlake offensiv dazu bekannten. Auf ihrer zweiten Platte „The Trials of Van Occupanther“ rezipieren sie die schwebenden Satzgesänge, trägen Grooves und traumwandlerischen Arrangements mit Hingabe und fügen ihnen eine polyvalente Offenheit hinzu. „The Courage of Others“ setzt genau an diesem Punkt an und erweitert die elf allesamt wie künftige Klassiker klingenden Songs durch wattebäuschige Folkrock-Verweise und noch eine Idee himmlischere Marshmellow-Melodien.

Und was ist mit Wagnis, Revolution, Bilderstürmerei? Wer das sucht, kann zeitgleich zu den Progressivmetallern Mastodon (Columbia Club) oder den jungen Disco-Glampunks Delphic (Bang Bang Club) pilgern. Alle anderen legen sich bei Midlake in die Späthippie-Klanghängematte.Jörg Wunder

Lido, Di 9.2., 21 Uhr, 15 €

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