Zeitung Heute : Sex und Maschine

Alles war heiß und wüst – und genau kalkuliert. Zum Tod des Godfather of Soul: James Brown

Gerrit Bartels

Es war Mitte der 80er Jahre, als James Brown ein unerwartet erfolgreiches Comeback feierte. Die Disco-Kultur hatte es nicht gut mit ihm gemeint, und die Gelegenheit, einen Song für den vierten Teil der Stallone-Boxer-Saga „Rocky“ beizusteuern und dort auch zu performen, war fast sowas wie eine letzte Chance für ihn. „Living in America“, so hieß der Song, wurde ein Top-Ten-Hit und bescherte Brown einen Grammy, nicht zuletzt seines Inhalts wegen – zumal Brown nichts dagegen hatte, dass der Song auf Ronald Reagans Wahlkampfveranstaltungen lief. Das brachte die schwarze Community Amerikas in helle Aufregung, zeugten Song und Begleitumstände doch davon, dass der amerikanische Patriotismus bei James Brown genauso tief verwurzelt war wie der Glaube, auf ewig der „Godfather of Soul“ oder ein „Funky Drummer“ sein zu können. Doch verlief Browns Comeback noch auf einem anderen Gleis: Viele Rapper in den Schwarzenghettos von South Central, Harlem und Watts entdeckten ihn wieder und begannen, ihn zu kopieren und zu sampeln. Zwei Anwälte aus seinem Clan kümmern sich seitdem ausschließlich darum, Copyright-Zahlungen für James-Brown-Samples einzutreiben.

Es war dies ein Comeback, das nur zu gut die Widersprüchlichkeit verdeutlichte, die die Musik und nicht zuletzt das politische Wirken von James Brown immer begleitet haben. „Ich bin Entertainer, kein Revolutionär“, entgegnete er auf die Vorwürfe, sich an die Reagan-Regierung zu verkaufen, und natürlich war er in seinen großen Zeiten von Ende der 50er bis Mitte der 70er Jahre in erster Linie Entertainer. Doch als schwarzer Musiker von seiner Größe und seinem Einfluss prägte er das schwarze Selbstbewusstsein – und wurde von Gruppierungen wie den Black Panthers auch dazu angehalten, dieses zu repräsentieren. Brown schrieb Songs wie „Say It Loud (I’m Black and I’m Proud)“ oder „Get Up, Get Into It and Get Involved“ – aber er spielte eben auch für Nixon im Weißen Haus zu dessen Amtsantrittt und nahm den Song „America Is My Home“ auf, nachdem er auf US-Truppen-Besuch in Vietnam war.

Schon 1968 hatte er nach der Ermordung von Martin Luther King Rassenunruhen verhindert, als er den Bürgermeister von Boston dazu brachte, sein am Abend des Attentats angesetztes Konzert im Fernsehen übertragen zu lassen. Das sechs Stunden dauernde Konzert hielt zumindest in Boston die Leute davon ab, auf die Straße zu gehen. Browns Botschaft: „Don’t terrorize. Organize. Don’t burn. Learn. (...) Be qualified. Own Something. Be somebody. That’s Black Power“. Das aber war auch im Sinn des weißen Establishments – Lyndon B. Johnson bedankte sich persönlich. Brown verkörperte zum einen den typisch weißen Traum „Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär“– er war andererseits lange vor Musikern wie Quincy Jones oder Jay-Z einer der ersten schwarzen das eigene Schaffen perfekt kontrollierenden Pop-Kapitalisten. Ihm gehörten Radiostationen, Restaurants, Grundstücke, ein Schloss und ein Flugzeug.

Diese Karriere war nicht abzusehen, als James Brown 1933 in der Nähe von Augusta, Georgia, geboren und von einer Tante aufgezogen wurde. Er schlug sich als Baumwollpflücker und Schuhputzer durch, versuchte sich als Boxer und Baseballspieler und musste wegen eines Autodiebstahls drei Jahre ins Gefängnis. Hier begann seine Karriere, hier spielte er in einen Gospelchor, hier nahm er sich vor, Popstar zu werden. Mit Bobby Bird gründete erAnfang der 50er Jahre die Famous Flames und entwickelte seinen berühmten Gesangststil: mit all den Brüllern, Jauchzern und Jaulern, mit all den kurzen, hervorgestoßenen Hachs und Heys und den langen, in kreischendes Falsett mündenden Schmerzenschreien. Brown behandelte R&B-Songs wie Gospel-Standards, er war Prediger und Sänger, Erlöser und musikalischer Innovator in einem. Mitte der 60er Jahre hob er den Rhythm & Blues mit Songs wie „Papa’s Got A Brandnew Bag“ und „Cold Sweat“ auf eine weitere neue Ebene. Der Rhythmus übernahm die Form, wurde selbst zum Song, und der Song war nichts als die reine Ekstase, der reine Zustand. Brown peitschte als Ekstasetechniker Formeln wie „I Got A Feeling“, „Make It Funky!“ oder „All Night Is Alright“ zum Stakkato der Bläser und Funkgitarren, begleitet von Bassfiguren und dem polyrhythmischen Hämmern der Perkussionisten.

Das aufregend Widersprüchliche an Browns Musik, gerade bei den Live-Auftritten, war sein Vermögen, das Spontane zum Ritual zu machen: Alles war heiß, wüst, pulsierend, und doch war alles auch inszeniert und perfekt durchchoreographiert. Browns Musik war zugleich Ekstase und Kontrolle und, in Abwandlung seines berühmtesten Songs: Sex und Maschine. Alles andere als funky und ausgelassen aber war Browns Umgang mit seinen Mitmusikern (und Partnerinnen). Er hetzte sie durch endlose Tourneen, plagte sie mit mitternächtlichen Proben, verlangte gar Ehrbezeugungen. Viele von ihnen gingen dann zur Konkurrenz, etwa zu Sly Stone oder Clintons Funkadelic.

Bis Mitte der 70er Jahre trug Brown zu Recht Titel wie „The Hardest Working Man In Showbusiness“ oder „James ,Butane’ Brown“ – dann aber kam Disco und Browns Versuch, auch „The Original Disco Man“ zu werden, ging daneben. Brown machte nur mehr Schlagzeilen durch hohen Drogenkonsum und seine Ehezerwürfnisse. Sein Comeback 1985 und sein guter Ruf in der HipHop-Szene halfen ihm wenig, als er sich 1988 in Georgia eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte. Er wurde verhaftet und landete wieder dort, wo er fast 40 Jahre zuvor ausgezogen war, ein großer Entertainer zu werden: im Gefängnis, verurteilt zu sechs Jahren Haft, von denen er drei absaß. Er kam zurück, aber nur noch, sofern es seine Gesundheit zuließ, auf die Bühnen dieser Welt. Auf diesen jedoch bestätigte er einmal mehr, obwohl merklich gealtert und arg zersaust, was einer seiner langjährigen Mitstreiter, Fred Wesley, schon früh von ihm behauptet hatte: „James Browns ganzer Stolz war seine Show. Sein ganzes Leben drehte sich allein darum, Menschen zu unterhalten.“

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