Zeitung Heute : „Sex verkauft sich nicht so gut, wie Sie denken“

Benedikt Taschen ist durch die Kunst schwerreich geworden. Er kannte Martin Kippenberger – und ist einer seiner größten Sammler.

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Benedikt Taschen, 46, hat 1980 in Köln seinen Verlag gegründet – heute ist er der weltweit größte Verkäufer von Kunstbüchern mit Läden und Büros auf drei Kontinenten. Der Fotograf Helmut Newton nannte ihn „einen Verrückten“; Taschen brachte u. a. einen 34 Kilogramm schweren Bildband über Muhammad Ali heraus. Interview: Verena Mayer und Norbert Thomma Herr Taschen, Sie verbindet viel mit Martin Kippenberger. Sie kannten ihn persönlich, Sie zählen zu den größten Sammlern seiner Werke, Ihr Verlag hat ihn 1991 mit einem Buch auch unter jungen Leuten bekannt gemacht. Heute gibt es wenige Maler, deren Bilder ähnlich hoch gehandelt werden wie seine. Muss einer früh sterben, um solchen Ruhm zu erlangen?

Martins Tod 1997 mit 44 Jahren hat sicher dazu beigetragen, seine Person und sein Werk zu mystifizieren. Einflussreich allerdings war er in der Kunstszene schon zu Lebzeiten. Die enorme Wertsteigerung seiner Bilder hat aber erst einige Jahre nach seinem Tod eingesetzt, etwa im Jahr 2000.

Wissen Sie, welches Ihr erstes Bild von ihm war?

Oh Gott, das erste? Ich glaube, ein zweiteiliges Selbstporträt aus dem Jahr 1982, er sitzt links an einem halbrunden Tisch und rechts steht „Fiffen, Faufen und Ferfaufen“. Es hat acht bis 10 000 Mark gekostet. Da kannte ich Martin noch gar nicht.

Gerade die Porträts von Kippenberger sind heute begehrt. Was würde dafür auf dem heutigen Kunstmarkt bezahlt?

Vielleicht eine Million oder mehr.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Kippenberger?

Es wird in einer Kneipe gewesen sein. Das ergab sich in Köln automatisch. Köln stand Mitte der 80er Jahre im Zentrum der europäischen oder vielleicht auch der weltweiten zeitgenössischen Kunstgeschichte, was nach fünf Jahren ja auch wieder aufhörte. Und Martin war selten und ungern alleine. Er war außerdem jemand, der die Aufmerksamkeit auch im größten Raum auf sich zu ziehen wusste, und wenn er dazu Faxen machen musste.

Die Künstlerclique um Martin Kippenberger mit ihren aktionistischen Männlichkeitsritualen ist Legende. Eines der Spiele nannte sich „Herr Doktor, ich glaube, ich habe drei Eier“. Dabei musste sich einer auf den Tisch stellen, die Hosen runterlassen …

… Solche Provokationen liebten sie …

… und eine der anwesenden Frauen musste als Krankenschwester ertasten, ob der Patient recht hat.

Ja, und am meisten hat es Martin gefallen, wenn er selbst auf dem Tisch stand. Kippenberger entsprach überhaupt nicht dem Klischee des Künstlers mit Baskenmütze und von Ölfarbe verkleckerten Fingern. Das fing schon bei der Kleidung an. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen trug er Hemd, Krawatte, Anzug, beste Qualität. Es ging ihm darum, gut auszusehen und sich außerdem möglichst allen Erwartungen zu widersetzen.

Kippenberger erzählte, er habe in Kunst eine Zwei bekommen und dann den Unterricht in der Schule boykottiert, weil er fand, er würde ungerecht benotet. Waren Sie in Kunst gut?

Bei mir wechselte es, mal eine Zwei, mal eine Drei, das fand ich auch immer unfair. Ich habe viel gezeichnet und gemalt, ohne eine große Begabung, hauptsächlich Vampire. Damit habe ich mich 1970 vor den Kunstmarkt in Köln gestellt und auf die Rückseite die Preise geschrieben, 10, 35 oder 80 Mark. Ich war damals neun oder zehn. In habe in den drei Tagen gut verkauft, für 800 Mark.

Sie beide verbindet auch Los Angeles, wo der Künstler eine Zeitlang gelebt hat und Sie ein Haus besitzen.

Ich finde Los Angeles großartig. Seit ich das erste Mal mit 18 dort war, fühlte ich mich zu Hause. Das liegt daran, dass ich von Kindesbeinen an ein großer Fan der Duck-Familie war, und die lebte ja bekanntlich irgendwo in Südkalifornien. Carl Barks, dem geistigen Vater der Ducks, habe ich sehr viel zu verdanken, auch dass ich früh durch meinen Comic-Hefte-Versand zu jugendlichem Wohlstand und Unabhängigkeit gelangte. Mit Beginn der 90er Jahre war ich immer zwei, drei Monate im Jahr da, und 1997 habe ich dann ein Haus gekauft.

Ein Haus? Es ist das „Chemosphere“-Haus des Architekten John Lautner aus dem Jahr 1960, das aussieht wie ein Raumschiff auf Stelzen.

Das Haus stand über zehn Jahre zum Verkauf und keiner wollte es. Es war so lange im Angebot, dass ein Freund von mir, Matt Groening, der Erfinder der Simpsons, es sogar in eine Episode aufgenommen hat – mit einem „For sale“-Schild, das völlig mit Spinnennetzen überzogen war. Ich bin hingefahren und am nächsten Tag habe ich es gekauft.

Was hat Sie so fasziniert? Allein die Renovierung soll Sie mehrere Millionen Dollar gekostet haben.

Das war vom ersten Augenblick an eine Art Liebesgeschichte. Mir geht das auch bei Bildern oder anderen Kunstwerken so. Das Haus selbst ist der Ausdruck einer Zeit, eines zukunftsgläubigen, optimistischen Amerikas vor dem Vietnamkrieg. Unschuldig und zu den Sternen greifend. Ein solches Haus zu renovieren ist wie ein altes Bild zu restaurieren. Man muss sorgfältig analysieren und schauen, wie es gebaut wurde, was die Seele des Hauses ist.

Wie lebt es sich in einem Kunstwerk?

Geborgen und frei mit einem tollen Ausblick in die Natur und auf die Stadt. Inspirierend.

Wären Sie gerne so berühmt, dass Sie einen Gastauftritt bei den Simpsons bekommen?

Die Simpsons habe ich erst kennengelernt, als meine Kinder mir sagten, ich würde aussehen wie Homer Simpson und mich auch so verhalten.

Im Gegensatz zum Durchschnittsamerikaner Homer Simpson pflegen Sie einen sehr extrovertierten Lebensstil. David LaChapelle hat Sie und Ihre nackte Ex-Frau in einer gestellten sadomasochistischen Szene mit Peitsche fotografiert, Ihre Scheidung haben Sie später als Pressemitteilung veröffentlicht.

Wir wurden damals von dem englischen Modemagazin i-d gefragt, ob wir Lust hätten, für eine Geschichte zum Thema „mein Bett“ von David fotografiert zu werden. Ja, und dann hat der halt angefangen zu arbeiten, und wir haben mitgemacht.

LaChapelle ist ein legendärer Fotograf, trotzdem: Würden Sie so etwas wieder tun?

Nicht in derselben Besetzung, ich bin ja neu verheiratet. Nein, im Ernst, das klingt jetzt vielleicht merkwürdig, aber ich habe vor Künstlern den allergrößten Respekt. Und wenn einer zu mir sagt, mach doch das oder jenes, dann mache ich das. Und dann kann etwas entstehen, was man nicht hat kommen sehen, aber darum geht es ja gerade.

Kunst als Möglichkeit des Kontrollverlusts?

Kontrollverlust ist gut und kann einen auf neue Gedanken bringen.

Sie sitzen uns äußerst seriös gegenüber, im dunkelblauen Anzug mit blauer Krawatte, leise und bescheiden. Schwer vorstellbar, dass Sie manchmal mit Froschlederschuhen im roten Thunderbird durch Beverly Hills brettern.

Es gab einen armenischen Schuhmacher in Los Angeles, gut 80 Jahre alt, der hat Schuhe aus allen möglichen Materialien angefertigt, das war so eine Art Schuhkünstler. Ich habe verschiedene Paare bestellt, und dann sah ich die mit den Fröschen, so oliv-grün-braun, und fragte, was sie kosten. Der Mann sagte, die seien 100 Dollar teurer, weil er exakt 29 Frösche pro Paar bräuchte. Ich fand es rührend und faszinierend, wie genau da jemand seinen Beruf nimmt.

Herr Taschen, wie erklären Sie jemandem ganz kurz Martin Kippenberger?

Man muss sich eine Kerze vorstellen, die an beiden Seiten lodert. Es war absehbar, dass er das nicht bis 90 machen kann. Er brannte lichterloh, er war mit Herz und Seele und von Kopf bis Fuß Künstler. In den 80er Jahren, als er seine intensivste Zeit hatte, wirkte ja die Kunst der 70er Jahre nach, die Minimal Art und Konzeptkunst, aber auch die Kunst der älteren Generation wie Baselitz und Gerhard Richter. Die Jungen mussten versuchen, ihre eigene Position zu finden, und das konnte schon mal heißen: Wie kann man die schlechtesten aller Bilder malen? Bad painting! Das ist Martin großartig gelungen. Er hat ständig und grandios gegen alle herrschenden Konventionen gedacht und verstoßen.

Er war ein Besessener und hat mit seiner provokanten Art viele vor den Kopf gestoßen.

Das war der öffentliche Kippenberger. Martin konnte auch ein hochsensibler Mann sein, wenn man mit ihm alleine war. Ich glaube, Martin war sein ganzes Leben lang auf der Suche nach Anerkennung und Liebe. Dies ist sein fundamentales Bedürfnis gewesen und letztlich wahrscheinlich auch sein Handicap.

Sie waren damals sehr jung, Mitte 20. Sie müssen sich fremd gefühlt haben in diesen Kreisen.

Sicher, die waren alle sieben, zehn oder mehr Jahre älter als ich, und in dem Alter ist das ein erheblicher Unterschied. Das war ein Kulturschock. Martins Art der Gesprächsführung war zudem geradezu inquisitorisch, er versuchte bei jedem die Schwachstellen zu finden. Seine Nächte fingen schon morgens an, er konnte zu jeder Stunde des Tages trinken. Wenn Sie am nächsten Tag was anderes vorhatten, war das schon schwer.

Zu seinem Lebensstil gehörte auch, Bilder zu verschenken. Er hat Hotel- und Restaurantrechnungen mit Kunstwerken beglichen.

Er war ein generöser Mensch, nicht nur materiell. Mir hat er mal ein schwarzes Latexbild geschenkt. Das war prima von ihm, auch dass es kein helles Latexbild war, die fallen irgendwann zusammen.

Woran erkennen Sie, ob ein Künstler Potenzial hat?

Wenn Sie nicht intelligent sind, können Sie auch keine guten Bilder malen. Intelligenz erkenne ich normalerweise, wenn ich mit jemandem spreche und ihm in die Augen schaue.

Ihnen wird ein Instinkt für Wertanlagen nachgesagt.

Ich freue mich, wenn Bilder an Wert gewinnen, weil man dann als Sammler auch dafür belohnt wird, einem bestimmten Künstler seine Wertschätzung entgegengebracht zu haben. Schauen Sie, ein großer Maler malt in seinem Leben 500 Bilder, vielleicht auch 1000, ein Viertel davon ist sehr gut, und davon sind wiederum 20, 30 oder 40 herausragend. Und wenn ein Maler so viel in so kurzer Zeit aus der Batterie lässt wie Martin, dann entsteht nicht ein Meisterwerk nach dem anderen, aber bei ihm war die Quote sehr hoch.

Wie viele Spitzen-Kippenberger hängen bei Ihnen?

Eine ganze Reihe. Ich lag lange Zeit gezielt auf der Lauer nach den – meiner Meinung nach – besten Arbeiten von Martin, und immer dann, wenn ich es konnte, habe ich zugeschlagen und gekauft.

Verfolgen Sie den Kunstmarkt wie ein Broker den Verlauf des Dax?

Ich versuche, auf dem Laufenden zu bleiben. Im Kunstmarkt geht es um viel Geld, und wenn ein Sammler sagt, dass ihn dieser Aspekt gar nicht interessiert, hat er entweder die falschen Bilder gekauft oder er lügt.

Haben Sie ein Lieblingsstück in Ihrer Sammlung?

20 oder 30, mein Herz ist weit. Von Martins Bildern zum Beispiel ein Selbstporträt in Unterhose, angelehnt an ein Picasso-Porträtfoto oder sein „Dialog mit der Jugend“, Martin bandagiert und ziemlich zerrupft nach einer Schlägerei mit Punkern in seinem Berliner Club „S.O. 36“.

Sie verkaufen im Jahr fast 20 Millionen Kunstbücher auf der ganzen Welt, mehr als jeder andere Verlag. Welches Buch geht eigentlich am besten?

Raten Sie.

Van Gogh?

Ja, richtig! Und auch Dalí, Picasso, das sind über die Jahre unsere wichtigsten Titel gewesen.

Und die liegen in Wartezimmern von Zahnärzten. br>
Das wäre unfair zu sagen, gegenüber den Zahnärzten und auch den Künstlern. Und natürlich auch gegenüber den Patienten.

Mit Ihren preiswert gemachten Büchern und Auflagen nicht unter 50 000 haben Sie erheblich zur Popularisierung des Kunstmarkts beigetragen. Das hat Ihnen in der Branche viele Feinde gebracht.

Wir wussten, dass wir die Bücher nur so machen und zu dem Preis verkaufen können, wenn sie eine hohe Auflage haben und gleichzeitig in vielen Sprachen erscheinen. Und ich kann nur sagen, es freut mich und macht mich ein bisschen stolz, dass wir auf der ganzen Welt Leser haben, denen unsere Bücher etwas bedeuten und die dazu beitragen, das Leben interessanter und vielfältiger werden zu lassen. Wenn dies nicht so wäre, würde ich’s nicht machen. Nur um Geld zu verdienen? Das interessiert mich nicht.

Geld interessiert Sie nicht? Bitte.

Sicher interessiert mich Geld. Geld macht unabhängig, es ermöglicht mir, das Leben zu leben, das ich will. Ich bin Perfektionist und versuche, das Beste aus dem zu machen, womit ich gerade beschäftigt bin. Ich denke, dass ich mir das selber schuldig bin – ein möglicher finanzieller Erfolg war da niemals ein Antrieb für mich.

Wie viel an Umsatz kommt in Ihrem Verlag durch die Abteilung Sex zusammen? Die ist ja durchaus beachtlich. Um nur einen Titel aus Ihrem neuen Programm zu nennen: „The Big Book of Breasts“, Werbeslogan: „Over 1000 Breasts! That is less than 4 cents a tit – do the math.“

Nicht mal fünf Prozent. Sex verkauft sich weniger gut, als Sie denken. Wenn wir keinen van Gogh und Co. verkaufen würden, das wäre ein Problem.

Die „taz“ sprach schon von „Altherrengeschmack“.

Die Medien schreiben viel. Bei Martin war das übrigens genauso. Weil er sich nicht einordnen ließ. Sobald er nicht mehr in die Konventionen, wie ein Künstler zu sein hat, gepasst hat, hatte ein Großteil der Journalisten dicke Probleme mit ihm, für die „taz“ war er ein rotes Tuch.

S ie kommen aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Ihr Vater war Arzt und sehr an Kunst interessiert.

Mein Vater war ein typischer, altmodischer Hausarzt und gleichzeitig ein völlig unkonventioneller Mann. Er hatte viele Patienten, die Künstler, Schriftsteller oder Fotografen waren. Und mit manchen verband ihn eine enge persönliche Freundschaft, wie mit dem von mir sehr geschätzten Chargesheimer. Mein Elternhaus, und insbesondere mein Vater, hat mich sehr stark beeinflusst.

Wie sah es bei Ihnen im Kinderzimmer aus? Hingen da Popstars und Fußballer an der Wand?

Mehr Dalí und Magritte-Poster. Und meine drei Kinder haben zu ihren Geburtstagen immer Kunst von mir geschenkt bekommen. Kippenberger, Albert Oehlen, Jeff Koons, was es so gab im Haushalt.

Die haben sich bestimmt schön bedankt.

Na ja, da gab es schon manchmal Geschrei, weil sie lieber eine Pocahontas-Barbiepuppe statt eines Kippenberger-Bildes haben wollten. Aber da muss man dann durch!

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