Zeitung Heute : Sexy Softeis

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Wichtigste war die Konsistenz. Zart wie Creme, nicht wässrig, nicht vereist und immer in Form. Selbst im Hochsommer schmolz das Softeis erst auf der Zunge. Nie tropfte es einfach so die Waffel hinunter. Softeis war eine Philosophie, und einen Meister hatte es auch. Er residierte in Berlin, gleich beim Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte.

Als ich noch zur Schule ging, war die Rosa-Luxemburg-Straße eine Aneinanderreihung wunderlicher Kleinstläden: Es gab den „Seifenladen“, in dem man Shampoo und Klopapier kaufen konnte, ein Strumpfgeschäft mit Wollsocken, einen Laden zum Reparieren kaputter Rasierapparate und einen zum Auffangen von Laufmaschen. Dazwischen gab es für ein Kind nur eine einzige Attraktion: Das „Eiscafé Ilka“, benannt nach seiner Chefin. Sie hatte das beste Softeis der Stadt und fast jeder wusste das. Was wurde ich früher darum beneidet in der Nähe vom „Eiscafé Ilka“ zu wohnen!

Der Mann an der Eismaschine war der große, blonde Sohn der Chefin. Er trug einen weißen Kittel und wollte mit uns Schulmädchen leider nie flirten. Manchmal hat er uns 20 Minuten vor dem Laden warten lassen, wenn das Eis gerade alle war und die neu gerührte Mischung noch nicht fest gekühlt. Da konnten wir betteln wie wir wollten – fließendes Eis kam nicht in die Waffel, das war Berufsehre.

Erst gegen Ende der DDR hat sich Ilkas Familie einen zweiten Softeisautomaten geleistet, leider kam Softeis dann ziemlich schnell aus der Mode und Ilka musste ihr Café aufgeben. Jahrelang stand die alte Eismaschine zwischen Spielautomaten der runter gekommenen Spelunke, die dann aus dem Laden geworden war. Eis aß dort niemand mehr. Vor zwei Jahren ging auch diese Kneipe pleite und seitdem stand der Laden leer.

Jetzt aber hat er eine Wiedergeburt erfahren, und zwar eine, die seiner würdig ist. Dort, wo sich früher grüne Stofftapeten an den Wänden spannten und Serviererinnen mit weißen Spitzenschürzen bedienten, gibt es wieder zarte Ware zu kaufen: Es sind Dessous französischer und italienischer Hersteller aber auch aus eigener Produktion. „Blush“ heißen Label und Laden, der aus der Szene-Meile Alte Schönhauser drei Straßen weiter gezogen ist, weil das alte Geschäft zu klein wurde. In der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße einen Laden zu eröffnen, ist immer noch mutig. Von ihrem trostlosen Nachwende- Image mit dem ersten Sexshop Ost-Berlins hat sich die Straße bis heute nicht erholt. Aber die Chefin von „Blush“ macht sich darum keine Sorgen. Sie habe 70 Prozent Stammkunden, und die würden ihr auch hierher folgen. Zumal die winzigen Seidentangas und Spitzenbustiers sinnvolle Investitionen für jede Beziehung sind, wie uns von „Blush“ vorgerechnet wird: Partnertherapie, Gymnastikkurs und „Hormonpräparate für ihn“ lassen sich mit einem bezaubernden Dessous locker sparen. Ob die Schlafzimmerperspektive stimmt, können Begleiter und Verehrer gleich beim Kauf testen. Im Laden steht ein verwegenes Doppelbett – ungefähr an jener Stelle, an der früher der Softeisautomat seine Dienste tat.

„Blush“ (= Schamröte), Rosa-Luxemburg-Str. 22 in Mitte, Mo-Fr 12-19h und Sa 12-18h, Tel. 280 93 580

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