Zeitung Heute : Shoppen im Epizentrum

Irgendwann wird die Kreditkarte explodieren – aber solange sie herhält, bleibt Grit Thönnissen auf Einkaufstour in Manhattan

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Die Madison Avenue ist ein guter Ausgangspunkt für eine Shoppingtour in New York . Das Mitgefühl über die horrenden Mietpreise wird schnell kompensiert durch die Unmengen von Waren, die von echten Ladies über die 5th- und Madison Avenue geschleppt werden. Mit welcher Eleganz sie bis zu fünf koffergroße Papptüten an einem Ellenbogen ausbalancieren – dafür gibt es bestimmt Extrakurse an hiesigen Tanzschulen.

Hier haben amerikanische Designer wie Ralph Lauren , Donna Karan und Carolina Herrera ihre Zentralen, drumherum finden sich die großen Designerfirmen, die überall auf der Welt residieren. Als smarte Zusammenfassung auf acht Stockwerken bekommt man all das im Kaufhaus Barneys dargeboten, darunter auch die Kleider der Modedarlings von New York, dem immer noch 25 Jahre alten Zac Posen sowie Lazaro Hernandez und Jack McCollough mit ihrem Label Proenza Schouler . Auch Robert Sweet William, der „Augenbrauen-König New Yorks“, residiert hier, um jede ihm hingehaltene Augenbraue zu revolutionieren.

Ein echtes Problem ist es, den zeitigen Absprung zum nächsten Shoppingziel zu schaffen. Die Läden liegen keineswegs an ein paar zentral gelegenen Einkaufsstraßen. Immer, wenn man gerade in die nächste Subwaystation heruntersteigen will, ist an der nächsten Ecke ein Laden mit interessanten Dingen, auch wenn es sich dabei um Cowboystiefel, streng riechende chinesische Gewürze oder Basisgarderobe von Gap handelt.

Dafür ist der Meatpacking District ein ausgesprochen kompaktes Einkaufsgebiet. Vor ein paar Jahren, als sich hier die ersten In-Restaurants, Bars und Designerläden ansiedelten, war das ein gefundenes Fressen für Reporter. Wie schön machte sich doch die Schilderung von bluttriefenden Schweinehälften neben denen der exaltierten Kreationen des einstigen Enfant terrible der Londoner Mode, Alexander McQueen , in seinem Geschäft in der 14th Street. Heute gibt es hier statt Wurst hervorragenden Apple Pie bei „The Little Apple Pie“, Kaffeekannen von Bodum und deutsche Sportcouture von Puma .

Weiter südlich, mitten in Greenwich Village, hat Marc Jacobs das Geschäft seiner Zweitlinie Marc in der Bleecker Street versteckt. Bis unter die Decke hängen die kleinen Blusen, schmalen Kleider, Jacketts mit runden Kragen dicht an dicht. Die Kundinnen benehmen sich, als würde es hier etwas für sehr wenig Geld geben. Vor den Umkleidekabinen fühlt man sich an H&M erinnert – nur kostet jedes Teil hier nicht 20, sondern 200 Dollar. Dafür kommt manchmal der Designer persönlich vorbei. Ein Kunde wird auf den morgigen Tag vertröstet. Marc sei gerade mit dem Fertigstellen der neuen Kollektion beschäftigt, erklärt ihm ein Verkäufer. Verständnisvolles Nicken in der Runde, denn alle wissen: Es ist Fashion Week in New York.

Deshalb sind auch die Straßen von SoHo, einem weiteren Shopping-Epizentrum, beflaggt. Auf den Fahnen steht: „NYC – fashion capital of the world“. Darüber freuen sich sicher auch Anna Sui , Betsey Johnson und Jill Stuart – die drei alt eingesessenen New Yorker Designerinnen haben ihre Läden dicht beieinander in der Greene Street. Die zwei Ersteren verbindet ein Hang zum infantil Geblümten: Anna Sui verkauft Geldbörsen mit Hello-Kitty-Motiven, und für Betsey Johnson ist monochrom ein Schimpfwort. In Jill Stuarts Schaufenster sind die amerikanischen Stilrichtungen clean und verspielt gemischt: Sportliches schwarzes Kleid mit niedlichen Kätzchen.

Bei Screaming Mimi’s in der Lafayette Street hat jemand sorgfältig das ausgesucht, was aus den fünfziger bis achtziger Jahren jetzt wieder modern aussieht. Die Vorbilder für Kleider von Marc Jacobs oder Zac Posen gibt es hier für viel Geld: Psychedelisch gemusterte Jersey-Hosenanzüge aus den Siebzigern kosten 200 Dollar – dafür fühlt man sich wie eine nahe Verwandte von Jane Fonda.

Als Highlight der New Yorker Shoppinglandschaft wird im Moment Opening Ceremony in der Howard Street gepriesen. Dafür ist es hier ganz schön dunkel. Zu Britpop tastet man sich durch den langen, schmalen Laden, auf der Suche nach dem neuesten Fummel aus Europa. Darunter sind Sachen des deutschen Designers Lutz , Jeans von Acne aus Schweden und Regenjacken von Barbour .

Eine gewisse Verweigerungshaltung scheint in New York gerade als besonders schick zu gelten: keine aufwendige Dekoration, keine übersichtliche Präsentation, kein Licht. Die Amerikaner verstehen es, die merkwürdigsten Dinge aus Europa neu zu interpretieren.

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