Zeitung Heute : Shopping ohne Glühweinduft und Parkplatzsorgen

MAREN PETERS

So gut gelaunt hat man den Weihnachtsmann selten gesehen: da steht der dicke Rauschebart, hält sich den Gürtel seinen Wamses und lacht und lacht und lacht.Gleich scharenweise tummeln sich die roten Genossen derzeit auf den PC-Bildschirmen, klingen bunte Glöcklein und bieten lockige Englein mit güldnen Flügeln ihre Dienste als Bildschirmschoner an: Der Handel hat das Netz für das Weihnachtsgeschäft entdeckt.Doch der Rubel rollt noch nicht so richtig, klingende Kassen bleiben die Ausnahme.

"Der Internethandel ist zwar wesentlicher Bestandteil unseres Angebotes, fällt aber für den Gesamtumsatz noch nicht ins Gewicht", räumt Hannelore Arbeiter von der Neckermann AG ein, ohne konkrete Zahlen zu nennen.In seinem Weihnachtsshop bietet das Unternehmen "alles für Fest und Freude", in 25-DM-Abstufungen sind die Geschenk-Angebote sorgfältig auf die Größe des Kunden-Geldbeutels abgestimmt: Von der Doppelhub-Luftpumpe bis zum Infrarot-Tiefenwärme-Massagegerät und dem blinkenden Plastik-Weihnachtsbäumchen ist für jeden Geschmack etwas dabei."Wie sehen im Internet-Shopping lediglich ein Zusatzangebot zum normalen Weihnachtsgeschäft, sagt Arbeiter."Das ist reiner Abverkauf, ohne weihnachtliches Getümmel und lästige Parkplatzsuche.Leute, die gerne bummeln, gehen aber nach wie vor lieber in die Stadt."

"Das Weihnachtsgeschäft lebt von Stimmungen", bestätigt Hubertus Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels in Köln."Und Glühweinduft kann man im Internet nun mal schlecht erzeugen." Den Marktanteil des Online-Handels schätzt er "auf unter ein halbes Prozent" des Gesamtumsatzes ein.Und folgert: "Wir gehen davon aus, daß das Internet auch im Weihnachtsgeschäft eine untergeordnete Rolle spielt." Laut einer US-Studie der Firma Cyber Dialogue werden in diesem Jahr 6,7 Millionen Menschen ihre Weihnachtsgeschenke per Mausklick ordern.Weitere neun Millionen Menschen wollen sich danach beim Surfen durch das Internet zumindest für ihre Weihnachtseinkäufe inspirieren lassen.

Der Hamburger Otto-Versand setzt beim Weihnachtsangebot im Netz auf gezielte Geschenktips in drei Preiskategorien.Wer "über 100" DM für "Ihn" ausgeben möchte, dem wird per Mausklick auf einen Sternen-Lebkuchen etwa der Weg zum "Set: Rasierer und Aftershave" für 299,90 DM gewiesen."Das Geschäft im Internet zieht seit Jahren an", sagt Otto-Pressesprecherin Susanne Jesche, ohne das näher zu beziffern.Besonders begehrt seien Basic-Mode, Möbel- und Elektrogeräte.Während im normalen Versandhandel vor allem Frauen einkauften, sei der Online-Handel von Männern dominiert, die "im Kern zwischen 25 und 35 Jahre alt" sind.

Auch beim virtuellen Buchshop "buecher.de" liegt der Anteil der männlichen Kunden bei rund 70 Prozent."Zur Weihnachtszeit ist vor allem Belletristik gefragt, Sach- und Kinderbücher weniger", sagt Vorstandsmitglied Georg Hensgen.Er setzt vor allem auf Kunden, die "dem Konsumterror in der Innenstadt" entkommen wollen.Mit gutem Service und einer Riesenauswahl von 1,5 Millionen Titeln sucht Hensgen seine Kunden darüber hinwegzutrösten, daß sie im virtuellen Buchshop nicht richtig stöbern können.Neben dem Geschenkeservice für sechs Mark inklusive Verpackung und Grußkarte soll in diesen Tagen auch ein spezieller Weihnachtsservice ins Angebot genommen werden - "für Leute, die nicht wissen, was sie schenken sollen," sagt Hensgen.

Mit einem ganzen Weihnachtsmarkt wartet die Online-Variante der Karstadt AG, "My-World", auf.Ob Schenken, Schlemmen oder Schmücken, der Einzelhändler bemüht sich sichtlich, allen Wünschen gerecht zu werden."Das Online-Shopping ist bei uns Ergänzung zum stationären Geschäft", sagt PR-Frau Inken Peters, die für "My-World" arbeitet.Im August hatte der Konzern angekündigt, 1998 im Internet rund sieben Millionen Mark umsetzen zu wollen.Speziell zur Weihnachtszeit sind vor allem amerikanische Produkte, Computer-Technik und CDs gefragt.Die traditionelle Weihnachtsgans kann der Kunde noch nicht per Mausklick ordern.Champagner schon.

"Der Baum zum Fest: Nicht klauen, hier bestellen" prankt auf der Homepage des größten europäischen Elektronik-Fachversandes " Conrad ".Zum Fest hat der Konzern zum ersten Mal eine komplett eigenständige Shop-Site ins Netz gestellt.Den vielen Zuspätgekommenen hilft ein 24-Stunden-Service aus der Klemme.

Zu nüchtern, zu virtuell, finden Sie? Das Internet zeigt Verständnis.Unter der Adresse www.christkindlesmarkt.de können sich Anhänger traditioneller Weihnachtsromantik Live-Bilder vom Nürnberger Budenmarkt herunterladen oder mit Tenor Michael Ruf Weihnachtsliedlein trällern.Und wem jetzt noch die Düfte abgehen, bitteschön: auch Rezepte für die gefüllten Schokoladensterne liefert die Homepage.Backen müssen Sie noch selbst.

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