Zeitung Heute : Showdown Pubertät

FRANK DIETSCHREIT

Das Theater Reißverschluß spielt in Berlins Akademie der Künste WedekindTaschenlampen blinken, Dunkelmänner schleichen durch die Finsternis.Ein unentwirrbares Knäuel von Koffer tragenden Menschen hetzt nach nirgendwo.In der Ferne pfeifen Eisenbahnen.Doch wenn Fritzi Massary zusammen mit Franz Lehár "vom Himmel das Blau" geholt und die wuselnden Schatten vertrieben hat, sind wir auf einem Friedhof.Dort treffen wir Melchior und Moritz.Die hatten wir nicht erwartet.Bisher dachten wir, die beiden unglücklich pubertierenden Knaben müßten erst durch ein Tal von Niederlagen gehen, bis sich Moritz, der depressive Suizidale, und Melchior, der in die Korrektionsanstalt weggesperrte Freigeist, zum Showdown treffen.Doch Regisseur Joachim Stargard und sein junges Ensemble vom Theater Reißverschluß haben die Abrechnung mit Tod und Teufel ganz an den Anfang gestellt.Ihre Adaption von Wedekinds "Frühlings Erwachen" beginnt mit dem Ende und läßt die hundert Jahre alte "Kindertragödie" dann wie cineastische Traumsequenzen ablaufen.Der aus der Anstalt entwichene Melchior (Oliver Urbanski) versteckt sich auf dem Friedhof und träumt.Aus der Szenencollage über sexuelle und schulische Nöte von Jugendlichen wird eine kalauernde Nummernrevue.Stargard hat Wedekinds poetischen Text auf clowneskes Niveau heruntergeholt.Die Akteure versuchen es mit einer kruden Mischung aus Zeitgeistjargon und Wedekindpathos, kabarettreifen Onanie-Obsessionen, zirkusreifen Eltern- und Lehrerklischees.Karikierungen und Verfremdungen sollen zeigen, daß Wedekinds Stück kein alter Hut ist.Das hat aber niemand behauptet.FRANK DIETSCHREIT

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben