Zeitung Heute : Sich einen Mann zur Seite nehmen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Kürzlich drehte sich das Gespräch junger, moderner Großstadtbewohnerinnen um einen ihnen bekannten gutaussehenden Mann, der mit einer neuen Frau auf einem Fest gesehen worden war. War das nun seine Freundin? Oder eine Walkerin? Das war die Frage, um die es ging. Das Phänomen des sogenannten „Walkers“ oder der „Walkerin“ ist noch relativ neu. Man könnte so ganz altdeutsch natürlich auch von Begleiter oder Begleiterin reden, wo man eine Beziehung meint, die das FastVerlöbnis noch nicht einschließt, jedenfalls keine ausgeprägt verbindliche oder erotische Variante menschlicher Verhältnisse meint. Begleitung klänge aber wahrscheinlich nicht ausreichend hip und wohl auch nicht ausgefeilt genug. Beim Walker oder der Walkerin schwingen Nebenbedeutungen mit, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben.

Sehr beliebt bei vorübergehend alleinstehenden Frauen ist der homosexuelle Walker. Der ist aus verschiedenen Gründen extrem praktisch: Hart arbeitende Frauen, für die das Networking Teil des Berufs ist, brauchen ihre Zeit nicht mit Flirten zu verschwenden. Auch mögliche Nachspiele (oder Diskussionen darüber) halten sie nicht auf, wenn am kommenden Morgen wichtige Termine dräuen. Gleichzeitig besteht an der Seite eines als Sex-Partner sowieso nicht in Frage kommenden Mannes immer die Möglichkeit (und, noch schöner, die Hoffnung), dem einen, dem Traumprinzen zu begegnen und auf der Stelle in die große Liebe hineinzusinken. In einem solch märchenhaften Fall könnte sich der Walker in seine eigene Welt zurückziehen, ohne Verletzungen davon zu tragen. Und ohne dass die Lady in irgendeiner Form ein schlechtes Gewissen fürchten müsste.

Auch verheiratete Frauen schätzen Homosexuelle als Walker. Wenn der Ehemann anderweitig beschäftigt ist, während die Frau ihr Telefonnummernverzeichnis auf gesellschaftlichen Veranstaltungen aufrüstet, sind auf diese Weise alle möglichen Eifersuchtsdramen elegant umschifft. Manchmal bieten sich auch halbwüchsige Söhne als Walker an. Aber die müssen Sinn für sowas haben, was, vor allem, wenn es um Garderobenfragen geht, nicht immer selbstverständlich ist. Da haben es Männer einfacher, die sich gern mit ihren Töchtern schmücken, und diese, wenn sie welche haben, gern zu Walkerinnen ehrenhalber ernennen.

Das Walker-Phänomen ist ein Zeichen dafür, dass sich Freundschaftsdienste ständig mehr professionalisieren. Was auch daran liegen mag, dass die Freundeskreise in einer weitgereisten Welt immer verstreuter werden. Sonntags ist ein guter Tag, liebe Menschen auf anderen Kontinenten anzurufen. Die Konferenzschaltung als telekommunikative Kaffeetafel der Neuzeitherzen hat sich längst durchgesetzt. Dafür beweist sich wahre Freundschaft besonders schön in einem Wiedererkennungseffekt. Wenn man sich zwei, drei Jahre nicht gesehen hat, und sich in den ersten Sekunden das vertraute Gefühl gleich wieder einstellt, entschädigt das für viele getrennt voneinander verbrachte Stunden. Es tröstet einen unter Umständen selbst darüber hinweg, dass man manchmal Dinge mit einem Walker erlebt, die man viel lieber mit einem Freund geteilt hätte.

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