Zeitung Heute : Sich selbst einheizen

Unternehmen und Wohnungsgenossenschaften setzen auf eigene Kraftwerke.

Klaus Grimberg
Blick unter die Haube. In der Siedlung „Lindenhof“ der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Berlin- Süd in Schöneberg wurde bereits 2009 ein Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen.Foto: Thilo Rückeis
Blick unter die Haube. In der Siedlung „Lindenhof“ der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Berlin- Süd in Schöneberg wurde...

Energiekosten senken, Planungssicherheit herstellen, CO2-Ausstoß verringern: Die Argumente für ein eigenes Blockheizkraftwerk (BKHW) klingen für Unternehmer plausibel. Immer mehr Firmen gehen dazu über, sich durch dezentrale Lösungen bei der Energieversorgung unabhängiger von schwankenden Marktpreisen und politischen Entscheidungen zu machen. Ein Beispiel ist die Metro in Berlin-Marienfelde, die im Juli ein Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen hat.

Mit der gasbetriebenen Anlage wird die gesamte Wärme für Heizung, Klimatisierung und Warmwasseraufbereitung produziert. Durch die Kraftwärmekopplung entsteht als „Nebenprodukt“ Strom, der direkt im Markt verbraucht wird. Das 250-Kilowatt-Kraftwerk soll nach den Planungen im Jahr etwa 1,5 Millionen Kilowattstunden produzieren; das entspricht etwa einem Viertel des Strombedarfs vor Ort. Die Energiekosten werden um jährlich rund fünf Prozent, und damit 50 000 Euro, gesenkt, der CO2 Ausstoß um 300 Tonnen pro Jahr verringert.

„Die dezentrale Energieversorgung macht dann Sinn, wenn die Kosten für die Errichtung und Unterhaltung eines Kraftwerks sowie den Brennstoff geringer sind als der Strombezug aus dem Netz“, sagt Olaf Schulze, Geschäftsführer der Metro Properties Energy Management GmbH. Bei den Investitionskosten ist die Metro eine strategische Partnerschaft mit Eon eingegangen. Der Energiekonzern plant, finanziert, baut und wartet das Kraftwerk, das von der Metro geleast wird. Die Kooperation betrifft außer dem Standort Berlin auch den Markt in Düsseldorf und zwei weitere in Russland.

Die Ersparnis liegt auch darin begründet, dass selbst produzierter Strom aus Blockheizkraftwerken von der EEG-Umlage oder Netznutzungsentgelten befreit ist. Bei Anlagen unter zwei Megawatt entfällt zudem die Stromsteuer. „Das spielt für viele Unternehmen eine entscheidende Rolle“, sagt Diplom-Ingenieur Gerald Menzler, Referent beim Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK). Bei den Kunden, die er berät, geht es im Vergleich zum Berliner Metro-Markt zwar um viel größere Strommengen und Kraftwerke. Das Prinzip aber bliebe das Gleiche: Die Unternehmen befreien sich für den selbstproduzierten Strom von sämtlichen Umlagen, sorgen für eine bessere CO2-Bilanz und wappnen sich gegen Netzschwankungen oder gar -ausfälle. „Wenn ein Unternehmen längerfristig plant, lohnen sich Investitionen in die eigene Stromversorgung eigentlich immer“, so Menzler.

Doch nicht nur für Mittelstand und Industrie sind eigene Kraftwerke sinnvoll, auch für größere Gewerbeflächen oder Wohnungsbaugenossenschaften. Die Berliner Energieagentur (BEA) verfolgt seit zwei Jahrzehnten den Ansatz dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung in vergleichsweise kleinen Anlagen – zum Beispiel in den Königsstadt-Terrassen an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Als Mitte der 1990er Jahre ein Investor auf dem Areal der einstigen Traditionsbrauerei zwei Neubaublöcke mit 20 000 Quadratmetern Büro- und Gewerbefläche baute, ließ er sich vom Konzept der BEA überzeugen. „Wir haben im Keller zwei BHKW-Module mit einer Leistung von je 120 Kilowatt installiert“, sagt Michael Geißler, Geschäftsführer der BEA. Über die gasbetriebene Anlage wird das gesamte Gebäude wie auch die Altbauflächen von weiteren 20 000 Quadratmetern mit Warmwasser versorgt, beheizt und im Sommer gekühlt.

Eines der schlagenden Argumente für Blockheizkraftwerke ist laut Geißler ihre hohe Energieeffizienz: „Bei modernen Anlagen erreichen wir einen Nutzungsgrad von 95, manchmal sogar 97 Prozent.“ Das ist möglich, weil bei der Verbrennung des Primärbrennstoffs – also etwa Gas – durch die Kraft-Wärme-Kopplung gleichzeitig Wärme und Strom produziert werden. Großkraftwerke, so technisch fortschrittlich sie auch sein mögen, erreichen einen Nutzungsgrad von maximal 55 Prozent. Bei den Königsstadt-Terrassen ist der Rest Mathematik: Durch die jährlichen Einsparungen bei der Primärenergie von etwa 2000 Megawattstunden kann dem Gebäudeeigentümer eine kostengünstige Energieversorgung garantiert werden. „Wir bieten Preise an, die rund zehn Prozent günstiger sind als der Markt“, so Geißler. Voraussetzung sind lange Vertragslaufzeiten von in der Regel 15 Jahren, so dass sich die Anfangsinvestitionen amortisieren.

Ein paar hundert Meter weiter liegen die drei Gebäudekomplexe der Genossenschaft Bremer Höhe mit 462 Wohn- und zehn Gewerbeeinheiten. 32 400 Quadratmeter Nutzfläche werden dort durch drei Blockheizkraftwerke versorgt. Die Anlagen sind direkt unter dem Dach installiert. Ulf Heitmann, Vorstandsmitglied der Genossenschaft, ist mit der Entscheidung für die BHKW-Technik sehr zufrieden: „Für Altbauten erreichen wir in unseren Wohnungen vergleichsweise niedrige Energiepreise pro Quadratmeter.“

Bislang gibt es in Berlin knapp 700 BHKW mit einer installierten Leistung von 34 Megawatt. 85 Prozent sind Mini-BHKW unter 50 Kilowatt. Laut Berliner Energiekonzept sollen bis 2020 weitere 2000 Anlagen mit einer zusätzlich installierten Leistung von 60 Megawatt hinzukommen.Klaus Grimberg

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