Zeitung Heute : Sich wissenschaftlich betrinken

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Lehrerin hatte uns gewarnt. „Das wird Arbeit.“ Fünf leere Gläser stehen vor jedem von uns. Auf einem Tisch sind zwei Dutzend verschiedene Weinflaschen aufgereiht. Am Ende des Abends werden wir sie alle geleert haben. Und unsere Geschmacksnerven werden tanzen.

20 Neugierige sind an diesem Abend ins Savoy-Hotel gekommen. Drei Stunden dauert das erste Semester der Weinschule, die die Viniversität aus dem rheinischen Meerbusch drei- bis viermal monatlich in Berlin veranstaltet. Das Klassenziel: Schmecken lernen. Die Methode: Degustation. Was Lehrerin Gisela Krug übersetzt mit: sich wissenschaftlich betrinken.

Dass ich etwas für meine Wein-Bildung tun musste, war mir klargeworden, als ich kürzlich bei Freunden zu Besuch war, die vor dem Essen ankündigten, sie würden jetzt den mitgebrachten Wein dekantieren. Das peinliche Schweigen nach meiner Frage „Dekan… was?“ zeigte mir, dass ich etwas tun musste. Also ab in die Viniversität

Nach 30 Minuten Theorie über Anbaugebiete, Gerbstoffe und Vinifikation der erste Praxistest. Zwei Weißweine sind zu vergleichen. Welcher leuchtet heller? Welcher riecht saurer? Dann der erste Schluck. Angestrengt spüren 20 Zungen dem Geschmack nach, versuchen, ihn festzuhalten, Worte dafür zu finden. Ist er trocken? Bitter? Frisch? Schmeckt er zu Anfang nicht fruchtig, ist im Abgang aber bitter? Unsere Lehrerin ermuntert uns, uns emotional auf die Weine einzulassen, wie sie es nennt. Der zweite Wein: fruchtig? Vollmundig? Oder doch sauer? Wie schwer es ist, die richtigen Worte zu finden, um unterscheiden zu lernen. Zumal zwei Gläser Wein auf leeren Magen die Konzentration nicht gerade fördern.

Dann lernen wir die „Vier Nasen“ kennen: Der Profi riecht einen Wein, indem er erst am ungeschwenkten Glas schnüffelt, dann am geschwenkten, dann ins Glas hineinriecht und den Wein mit der Zunge schmeckt, bevor er am Schluss im leeren Glas nachriecht. So machen wir’s jetzt auch. Wir drehen und schwenken die frisch gefüllten Gläser unter unseren Nasen. Da riecht doch was käsig? Ist das nicht eine saure Note, die aus dem Glas steigt? Oder ist es fruchtig? Aber was für eine Frucht? Die Lehrerin erzählt von mineralischen Böden, Blättern der Johannisbeere und alten Holzfässern. „Achten Sie auf die Rücklaufgeschwindigkeit!“, sagt sie. Fasziniert halten wir die Gläser schräg, spüren dem Wein nach, wie er an der Glaswand herunterläuft. Langsam beginne ich, die Unterschiede zu verstehen. Wenn nur meine Zunge nicht so schwer wäre von all den Geschmäckern. Mir schwirrt der Kopf.

Bei der dritten Degustationsrunde fühle ich mich schon fast wie ein Profi. Ich meine, Spuren von Vanille herauszuspüren, von Kirsche oder Waldbeeren. Ein Wein schmeckt sogar nach feuchtem Leder. Oder fange ich langsam an zu phantasieren? In meinem Kopf überschlagen sich Fachbegriffe: Tannin, Gerbstoffe, Viskosität. Sie werden künftig anders trinken, sagt die Lehrerin noch. Recht hat sie. Dann klemme ich mir mein Seminarmäppchen unter den Arm und torkle zufrieden nach Hause.

Viniversität. Auskunft über Lehrgänge in Berlin: Tel. (02132) 75680. Internet: www.viniversitaet.de

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