Zeitung Heute : Sicherheit durch Flexibilität

Die Prognose der Personalexperten für 2005: Der Arbeitsmarkt bleibt schwach, doch Nischen blühen auf

Jörg Lichter[Katrin Terpitz],Claudia T&#2

Die Hiobsbotschaften für den Standort Deutschland reißen nicht ab: Bombardier streicht 2350 Arbeitsplätze. Die Deutsche Bank kürzt 1920 Stellen. Textilfarbenhersteller Dystar baut 800 Jobs ab und lässt in Asien weiterarbeiten. Im produzierenden Gewerbe fallen jeden Tag 690 Stellen weg – ersatzlos. Seit dem Jahr 2000 sind fast eine Million sozialversicherungspflichtige Jobs verschwunden und zur Jahreswende 2004/2005 waren 4,43 Millionen Menschen in Deutschland auf der Suche nach Arbeit – der höchste Dezember-Stand seit 1997.

Angesichts dessen drängt sich die Frage auf: Gibt es denn hier zu Lande überhaupt noch Wirtschaftszweige, in denen neue Stellen entstehen? Sind die 100 zusätzlichen Flugbegleiterjobs, die bei der dba zwischen vergangenem Herbst und kommendem April geschaffen werden, nur eine seltene Ausnahme? Der Bundesverband deutscher Unternehmensberater (BDU) in Bonn und das Handelsblatt haben hierzu 1200 Berater und Personalexperten befragt – und jeder Vierte lieferte seine Einschätzung. Berater wissen als Erste, welche Branchen zusätzliche Mitarbeiter suchen. Das Ergebnis: Eine boomende Führungsbranche – wie vor vier Jahren noch die Informationstechnologie– exisitiert derzeit nicht, aber: „Es gibt faszinierende Nischen in allen möglichen Bereichen.“ So jedenfalls sieht es Hilmar Schneider, Arbeitsmarktexperte vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Schneider ist regelrecht „verblüfft, was alles im Verborgenen blüht.“ Durch den Strukturwandel erwarten die Berater durchaus Neueinstellungen – allen voran in drei Bereichen.

Biotechnologie/Chemie/Pharma: „In der Biotechnologie bewegt sich viel. Hier dürfen Naturwissenschaftler wie auch Wirtschaftswissenschaftler mit guten Arbeitsplatzperspektiven rechnen,“ so Christoph Kleppel, Trendforscher bei Roland Berger Strategy Consultants. „In der deutschen Pharmaindustrie sind vorbildlich geführte Familienunternehmen auf dem Vormarsch, während die Riesen verschwinden“, sagt Christine Stimpel, Deutschlandchefin von Spencer Stuart. Vorzeigebeispiele: Boehringer Ingelheim, Merck, Altana Pharma. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelte zudem: Jeder neue Pharma-Job schafft einen weiteren in anderen Branchen. In einer Umfrage des Branchenverbandes VAA gaben aber nur acht Prozent der Chemiebetriebe an, sie wollten ihre Belegschaft 2005 aufstocken. Die Hälfte dieser Unternehmen kommt aus dem Pharmabereich.

Gesundheit, Pflege und persönliche Dienstleistungen: „Die Alterung der Gesellschaft bietet ungeahnte Beschäftigungschancen“, ist Etienne Jaugey, Unternehmensberater bei Diamond Cluster, überzeugt. Stimpel bestätigt: „Gesundheitspflege wächst stark und profitabel. Es entstehen völlig neue Dienstleister, die etwa Patienten zu Hause versorgen.“

Telekommunikation (mit Call-Centern) und Informationstechnologie: Die Erwartungen der Berater decken sich mit denen des Branchenverbandes Bitkom. Dieser rechnet für 2005 mit einem Zuwachs – um immerhin 10 000 Stellen in einer Branche, die derzeit 741 000 Beschäftigte bei Computer-Herstellern, Software-, Telekommunikations- und IT-Dienstleistern sowie Telefonkonzernen zählt. 1,4 Millionen Beschäftigte sind es, wenn man alle IT-nahen Berufe berücksichtigt.„Wir haben Schwierigkeiten, hoch qualifizierte IT-Spezialisten, Techniker und Mitarbeiter für Call-Center zu finden,“ berichtet Heide Franken, Geschäftsführerin von Randstad, Deutschlands größter Zeitarbeitsfirma. Auch in ihrer Branche gehe es aufwärts, sie werde „2005 zweistellig wachsen", prophezeit Franken und sagt: „Zeitarbeit ist immer ein Frühindikator für den Arbeitsmarkt.“ Die BDU/Handelsblatt-Umfrage im Detail: Neue Jobs bieten eher kleinere als die großen Firmen. Jeder zweite Unternehmensberater glaubt, dass es Existenzgründer und Betriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern sind, die zusätzlich Leute einstellen (siehe Grafik links). „Im Mittelstand tummeln sich unglaublich fantasievolle Köpfe“, sagt Jobforscher Schneider. Per saldo sind die Prognosen der Berater jedoch düster. Fast 60 Prozent erwarten einen weiteren Stellenabbau. Besonders betroffen vom Abbau: klassische Industrien, Handel, Bau sowie Finanzdienstleister.

Welche Branche würden Unternehmens- und Personalberater ihren eigenen Kindern ans Herz legen? Maschinenbau, High Tech und Dienstleistungen wurden am häufigsten genannt. „Jede wissensintensive Branche“, empfehlen die Berater von Roland Berger und Heide Franken von Randstad sagt: „Mobilität, Flexibilität und lebenslanges Lernen sind unabdingbar, ebenso Fremdsprachen.“ Um vor Entlassungen gefeit zu sein, hilft laut Personalberaterin Stimpel: „Jeder Beruf, bei dem man sich als Alternative auch selbstständig machen kann.“

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