Zeitung Heute : „Sie denken, sie müssen sich mit Gewalt überbieten“

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Die Unruhen in Frankreich weiten sich aus. Ist die dort von der Regierung verfolgte „Strategie der Härte“ gescheitert, Frau Tietze?

Fehlgeschlagen ist vor allem die Strategie der Vergangenheit, die Situation in den Vorstädten als ein Sicherheitsproblem zu definieren und nicht als ein soziales Problem, das dort schwelt. In den vergangenen Jahren sollte vor allem gezeigt werden, was die Polizei leistet. Die Beamten führten Statistiken über die Zahl der Festnahmen und so weiter. Das macht eben viel Eindruck in der Öffentlichkeit. Sozial oder kulturpolitische Maßnahmen dagegen lassen sich nicht so plakativ darstellen und politisch verkaufen.

Trotzdem beharrt Innenminister Sarkozy auf der Sicherheitsstrategie und hat betont, er werde „keine rechtlosen Zonen dulden“.

Natürlich kann man keine rechtlosen Zonen dulden. Das wäre gegen jedes Rechtsstaats- und Demokratieprinzip. Das bedeutet aber auch, dass sich die Polizei an rechtsstaatliche Prinzipien zu halten hat. Außerdem wird durch die ständige Verknüpfung mit sicherheitspolitischen Fragen die Rechtsstaatlichkeit instrumentalisiert. Inwiefern Sarkozy hier Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen macht, kann ich nicht beurteilen, aber es spielt wohl eine Rolle. Zusätzlich zu diesen innenpolitische Machtstrategien vergrößern aber auch bestimmte Medien das Problem.

Inwiefern?

Für die Leute, die an den Ausschreitungen teilnehmen, ist es ein Erfolg, wenn das Fernsehen kommt. Ich habe früher selbst mit Jugendlichen gesprochen, die sagten: ,Bei anderen war nur France Trois, das dritte Fernsehen, aber wir hatten TV 1, den ersten Fernsehkanal‘. Sie denken, sie müssen sich mit Gewalt immer weiter überbieten. Erst werden Autos angezündet, dann Busse, dann Häuser.

Die Unruhen gibt es seit Jahren immer wieder. Woher kommt dieser Teufelskreis?

Zum einen gibt es ein schweres soziales Problem. Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen und unsichere Jobs sind unter den Jugendlichen in den Vorstädten besonders weit verbreitet. Dazu kommt, dass die herrschende Sozial- und Stadtpolitik sehr paternalistisch ist und wenig von den Bedürfnissen der Leute ausgeht. Das Ministerium für Stadtentwicklung in Paris definiert nationale Programme für problematische Stadtteile im ganzen Land. Damit können sie gar nicht auf lokale Probleme eingehen oder die Bewohner miteinbeziehen.

Inwieweit spielt die Religion, spielt der Islam eine Rolle?

Der Islam spielt erst mal keine Rolle, weder bei den sozialen und wirtschaftlichen Problemen noch bei den Unruhen. Wenn aber wie am vergangenen Freitag zum Beispiel Tränengasgranaten in eine Moschee fliegen, bekommt das im Zusammenhang mit den Ausschreitungen ein große Symbolik. Denn viele der Muslime fühlen sich in der Tat stigmatisiert.

Es sind vor allem junge Männer, die an den Ausschreitungen teilnehmen. Wo sind denn die Mädchen?

Die jungen Frauen haben es etwas leichter als die jungen Männer, weil sie anders wahrgenommen werden. Sie gelten meist mehr als Opfer der islamischen Familientradition und bekommen so eine andere Art von Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite ist die Schule ein ganz wichtiger Ort, über den sie sich emanzipieren können – was sie auch nutzen. Viele der Mädchen sind sehr viel erfolgreicher in der Schule als ihre Brüder. Und sie sind oft besser integriert, in Stadtteilvereinen oder bei kulturellen Aktivitäten. Weil die jungen Frauen positiver wahrgenommen werden als die Männer, haben sie es letztlich auch leichter auf dem Arbeitsmarkt, obwohl sie natürlich auch von der Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Die Soziologin Nicola Tietze ist Autorin des Buches „Islamische Identitäten – muslimische Religiositätsformen junger Männer in Deutschland und Frankreich“. Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

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