Zeitung Heute : Sie geben Woody Allen einen Korb, Frau Sägebrecht?

Der Tagesspiegel im Gespräch mit der Schauspielerin Marianne SägebrechtTAGESSPIEGEL: Gehört dieser kleine, schwarze Hund zu Ihnen? SÄGEBRECHT: Ja.Das ist Bagdad, genannt Bagy, meine Wüstenfreundin, Tochter einer wilden Coyotenhündin.Ich fand sie eines Tages vor meiner Garderobentür, als wir gerade in der amerikanischen Mohave-Wüste "Out of Rosenheim" drehten (im Ausland lief der Film unterm Titel "Bagdad Café").Bagys Geschwister sind alle in der Nacht erschossen worden.Nur sie hat überlebt, weil sie als einzige aus dem Wurf schwarz war.Da mußte ich sie einfach adoptieren. TAGESSPIEGEL: Zehn Jahre ist das jetzt her.Und für das Publikum sind Sie immer noch die patente Rosenheimerin Jasmin Münchgstettner.Stört Sie das? SÄGEBRECHT: Nein."Out of Rosenheim" ist das Herz meiner Arbeit - zusammen mit "Zuckerbaby" und "Rosalie Goes Shopping".Ich sehe diese drei Filme, die Percy Adlon mit mir gemacht hat, als Schwestern.Es ist eine Trilogie über immer noch hochaktuelle Menschheits-Themen: In "Zuckerbaby" geht es um den Tod und die Einsamkeit, "Out of Rosenheim" erzählt von der Utopie einer multikulturellen Gesellschaft, und "Rosalie Goes Shopping" handelt von der Verführbarkeit der Menschen durch Konsum. TAGESSPIEGEL: Seit 1989 haben Sie mit Ihrem Entdecker Percy Adlon nicht mehr zusammengearbeitet.Warum? SÄGEBRECHT: Nachdem "Zuckerbaby" und "Out of Rosenheim" so gut beim Publikum angekommen waren, erwartete Percy bei "Rosalie Goes Shopping" noch mehr Zuschauer.Die gab es nicht, und Percy war enttäuscht, obwohl "Rosalie" sogar nach Cannes eingeladen wurde als einziger deutscher Film neben Bernhard Wickis "Spinnennetz".Ich habe dann vorgeschlagen, eine Pause einzulegen, denn sonst wäre unsere Zusammenarbeit krampfig geworden. TAGESSPIEGEL: Sie haben auch schon Woody Allen und Mel Brooks einen Korb gegeben.Dafür spielen Sie regelmäßig, manchmal auch ohne Honorar, in Low-Budget-Produktionen mit. SÄGEBRECHT: Für mich zählt erst mal nicht der große Name, sondern ob mir das Buch gefällt.Ich schaue immer ganz genau, ob jemand meinen runden Körper nur für einen Gag haben will.Bei Mel Brooks sollte ich zum Beispiel die dicke Brunhilde spielen, die vom Pferd fällt und dabei ein Loch in den Boden schlägt.Sowas interessiert mich nicht.Percy Adlon hat mich nie auf einer Bananenschale ausrutschen lassen. TAGESSPIEGEL: Als junge Frau waren Sie sehr schlank. SÄGEBRECHT: Ich hatte fast eine männliche Statur mit meinen breiten Schultern und den schmalen Hüften.Erst nach der Trennung von meinem Mann hat sich mein Körper die Form einer Schwangeren gewählt.Schauen Sie mal: Das ist doch eindeutig sechster Monat.Ich wollte signalisieren, daß ich nicht mehr zur Begattung bereit bin.Ich habe eine Abwehrhaltung gegen eine Sexualität eingenommen, die nur eine Selbstbefriedigung im anderen ist.Manchmal sage ich auch: In meinem Fall ist der suchende Geist des Don Quijote eingegossen in den runden Körper des Sancho Pansa, damit Don Quijote schön auf der Erde bleibt. TAGESSPIEGEL: Haben Sie seit Ihrer Scheidung nie mehr mit einem Mann zusammengelebt? SÄGEBRECHT: Nein, ich habe es auch nicht vermißt.Durch meine Kindheitserfahrungen hatte ich sowieso ein sehr schwieriges Verhältnis zu Männern.Mein leiblicher Vater ist im Krieg gefallen.Mein Stiefvater hat mich mißhandelt, weil er von den Nazis zwangssterilisiert wurde und in mir blondem Kind den Inbegriff der germanischen Hexe sah.Ich habe immer zu ihm gesagt: Ich bin keine Deutsche.Ich komme aus Surinam.Daß er krank war, schizophren, habe ich erst später verstanden.Glücklicherweise hatte ich eine wunderbare Mutter, die mich geschützt und verteidigt hat.Sie hat mir den Rücken geschützt, damit ich mein Herz öffnen konnte. TAGESSPIEGEL: Glauben Sie immer noch daran, daß Sie aus Surinam kommen? SÄGEBRECHT: Ich bin sicher, daß meine Seele von weither kommt, irgendwo aus dem asiatischen Raum.Aber das nützt ja nix.Sie ist dann in Bayern in diesen genetischen Apparat hineingeschickt worden.Auch zu König Ludwig fühle ich eine große Seelenverwandschaft.Er hat fast den gleichen astrologischen Sprung in der Schüssel wie ich.Er ist beinahe auf den Tag genau 100 Jahre vor mir geboren. TAGESSPIEGEL: Katholisches Gedankengut ist das nicht gerade. SÄGEBRECHT: Ich verstehe mich schon als Christin und bin auch Mitglied in der Kirche.Vor allem den Joseph hab ich lieb.Der kommt immer viel zu kurz.Er war ein sehr guter Vater.Er hat seinen Sohn Jesus sich entwickeln lassen und nicht versucht, ihn zu unterdrücken.Jesus hat die alte Rolle des Kriegers abgelöst durch einen neuen, sensiblen Typ Mann. TAGESSPIEGEL: Sie wollen sich mit ihrer Körperfülle gegen Zudringlichkeiten wehren.Doch in Ihren Filmen finden Männer Sie gerade wegen Ihrer mütterlichen Formen erotisch. SÄGEBRECHT: Natürlich möchte auch ich begehrenswert sein - wie jeder Mensch.Vor allem Frauen, die Ihren Körper mühsam auf Barbie trainiert haben, haben damit Probleme.Sie fragen sich: Wie kann es sein, daß ein so rundes Fossil mit Stars wie Michael Douglas oder Michel Piccoli spielen darf? Aber auch Männer haben mich immer wieder als Provokation empfunden.Der Berlinale-Leiter Moritz de Hadeln wollte "Zuckerbaby" nicht im Programm haben.Ein "unästhetisches Machwerk", war sein Urteil.Wir haben uns dann doch noch ins Festival eingeschlichen.Ulrich Gregor hat den Film zur "Surprise"-Nacht ins Delphi-Kino eingeladen.Es wurde ein großer Erfolg. TAGESSPIEGEL: In der schwarzen Komödie "Mona must die" lassen Sie sich das Fett absaugen.Würden Sie sich für Ihre Schönheit unters Messer legen? SÄGEBRECHT: Nur wenn ich Mordstränensäcke bekäme! Bei Schauspielern finde ich vor allem die Augen sehr wichtig, weil man mit ihnen so viel erzählen kann. TAGESSPIEGEL: Vor Ihrer Arbeit fürs Kino haben Sie in mancherlei Berufen gearbeitet.Gibt es einen roten Faden in Ihrem Leben? SÄGEBRECHT: Ich glaube, jeder ist mit seinem Treatment unterm Arm geboren.Bestimmte Dinge sind darin festgeschrieben: Zum Beispiel kann man die Eltern nicht mehr casten.Es gibt aber auch viel Freiheit: Man kann seine Geschichte mit Special Effects volladen oder einen Stummfilm draus machen.Wichtig ist nur, daß man nicht zu weit vom vorgezeichneten Weg abkommt.Zum Beispiel würde ich mich nie erdreisten, eine Femme fatale zu spielen.Denn ich bin eine Femme banale. TAGESSPIEGEL: Und wie geht die nächste Szene Ihres Drehbuchs? SÄGEBRECHT: Daß ein neues Kapitel aufgeschlagen wird, hat mir diese Sägebrecht-Retrospektive klargemacht.Erst fand ich die Idee seltsam, schließlich will ich noch so viel machen.Aber es beginnt ja wirklich ein neuer Abschnitt.Ich habe gerade eine Produktionsfirma namens "Haus ohne Wände" gegründet.Obwohl mich meine Freunde gewarnt haben: Marianne, wie kannst du nur, in diesen Zeiten! Als erste Regieübung werde ich einen autobiographisch gefärbten Dokumentarfilm drehen - mit Menschen, die mein Leben geprägt haben.Wenn der Film Geld einspielt, will ich damit alleinerziehende Frauen und Aidskranke unterstützen. TAGESSPIEGEL: Seit 20 Jahren leben Sie in derselben Dreizimmerwohnung in Schwabing.Hat es Sie nie gereizt, ins Ausland zu ziehen? Nach Hollywood? SÄGEBRECHT: Ich war immer mehr fürs Standhalten als fürs Flüchten.Auch wenn mich damals nach den ersten Filmerfolgen viele Bemerkungen verletzt haben.So in der Art von "Ach, Madame Sägebrecht fährt noch U-Bahn.Welche Ehre." Außerdem sind mir meine Tochter und mein Enkelkind sehr wichtig.Ich bin doch nicht verrückt und verzichte auf die beiden, nur um in Amerika den Star zu spielen.Und überhaupt bin ich kein Star, sondern ein Mond. TAGESSPIEGEL: Schade, daß ein gedrucktes Interview Ihren gewaltigen assoziativen Redestrom nur andeutungsweise wiedergeben kann. SÄGEBRECHT: Ich weiß, für die Journalisten bin ich eine Katastrophe, weil ich so voll von Bildern und Ganzheitsgedanken bin.Das sprudelt alles so raus.Ich verströme mich.

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