Zeitung Heute : „Sie haben uns Ihr Wort gegeben!“

Die Afrika-Hilfe, die die G-8-Staaten vor zwei Jahren versprachen, ist ins Stocken geraten. Deshalb trommeln Bono, Geldof und Grönemeyer jetzt wieder – und sind ein bisschen zornig

Moritz Döbler

Bono muss dringend mal wohin. Gott sei Dank gibt es in Nima, dem größten Elendsviertel von Accra, der Hauptstadt von Ghana, tatsächlich eine öffentliche Toilette. Der Popstar stellt sich vor das Urinal, da fällt ihm ein kleines Schild mit den Buchstaben HIPC an der Wand auf. Und schlagartig wird ihm klar, dass sein Einsatz für Afrika nicht vergeblich ist. Denn dank der HIPC-Initiative von Weltbank und Internationalem Währungsfonds von 1996, die später massiv ausgeweitet wurde, sind den ärmsten Nationen Afrikas ihre Schulden erlassen worden, damit sie Schulen, Krankenhäuser – und eben auch Toiletten bauen können. „Da gehst du in einem Ghetto pinkeln, und dann siehst du das und denkst: Wow, es funktioniert.“

Bono erzählt die Anekdote einer Handvoll Journalisten, die er zum Frühstück ins Adlon, das Berliner Fünf-Sterne-Hotel, eingeladen hat. In einer Ecke des holzgetäfelten Saals ist ein Büfett aufgebaut, vor Bono stehen ein Silberkännchen mit Tee und eine Schüssel mit Obst und Yoghurt. Nach wenigen Minuten setzt er die Sonnenbrille mit den überdimensionierten roten Gläsern ab – es ist das Armani-Modell aus seiner eigenen Red-Kollektion – und redet sich warm. Er trägt ein grauschwarz gestreiftes Oberhemd und Jeans, und wenn er alleine über den Pariser Platz liefe, könnte er ein anonymer Tourist sein. Etwas korpulent, ein bisschen grau, in einem Ohrläppchen ein Diamantstecker, ein kleiner Ring im anderen – nichts Besonderes.

Es ist eine kalkulierte Erscheinung. Er nimmt sich zurück. „Was mich so klug macht, ist nicht mein IQ, sondern der IQ all der Leute um mich herum.“ US-Präsident George W. Bush wollte ihn vor einigen Jahren erst nicht empfangen, aber Bono und seine Mitarbeiter gaben nicht auf. „Wir hörten, dass Bush möchte, dass die Leute sich in seinem Weißen Haus gut anziehen. Und uns wurde klar, dass wir uns für Bush besser organisieren mussten.“ Und so besorgte sich Bono von Bill Gates eine Million Dollar und noch eine von George Soros, um seine Organisation Data zu professionalisieren. Wenig später führte er im Oval Office eine leidenschaftliche Diskussion mit Bush. An einem Punkt soll der Präsident mit der Hand auf den Tisch gehauen haben, weil er auch mal was sagen wollte. Vor diesem Erfolg lag harte, diskrete Lobbyarbeit bei den Republikanern – Arnold Schwarzenegger, mit einer Kennedy verheiratet, aber ein großer Name bei den Republikanern, vermittelte.

Data steht für die vier Worte „Debt Aids Trade Africa“ – Schulden, Aids, Handel, Afrika – und beschreibt, welche Themen sich Bono vorgenommen hat. Der größte Erfolg der 2002 gegründeten Organisation war die Abschlusserklärung des G-8-Gipfels von Gleneagles vor zwei Jahren, als die großen Industrienationen versprachen, die Entwicklungshilfe für Afrika bis zum Jahr 2010 um 25 Milliarden Dollar aufzustocken und damit zu verdoppeln.

Bono war nicht allein, die Live-8-Konzerte hatten damals rund um den Globus Millionen Menschen in den Bann gezogen, auch in Berlin. Drei Milliarden Menschen schauten im Fernsehen zu, und für ein paar Wochen war Afrika in aller Munde. Die Kämpen von damals sind wieder dabei – die Namen von Bob Geldof und „Hörbört“ Grönemeyer nennt Bono immer wieder.

Später auf einer gemeinsamen Pressekonferenz sind die drei in der bereits erprobten Arbeitsteilung zu bewundern: Bono ist der gute Bulle, Bob Geldof der böse Bulle, und Herbert Grönemeyer gibt den zornigen jungen Mann. Sie sind hier, um an die Versprechen für Afrika zu erinnern. Grönemeyer sagt Sätze wie: „Wir spielen uns hier an den Füßen, und in Afrika sterben Menschen.“ Die Stimme ist gepresst, es klingt wie unterdrückte Aggression. Und dann gibt er als Protestant der Kanzlerin als Protestantin noch mit, dass es für sie keine Absolution geben werde, die „gebrochenen Versprechen werden Sie verfolgen bis zum Jüngsten Tag“. Bob Geldof sieht aus, als hätte er eine sehr lange Nacht mit vielen alkoholischen Getränken hinter sich. Er trägt ein Sweatshirt mit orangen Querstreifen und ein braunes Jacket mit hellen Längsstreifen. Er bellt schlecht gelaunt seine Vorwürfe in die Menge: „Sie haben uns Ihr Wort gegeben.“ Würden die Versprechen gebrochen, „töten Sie Menschen zwölf Kilometer südlich von Europa“. Und er fragt: „Glauben Sie wirklich, es macht uns Spaß, Finanzminister Steinbrück zu treffen?“ Gelächter im Saal. Bono dagegen sagt milde: „Ich habe das Gespräch mit Steinbrück genossen. Ich mag Rechner.“ Überhaupt, er habe Verständnis für die Nöte der Politiker.

Bono und seine Mitstreiter wollen erreichen, dass die Zusagen von Gleneagles eingelöst werden. Vor allem aber will er das Bild, das der Norden vom Süden hat, ändern; er vermisst Emotionen. „Wir brauchen Poesie“, sagt er und erzählt von Gordon Brown, der nun britischer Premierminister werden soll und mit dem er einst eine Schule in Abuja in Nigeria besuchte. Der Politiker hörte den halbwüchsigen Schülern zu, wie sie über Demokratie redeten, und war von einem Moment auf den nächsten voller Enthusiasmus. „Wenn sie einmal in Afrika gewesen sind, dann ist es so viel einfacher“, sagt Bono.

Emotionen – die werden in diesen Zeiten vor allem durch Marken geschürt. Deswegen gibt es aus der Red-Kollektion nicht nur Bonos Sonnenbrille, sondern auch Kreditkarten und Handys, Schuhe und Klamotten, und von den Erlösen fließt ein Teil in Afrika-Projekte. „Wenn du ein T-Shirt bei Gap kaufst oder eine Armani-Sonnenbrille, wirst du ein Teil von etwas. Das nutzen wir.“ Es ist eine Art Gutmenschenkapitalismus: „Wir sind gegen Globalisierung, die schlecht ist; wir sind für Globalisierung, die gut ist.“ So lautet Bonos einfache Formel, die keinen Unterschied zwischen Kommerz und Kunst, Politik und Protest macht, solange etwas dabei herauskommt.

In drei Wochen eröffnet Angela Merkel den G-8-Gipfel an der Ostsee, und Bono steckt die Erwartungen hoch. „Ich glaube nicht, dass man sich an Gleneagles erinnern wird, wenn Heiligendamm nichts wird.“ Denn der Vollzug der zwei Jahre alten Zusagen stockt, nur Großbritannien und Japan liegen im Plan, während die anderen sechs Nationen – auch Deutschland – hinterherhinken.

Bono hat sich deswegen tief in die deutsche Politik eingegraben, er kennt Merkel und die Führungsriege der Berliner Republik von zahlreichen Treffen. Immer wieder ist er in den vergangenen Monaten in der deutschen Hauptstadt gewesen, manchmal nur für wenige Stunden. Er plaudert wenig aus, bleibt diskret. „Wir kommen eben nicht nur für ein schönes Foto“, sagt er. „Wir haben Beziehungen entwickelt, die auf Vertrauen beruhen. Aber es sind harte Beziehungen. Wir sind nach innen hart, nicht nach außen. Deswegen reden wir freundlich über die Menschen, die wir hier treffen.“

Dass auch die vorhergehende Bundesregierung zuhörte und sich auf feste Zusagen für Afrika einließ, findet er keineswegs selbstverständlich. Hans Eichel sei überhaupt nicht dafür gewesen, Schröder selbst habe den Ausschlag gegeben. „Das ist wirklich heldenhaft nach allem, was ihr in den vergangenen 15 Jahren erlebt habt. Ihr musstet die Wiedervereinigung bezahlen. Deutschland hatte eine Ausrede und hat sie nicht genutzt. Darum bin ich hier und schleime mich bei Deutschland ein.“ Es ist der einzige Moment in dem fast anderthalbstündigen Gespräch, in dem die ganze Anpassung für eine Sekunde von ihm abfällt. „It’s why I am here kissing Germany’s ass“, lautet der Satz im irisch-englischen Original, und Bono lächelt dazu.

Besonders die Bundeskanzlerin hat es ihm angetan. Vor einigen Monaten hat er sie als eine „kluge Frau“ gepriesen, diesmal präzisiert er diese Beschreibung. „Sie ist eine sehr interessante Kombination aus Religion und Wissenschaft“, sagt Bono. „Sie scheint in der Lage zu sein, ihr Ego zu unterdrücken, um die Dinge zu erledigen. Mit männlichen Egos kennt sie sich sehr gut aus.“

Diese Kunst wird sie bei den sieben anderen Staats- und Regierungschefs in Heiligendamm brauchen können – und natürlich auch am eigenen Kabinettstisch. Bono weiß, wer der Mann ist, der allzu hochfliegende Entwicklungshilfeträume im Keim ersticken kann: Finanzminister Peer Steinbrück. Deshalb hat er ihn getroffen. „Ich mag ihn sehr, aber er ist ein harter Brocken. Entwicklungshilfe muss eine Priorität der Koalition werden, damit er zustimmt.“ So kommt es, dass Bono am Montag die SPD-Präsidiumssitzung besucht hat. Als er im Foyer an der Statue von Willy Brandt vorbeiging, kam ihm die Idee, wie er sein Publikum für sich einnehmen könnte. „Worüber würde Willy Brandt im Jahr 2007 nachdenken?“, fragte er die Genossen und gab ihnen seine Antwort. „Er würde über Europa nachdenken, über den Klimawandel, über China – und über Afrika.“

Für einen Moment hatte er das Gefühl, seine Zuhörer zu erreichen, sogar zu bewegen. Aber ein Träumer ist er deswegen nicht. „Es gibt keinen Politiker in der Welt, für den es nicht besser ist, ein Krankenhaus in seinem Wahlbezirk zu bauen, als ganz weit weg ein Krankenhaus zu bauen“, sagt Bono. Dann setzt er seine politisch korrekte Sonnenbrille wieder auf, schüttelt ein paar Hände und verlässt den gediegenen Saal mit eiligen Schritten.

Mitarbeit: Dagmar Dehmer

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