Zeitung Heute : Sie können auch anders

Wenn der Arbeitgeber die Stelle streicht, wartet auf viele Beschäftigte die Arbeitslosigkeit. Das Beispiel Eko Stahl zeigt, dass manche Firmen die Verantwortung für die Mitarbeiter ernst nehmen

Alexander Visser

Die brandenburgische Stahlregion um Eisenhüttenstadt gilt nicht gerade als boomende Wirtschaftszone. Viele Betriebe aus DDR-Zeiten gingen nach der Wende unter oder schrumpften auf einen Bruchteil der Belegschaft, Neuansiedlungen konnten die Stellenverluste nicht ausgleichen. Die Arbeitslosenquote liegt um die 20 Prozent, viele junge Menschen suchen ihre berufliche Zukunft in der Ferne. Aber nicht alle Unternehmen haben den Standort abgeschrieben, viele machen sich weiterhin für die Wirtschaft der Region stark. Besonders engagiert hat sich der Stahl- und Eisenproduzent Eko Stahl. Für dieses Engagement wurde das Unternehmen nun mit einem Preis bedacht: Eko Stahl gehört zu den sechs Gewinnern des Wettbewerbs „Beschäftigung gestalten – Unternehmen zeigen Verantwortung“.

159 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen Deutschlands hatten sich mit innovativen Beschäftigungsmodellen um den Preis beworben, der im zweiten Jahr vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und der Bertelsmann AG initiiert wurde. 14 von ihnen hatte die Wettbewerbs-Jury für die Endausscheidung nominiert. Am vergangenen Freitag wurden die Gewinner der fünf Rubriken im Arbeitsministerium feierlich ausgezeichnet. „Die Konzepte und Projekte, mit denen die 14 nominierten Unternehmen für Ausbildungs- und Arbeitsplätze in ihrer Region sorgen, sind beeindruckend“, sagte Bundesarbeits- und sozialminister Franz Müntefering. „Sie stehen stellvertretend für viele andere, die nicht jammern, sondern anpacken und mithelfen. Davon brauchen wir mehr.“ Der Deutsche Gewerkschaftsbund unterstützt die Initiative. DGB-Chef Michael Sommer sagte bei der Preisvergabe, Betriebschließungen und Stellenabbau seien in Deutschland inzwischen quasi zu einer flächendeckenden Seuche geworden. Die prämierten Unternehmen zeigten jedoch: „Es geht auch anders.“

Neben Eko Stahl wurden Firmen aus dem ganzen Bundesgebiet prämiert (siehe Artikel unten). Aber kaum eine Region bietet ein so schwieriges Umfeld für Beschäftigungsinitiativen wie Eisenhüttenstadt. Auch Eko Stahl musste bluten: Rund 12 000 Mitarbeiter arbeiteten vor der Wende für den Stahlproduzenten, heute sind es knapp 2800. Aber Eko Stahl sei es gelungen, so die Jury, „durch ein Konzept gezielter Wirtschaftsförderung auf vorbildliche Weise die Folgen eines betriebswirtschaftlich notwendigen Personalabbaus aufzufangen und den regionalen Arbeitsmarkt zu stabilisieren.“ Zwischen 2004 und 2008 fallen bei Eko Stahl weitere 350 bis 400 Stellen weg. Aber in die Arbeitslosigkeit soll kein Mitarbeiter fallen.

Dafür setzt das Unternehmen zum einen auf Weiterbildung und Qualifizierung, andererseits unterstützt es Firmen bei der Ansiedelung in der Region. „Wir helfen zum Beispiel bei der Projektentwicklung, bei der Suche nach Immobilien oder bei Behördengängen“, sagt Eko-Stahl-Arbeitsdirektor Rainer Barcikowski. Knapp 170 Arbeitsplätze entstanden bisher durch das Programm, für das Eko Stahl sechs Millionen Euro bereitstellt. Werden Arbeitslose aus der Region beschäftigt, bietet Eko Stahl ein Prämie von 5000 Euro. Einer der großen Erfolge: Die Firma Medent, Spezialist für Rechnungsmanagement im Gesundheitswesen mit Hauptsitz in München, baut einen Standort in Eisenhüttenstadt auf. 150 Menschen sollen hier arbeiten.

Eko Stahl lockt auch kleine Betriebe an, zum Beispiel mit einem Gründerwettbewerb. „Wir unterstützen dabei originelle Geschäftsideen“, sagt Barcikowski. „Zuletzt hat uns ein türkischer Familienbetrieb überzeugt, der in Eisenhüttenstadt hochwertige Dessous herstellen will.“ Bis zu 20 Näherinnen sollen hier einen Arbeitsplatz bekommen.

Zudem organisiert Eko Stahl gemeinsam mit 25 Betrieben der Region die Verbundausbildung von 110 Jugendlichen. Mit 23 zusätzlichen Ausbildungsplätzen seit 2004 und 50 Azubis jährlich geht das Unternehmen selbst mit gutem Beispiel voran. „Eko Stahl ist in dieser Hinsicht vorbildlich“, sagt Peter Ernsdorf, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall Ost-Brandenburg. „Uns freut vor allem, dass die Beschäftigungsförderung langfristig angelegt ist.“

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