Zeitung Heute : Sie sagen: er ist Jude

OLIVER SCHMOLKE

Zeugnisse aus 325 Jahren - zum Abschluß der Jüdischen Kulturtage Einer der legendären Berliner Salons sollte nachgestellt sein.Auf dem gedeckten Eßtisch stand Wein, die sieben Kerzen der Menora brannten, Tatjana Blacher und Jörg Zimmermann fädelten ein Gespräch ein, das zwanglos vom jüdischen Familienrezept zur 325jährigen Geschichte der Berliner Jüdischen Gemeinde finden sollte."Soll ich dir mal in flotten eineinhalb Stunden die jüdische Geschichte erzählen?" Es folgte die zweistimmige Lesung einer Textcollage "von Moses Mendelssohn bis Heinz Galinski", ergänzt durch das Klezmer-Duo Rosenthal und Ginsburg. Die inszenierte Intimität geriet unfreiwillig komisch.Das Szenenspiel der Protagonisten war hölzern, der Einstieg in das Thema aufgesetzt, und aus dem großen Vortragssaal des Centrum Judaicum wollte partout kein trauter Salon werden. Musik aber und gelesene Autoren, von Adriana Altares und Carola Cohen ausgesucht, waren Garantie genug, daß der Nachmittag gelang.Die Veranstalter haben den Mund nicht zu voll genommen: Wie versprochen hörte man, "mit wieviel Mut, kritischem Verstand und Humor" die jüdisch-deutsche Geschichte geschrieben wurde. Stimmen von Mendelssohn, Heine, Tucholsky, Roth, Wassermann und Lasker-Schüler spannten noch einmal den Bogen vom optimistischen 18.ins katastrophale 20.Jahrhundert.Der Traum der Emanzipation stieß auf die Zurückweisung der christlichen Gesellschaft, kehrte sich in Spott oder in geradezu verzweifelt korrekten, jüdisch-deutschen Patriotismus.Wo Walter Rathenau mit hilflosem Ernst fragt, welche Statistik denn belege, daß die jüdischen Deutschen schlechte Staatsbürger seien, stellt Joseph Roth in einer Reportage mit feiner Ironie fest, ein prügelnder Antisemit sei nach dem Übergriff "unbehelligend nach Hause gekommen".Keine Auflehnung und keine Assimilation halfen gegen den "Sumpf deutschnationaler Selbstsucht" (Heine).Jakob Wassermann, der einen "Weg als Deutscher und Jude" gesucht hatte, schreibt 1921 die bittersten Sätze seines Lebens: "Es ist vergeblich für sie zu leben und für sie zu sterben.Sie sagen: er ist ein Jude." In der Ahnung des Kommenden schließt Else Lasker-Schülers Gedichtzeile an: "Es ist ein Weinen in der Welt." Die 10.Jüdischen Kulturtage wurden ihrem seltsam flüchtigen Motto "Tagträume in Berlin und andernorts" glücklicherweise untreu.Bis zum Schlußpunkt lieferten sie den sinnlichen Beweis, daß Leo Baecks 1945 gesprochenes "Dennoch" real ist.Die Jüdische Gemeinde heute ist kein "Friedhof", wie Yoram Kaniuk mißmutig meckerte, sondern lebhafte Berliner Gegenwart.OLIVER SCHMOLKE

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