Zeitung Heute : Sieben Atommeiler nicht sicher genug

Kommission: Deutsche Kernkraftwerke unzureichend gegen Flugzeugabstürze geschützt

D. Dehmer,R. Birnbaum

Berlin - Die Wahrscheinlichkeit, dass die wegen des Moratoriums abgeschalteten Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, ist weiter gesunken. Am Dienstag hat die Reaktorsicherheitskommission (RSK) Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) den Bericht über die Sicherheitsreserven der deutschen Meiler übergeben, den dieser nach der Atomkatastrophe in Fukushima in Auftrag gegeben hatte. Das Ergebnis ist das, was vorher auch schon bekannt war: Es gibt vier Atomkraftwerke, die über gar keinen Schutz vor Flugzeugabstürzen verfügen, drei können den Aufprall einer leichten Militärmaschine verkraften, und zehn würden den Absturz größerer Militärflugzeuge überstehen, nicht aber einer großen Verkehrsmaschine.

Die Atomfachleute haben die 17 deutschen Atomkraftwerke nach Themen geordnet in jeweils drei neu definierte Schutzstufen einsortiert. Sie stellen ein höheres Schutzniveau dar, als es bisher vorgeschrieben ist. Und sie sind ein Versuch, das „Restrisiko“ neu zu definieren. Es soll nicht mehr nur um die Frage gehen, in welchem Verhältnis die Eintrittswahrscheinlichkeit zum möglichen Schaden steht. Es soll darum gehen, welche Unfallverläufe noch beherrschbar erscheinen. Und da gibt der Vorsitzende der RSK den deutschen Atomkraftwerken gute Noten: „Alle verfügen über Sicherheitsreserven.“ Allerdings sind die Anlagen sehr unterschiedlich auf Notfälle wie Hochwasser, den Ausfall der Nebenkühlsysteme oder völlige Stromausfälle vorbereitet. Da die Steuerung der deutschen Atomkraftwerke noch analog ist, brauchen die Betreiber aber zumindest im unmittelbaren Kraftwerksbetrieb Computerhacker nicht zu fürchten. Bei der Zugangssicherung zu den Anlagen dagegen gibt es digitale Komponenten, über die die RSK bisher keine Aussagen machen kann – wie über viele andere Fragen auch. Dafür war die Überprüfungszeit zu kurz.

Umweltminister Röttgen zog am Dienstag zwei Schlüsse aus den Aussagen des Berichts: „Es ist verantwortbar, nicht sofort aus der Atomenergie auszusteigen.“ Und: „Es bleibt richtig, so schnell wie vernünftig möglich, die Kernenergienutzung zu beenden.“

SPD-Chef Sigmar Gabriel hält die ganze Prüfung für unseriös, weil sie nach alten Sicherheitsvorgaben und ohne genügend Zeit stattgefunden habe. Der grüne Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin verlangte, dass die sieben ältesten Anlagen nicht wieder in Betrieb genommen werden dürfen. Das fordern auch die meisten Umweltverbände. Und tatsächlich scheint bei den Betreiberfirmen auch kaum noch jemand damit zu rechnen, dass die Anlagen noch einmal Strom produzieren. Das sagten zumindest Andreas Brabeck (RWE) und Uwe Knickrehm (EnBW) beim „Alternativen Energiegipfel“ der Klimaallianz unmittelbar nach der Veröffentlichung des Berichts.

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