Zeitung Heute : Sieben grundsätzliche Gedanken

HARALD MARTENSTEIN

Zwei Tage ohne Fußball - das hatten wir lange nicht, das gibt uns Muße zu genau sieben grundsätzlichen Gedanken.Wir wollen nachdenken über ein Wort von Jürgen Kohler (stellvertretender Abteilungsleiter Defensiv-Abteilung), das Mexiko-Spiel betreffend: "Die Mannschaft hat die typisch deutschen Tugenden gezeigt." Wir müssen uns an das Mexiko-Spiel erinnern, und schon wissen wir, was typisch deutsch ist.

Über die wichtigste Tugend ist häufig berichtet worden.Wir haben die ältesten Fußballer, den ältesten Kanzler, die ältesten Computerspezialisten und das älteste Pommes-Frites-Fett der Welt.Also, die wichtigste deutsche Tugend: Altsein.

Wirtschaftswunder! Wunder Wiedervereinigung! Und anschließend im Viertelfinale gegen das Wunder Kroatien! Andere Völker müssen ohne Wunder auskommen und kriegen schon im Achtelfinale Fußball-Giganten wie Argentinien als Gegner.Merke: die zweite deutsche Tugend lautet "Glück haben".Im Endspiel treffen wir demnach auf ein stark geschwächtes Dänemark.

Die dritte deutsche Tugend heißt Treue (zu Andy Möller, zu Christian Ziege, zu Torwart Köpke).Andere Völker verstoßen Fußballspieler, die den Ball nicht treffen.Der Deutsche ist treu.Ehrensache.Auch Tugend Nummer vier und fünf (Niemals aufgeben, Kämpfen bis zum Umfallen) kennen wir aus den Geschichtsbüchern.Die Mexikaner kämpfen bis fünf vor zwölf, anschließend machen sie Siesta.Er, so hat ein berühmter deutscher Staatsmann gesagt, er gebe grundsätzlich erst um fünf nach zwölf auf.

Deutsche Tugend Nummer sechs lautet "Hohe Flanken in den Strafraum".Die deutschen Ladenöffnungszeiten, die sechsjährige Berliner Grundschule, der Streit um die Rechtschreibreform, all diese Zeiterscheinungen könnte man gut unter der Metapher "Hohe Flanken in den Strafraum" zusammenfassen.Sie kommen von weither angeflogen und sind schwer wegzubekommen.

Die Deutschen dribbeln nicht nutzlos durch die Gegend.Lieber stehen sie herum, denken sich ihr Teil und sammeln Eindrücke.Wenn sie mal laufen, dann langsam.Siebte deutsche Tugend: die Langsamkeit.Der typische Deutsche ist alt, langsam, treu, er hat Glück, gibt niemals auf und ist schwer wegzubekommen.Um Gerhard Schröder scheint es sich nicht zu handeln.

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