Zeitung Heute : Sieben Jahre Sibirien

Am 6. September 1948 ließ die SED die Sitzung der Stadtverordneten im Neuen Stadthaus sprengen. Der Tagesspiegel-Reporter wurde verschleppt

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Wieder einmal in Lichtenberg. Einzelhaft seit zwei Tagen. Hier war der Häftling schon einmal vor fünf Jahren weggesperrt worden, kurz nach der Festnahme in OstBerlin, bevor es ins Straflager nach Sibirien ging. Angeblich für eine erneute Vernehmung war er nun, im Frühsommer 1953, zurückgeholt worden. Stunde um Stunde verrann. Kein Verhör, keine Andeutung, dass ein neuer Prozess bevorstünde. Am Morgen des dritten Tages drang plötzlich Lärm von der Straße in die Zelle. „Die Gitter des winzigen Fensterchens konnte ich knapp mit den Händen erreichen. Ich zog mich hoch und sah strömende, für mich unverständlich schreiende Menschenmassen. Konnte ich ahnen, daß der 17. Juni begonnen hatte? Schon rasselten Schlüssel an meiner Türe, und ein Auto brachte mich zu irgendeinem Bahnhof. In Eile ging es zurück nach Ost-Sibirien.“ Erst zwei Jahre später sollte Wolfgang Hanßke, in die Sowjetunion verschleppter Reporter des Tagesspiegels, nach Deutschland und in die Freiheit zurückkehren.

Der Leidensweg des Journalisten hatte am 6. September 1948 begonnen. Ein für die Geschichte der Stadt entscheidendes Datum, bedeuteten doch die dramatischen Ereignisse dieses Tages ihr endgültiges Zerbrechen als politische Einheit, den Zerfall in West und Ost für die nächsten 40 Jahre. Zentrum des Geschehens: das Neue Stadthaus in der Parochialstraße im Bezirk Mitte, damals Sitz des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung. In dem noch für Gesamt-Berlin zuständigen Parlament standen SPD und SED in Dauerkonfrontation, CDU und LDP taktierten vorsichtiger, setzten noch auf die Einheit, bis ihnen später die Spaltung aufgezwungen wurde.

Wiederholt hatte es in und vor dem Neuen Stadthaus, diesem Nebenschauplatz des Kalten Krieges, von der SED inszenierte Krawalle gegeben. Bereits viermal hatte Stadtverordnetenvorsteher Otto Suhr (SPD) die Sitzungen vertagt. Am 6. September nun war das Parlament erneut zusammengerufen worden, sollte über die fälligen Neuwahlen beschließen. Das wollte die SED verhindern.

Auch an diesem Montag setzte sie auf ihre bewährte Taktik. In Bussen und Lastwagen waren die abkommandierten „Werktätigen“ kolonnenweise herangeschafft worden, ausgerüstet mit roten Fahnen und Transparenten: „Weg mit dem bankrotten Magistrat!“, „Raus mit den Westmächten aus Berlin“, „Die Luftbrücke soll US selbst bezahlen“. Schon der Weg ins Sitzungsgebäude wurde für die Stadtverordneten, sofern sie nicht der SED angehörten, zum Spießrutenlauf. West-Journalisten, unter ihnen der 20-jährige Tagesspiegel-Reporter Wolfgang Hanßke, wurden angepöbelt, es kam zu ersten Handgreiflichkeiten. Die Polizisten, die eine dünne Kette um das Gebäude gebildet hatten, sahen untätig zu.

Den Tag schilderte Günter Marquard, damals Parlamentsreporter für den „Sozialdemokrat“, Jahrzehnte später im Tagesspiegel: „Kurz vor Sitzungsbeginn hören wir Lärm. Das Grölen der ins Haus eingedrungenen Demonstranten. Sie haben, ohne daß die Markgraf-Polizei (Paul Markgraf war der von den Sowjets eingesetzte Polizeipräsident) eingriff, das Hauptportal gestürmt. SED-Abgeordnete haben ihnen außerdem Hof- und Kellereingänge geöffnet. Im Plenarsaal umringen Demonstranten die Magistratsbänke. Mit einem Kollegen stehe ich neben dem Sitzplatz des gewählten, aber von den Sowjets durch Veto an der Ausübung seines Amtes als Oberbürgermeister gehinderten Stadtrats Ernst Reuter. Er sitzt inmitten des Trubels, liest in seinen Akten. Als ihn Demonstranten bedrängen, blickt er nur unwillig auf, schiebt sie beiseite und sagt: ,Geht weg, ich habe zu arbeiten.‘“ An eine Debatte oder Abstimmung war nicht mehr zu denken. Otto Suhr hatte durch einen Hinterausgang ins Freie flüchten können und vertagte die Sitzung telefonisch. Am Abend kam man im Studentenhaus der Technischen Universität in Charlottenburg zusammen, in der Sicherheit des britischen Sektors. Die SED-Parlamentarier waren der Einladung nicht gefolgt. Das bedeutete das Ende der Verwaltungseinheit Berlins. Auch die Großdemonstration auf dem Platz der Republik drei Tage später, mit Ernst Reuters berühmtem Aufruf an die „Völker der Welt“, auf diese Stadt zu schauen, sollte daran nichts mehr ändern.

Im Stadthaus war der 6. September mit dem Sprengen der Sitzung und dem Abzug der Demonstranten noch lange nicht zu Ende gewesen. Polizisten waren danach ins Gebäude eingedrungen, verstärkt durch russische Soldaten, hatten die Anwesenden systematisch kontrolliert und Dutzende von Personen festgenommen, Hilfsordner vor allem, die den Mob nicht hatten stoppen können, und West-Journalisten. Über 60 Gefangene zählte der Reporter des „Spiegel“, der getarnt als Chauffeur eines parkenden alliierten Wagens den Abtranport beobachtete.

Unter ihnen war auch Wolfgang Hanßke, der junge Tagesspiegel-Mann, der zunächst ins Polizeigefängnis in die nahe Dircksenstraße gebracht und dann wohl schon bald den Sowjets überstellt wurde – mit der Folge, dass sich gegenüber seiner Familie beide Behörden als nicht zuständig erklärten und auf die jeweils andere verwiesen. Erst im Februar 1950 erhielt seine Mutter einen Brief ihres Sohnes, doch als sie ihm unter der darauf angegebenen Ost-Berliner Postschließfachnummer antwortete, kamen die Briefe als unzustellbar zurück.

Der Tagesspiegel forderte in Kommentaren und Appellen die Freilassung seines Mitarbeiters. Viel mehr als Gerüchte, wohin man Hanßke geschleppt hatte, konnte das Blatt nicht bieten. Unklar war ohnehin, was man ihm eigentlich vorwarf. Seine Kollegen hatten gehört, dass er einen Schlagring bei sich getragen habe, auch gab es wohl unter ihnen Gemunkel, ob er womöglich mit den Amerikanern zusammengearbeitet habe – von beidem war in seinen späteren Erzählungen nie die Rede, wie sich seine Witwe Christel Hanßke erinnert. So dürfte eher die früh im Tagesspiegel geäußerte Vermutung zutreffen, dass Hanßke und ein weiterer verhafteter West-Journalist nur deswegen verfolgt wurden, „weil sie Zeitungen vertreten, deren politische Grundsätze mit denen der Kommunisten nicht übereinstimmen“. Und das taten sie beim Tagesspiegel ganz und gar nicht, der beispielsweise 1946, im Vorfeld der Ost-Berliner Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED, massiv Stellung bezogen hatte und den bedrängten Sozialdemokraten unter dem Titel „Der Kampf um die Freiheit“ eine Plattform für Appelle und Stellungnahmen geboten hatte. Möglich, dass die Verschleppung des Tagesspiegel-Reporters auch als Vergeltung für missliebige Berichterstattung gemeint war.

Erst Ende Oktober 1955 sollte Hanßke zurückkehren, im Zusammenhang mit den Vereinbarungen, die Adenauer mit den Sowjets über die Freilassung der deutschen Gefangenen erzielt hatte. Sieben Jahre schwerster Lagerhaft lagen hinter ihm. Noch in Lichtenberg war er zu dreimal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden. „Verurteilungsgrund: Spionage, Antisowjetische Propaganda, Gründung antisowj. Vereinigungen (Berl. Jungbären)“ – so hat er 1955 in seinem „Heimkehrer-Erfassungsbogen“ notiert. Wie er seiner späteren Frau erzählte, hatte man ihm das Geständnis unter Folter abgepresst.

Über Bautzen und Halle war Hanßke nach Sibirien transportiert worden, wurde in verschiedenen Lagern festgehalten, überwiegend im Strafgebiet Taischet in den Wäldern nahe dem Baikalsee. Vor allem wurden die Häftlinge dort beim Holzschlag und in Sägewerken eingesetzt, was schwer genug war, doch litt Hanßke, so ist in Schilderungen von Mithäftlingen nachzulesen, zusätzlich noch immer an den Folgen der Misshandlungen während der zweijährigen Verhöre. Mit der Kante eines Stahllineals sei er oft auf den kahl geschorenen Kopf geschlagen worden, hat er erzählt. Die Spuren waren noch immer nicht ganz verheilt. Auch die Wachmannschaften im Arbeitslager prügelten, „mit langen großen Knüppeln“, wie ein Mitgefangener schrieb. „Herr Hanßke wurde oft geschlagen und meistens am Hals und Kopf getroffen.“ Von diesen Misshandlungen hat sich der junge Journalist nie wieder richtig erholt. Zuvor ein kerngesunder und sportlicher Mann, litt er nun an epileptischen Anfällen, die er nur mit starken Medikamenten bekämpfen konnte, auf deren Nebenwirkungen, so vermutet seine Witwe, auch Hanßkes früher Tod 1988 im Alter von 61 Jahren zurückzuführen ist.

An eine regelmäßige Tätigkeit war kurz nach der Heimkehr nicht zu denken gewesen, erst im Herbst 1956 versuchte der Spätheimkehrer einen Neubeginn und begann, an der Freien Universität Wirtschaftswissenschaften zu studieren. „Wie ein gesundheitlich angeschlagener Vierziger“ habe Hanßke gewirkt, erinnert sich sein ehemaliger Kommilitone Jürgen Friedenberg, der soeben sein Volontariat beim Tagesspiegel abgeschlossen hatte. Die Streifzüge seiner Mitstudenten durch die Kulturszene Berlins habe Hanßke nur selten mitgemacht, „es war ihm einfach zu viel, und in den Ostsektor fuhr er nie“. Sein Studium musste er wegen seiner schlechten Gesundheit zeitweise unterbrechen, abschließen sollte er es nie. Später trat er wieder in die Redaktion des Tagesspiegels ein, musste die Arbeit aber Mitte der 80er Jahre vorzeitig beenden.

Groll oder gar Hass gegen Russland hat Wolfgang Hanßke trotz seiner Sibirien-Zeit nie gezeigt, wie die Witwe erzählt. Sein Leid, so sah er es wohl, hatten ihm einzelne Vertreter des Systems zugefügt, nicht das russische Volk. Mitte der siebziger Jahre kehrte er sogar noch einmal nach Moskau zurück, mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar. Zuletzt war er als Strafgefangener dort gewesen, auf dem Weg von Sibirien zurück nach Deutschland. Nun kam er als Tourist.

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