Zeitung Heute : Sieger auf Lebenszeit

Er schlug die Boxlegende Joe Louis 1936, seither kennt ihn die Welt. Wie Max Schmeling Deutschlands Sportler Nr.1 wurde und blieb

Michael Rosentritt

Der 19. Juni 1936 ist noch jung. In Deutschland dämmert es. Eine Nation sitzt vor dem Volksempfänger und lauscht der Stimme von Arno Hellmis. Der sitzt am Ring im New Yorker Yankee-Stadion und kommentiert den Boxkampf zwischen dem unschlagbaren Joe Louis und Max Schmeling. Kurz vor vier Uhr morgens schreit Hellmis. „Der Kampf ist aus.“ Joe Louis geht in der zwölften Runde zum zweiten Mal zu Boden und wird ausgezählt. Und wieder: „Aus, aus, aus!“ Das Unfassbare passiert. Max Schmeling schlägt Joe Louis k.o.

Der Kommentator der „New York World“ schreibt am folgenden Tag: „Eines Tages wird die Sphinx reden, die Pyramiden werden einstürzen, die Wasser des Ozeans werden stillstehen. So etwas Ähnliches geschah gestern Abend im Yankee- Stadion, und heute können Sie von der größten Überraschung in der Geschichte des Boxsports lesen und davon, dass das Unmögliche geschah und dass der Verurteilte seinen Henker hinrichtete.“

Der Sieg über Joe Louis begründet Schmelings weltweite Popularität. Jahrzehnte später küren deutsche Sportjournalisten Schmeling zu „Deutschlands Sportler Nr. 1 auf Lebenszeit“. Und noch einmal viele Jahre später versucht Schmeling selbst, den Mythos Max Schmeling zu erklären: „Dass ich zum Idol wurde, verdanke ich mehr der Zeit als mir selber.“

1975 versucht der Psychologe Professor Fritz Stemme eine Deutung der ungebrochenen Popularität Schmelings, des einzigen Boxweltmeisters im Schwergewicht, den Deutschland jemals hatte. Stemme: „Das Bild, das fast alle von ihm haben, ist gleichbedeutend mit dem Image des einfachen, bescheiden gebliebenen Mannes, dem die großen sportlichen Erfolge nie zu Kopf gestiegen sind. Man schätzte an ihm die Treue zu sich selbst, die in sich ruhende Persönlichkeit, die auch nicht durch schicksalswidrige Umstände ins Wanken geriet…“ Auf die Frage, wie er selbst sich seine Beliebtheit erklärt, hat Schmeling einmal geantwortet: „Vielleicht, weil ich nichts dafür tue.“

Schmelings Leben verläuft beinahe deckungsgleich mit der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Als Wilhelm II. regiert, wird Schmeling in Klein-Luckow, einem Dorf bei Prenzlau in der Uckermark, geboren. Das ist 1905. Er wird auf die Namen Maximilian, Siegfried, Adolph und Otto getauft, sein Vater ist ein Schiffssteuermann auf der Hamburg-Amerika-Linie. Im „Kohlrübenwinter“ des Ersten Weltkriegs hungert das Kind. Es folgt eine Kaufmannslehre, in den „Goldenen Zwanzigern“ wird Schmeling Profiboxer und gegen Ende der Weimarer Republik in Amerika Weltmeister. In der Zeit des Nationalsozialismus schlägt er Joe Louis, hilft Juden und wird von Hitler an die Front geschickt. Das Nachkriegswirtschaftswunder macht ihn zum wohlhabenden Geschäftsmann. Den Fall der Mauer erlebt er „mit Wolllust“ und die Jahrtausendwende in Zurückgezogenheit.

Ein Boxkampf, den er im Kino sieht, weckt in Schmeling das Interesse für diesen Sport. Er zieht ins Rheinland, dann nach Berlin. Hier interessieren sich Künstler und Schriftsteller für ihn. Er wohnt unter einem Dach mit Joachim Ringelnatz. 1926 gibt er sein Filmdebüt in „Ein Filmstar wird gesucht“. 1927 malt ihn George Grosz. Er steht den Bildhauern Josef Thorak und Rudolf Belling Modell.

Es ist die Zeit der Zeppeline und Überseedampfer. Er wird Europameister im Halbschwergewicht (1927) und Deutscher Meister im Schwergewicht (1928), anschließend reist er mit der „New York“ auf gut Glück nach New York. Schmeling ist 22 Jahre alt. Am Tag nach seiner Ankunft bekommt er schwarz auf weiß zu lesen, wie man ihn drüben einschätzt: „180 Pfund Matjeshering kamen an“, steht in der Zeitung. Acht Monate lang wartet er auf die erste Chance, die ihm dann der berühmte Box-Promoter Tex Rickard bietet: für 1000 Dollar in einem Nebenkampf im Madison Square Garden zu boxen. Schmeling nutzt sie, in der achten Runde schlägt er seinen Gegner k.o. „What a right hand“ – was für eine Rechte, schwärmen Rickard und die amerikanischen Zeitungen. Schmeling schreibt in seinem Buch „8 – 9 – aus“, dass diese Anerkennung Rickards seine Karriere begründet habe.

Zu dieser Zeit lernt Schmeling, der fortan in den Vereinigten Staaten als „Schwarzer Ulan vom Rhein“ betitelt wird, einen Mann namens Joe Jacobs kennen. Ein kleiner, fixer Bursche und „mit allen Wassern gewaschen“, schreibt Schmeling. Er wird Schmelings Manager. Jacobs ist amerikanischer Jude, an dem Schmeling trotz aller späteren Repressalien der Nazis bis zu dessen Tod 1940 stets festhalten wird.

Mit vier weiteren Siegen 1929 in New York qualifiziert sich Max Schmeling für den Kampf um die Weltmeisterschaft. Gegner ist der Amerikaner Jack Sharkey. Durch einen Tiefschlag Sharkeys in der vierten Runde und dessen folgende Disqualifikation wird Max Schmeling am 12. Juni 1930 Weltmeister in New York. Die volle Anerkennung findet er aber erst, als er ein Jahr später, am 3. Juli 1931, in Cleveland bei der ersten Titelverteidigung den Amerikaner Young Stribling in der 15. Runde k.o. schlägt. Den Titel verliert Schmeling in der Revanche gegen Sharkey am 21. Juni 1932 auf Long Island.

Noch vor seinen großen Kämpfen gegen Joe Louis lernt Schmeling seine spätere Frau, die Stummfilmschauspielerin Anny Ondra, kennen. Sie ist quasi Schmelings Nachbarin am Sachsenplatz in Berlin-Westend (heute Brixplatz). Die Vorbehalte, die das Haus Ondra gegenüber Boxern hegt, sind groß. Schmeling erinnert sich: „Frau Ondras Abneigung gegen meine Zunft hatte selbstredend Hand und Fuß: der Prager Boxer Frantisek war gerade beim Geldschrankknacken geschnappt und eingesperrt worden. Nein, diese Boxer! Alle Schotten sind Geizhälse, alle Deutschen sind Militaristen, alle Zahnärzte sind Sadisten! Und alle Boxer sind – natürlich Geldschrankknacker.“ Es klappt doch. Der Boxveranstalter Paul Damski arrangiert ein Treffen in einem Café: „Ich habe nur fünf Minuten Zeit“, sagt die Schauspielerin. Aus fünf Minuten werden 54 Jahre. Im Sommer 1933 heiraten sie im Standesamt Charlottenburg. Die Ehe hält bis zu Anny Ondras Tod 1987.

Es ist also der 18. Juni 1936, abends im Yankee-Stadion im New Yorker Stadtteil Bronx, Schmeling gegen Louis. Amerikanische Journalisten fragen Schmeling vor dem Kampf, wie lange er meine, gegen Louis auf den Beinen bleiben zu können. Der Deutsche antwortet: „Ich habe etwas gesehen und glaube, ihn schlagen zu können.“ „He has seen something“, höhnen daraufhin die Zeitungen. Der Hohn gilt einem Mann, der besonders genau hinsieht, der sich Filme von Louis’ Boxkämpfen besorgt und angeschaut hat, auch rückwärts und in Zeitlupe.

Die Wetten stehen 18 zu 1 für Louis, den besten Schwergewichtler, den die Welt gesehen hat. Selbst Schmeling gibt zu, bei Louis die „Kraft eines Naturtalents und Boxwunders“ gesehen zu haben. Aber er hat eben noch etwas anderes gesehen. Er hat gesehen, dass Louis seine linke Gerade immer beim Zurückziehen nach einem Treffer etwas fallen und damit die linke Gesichtshälfte ungedeckt lässt. Und so nimmt Schmeling manche Linke, um mit der eigenen rechten Geraden crossen zu können. Mit Erfolg – Schmeling knockt Louis aus.

In der Nacht nach dem Kampf sitzt Schmeling mit seinem Team in einem Zimmer des Hotels Plaza, im Herzen Manhattans. Körbeweise Telegramme erreichen ihn in dieser Nacht. Marlene Dietrich, Hans Albers, Adolf Hitler. Vor allem die Nazis lassen sich dieses Ereignis nicht entgehen. Sie feiern den Sieg über den Schwarzen Louis als Beweis „arischer Überlegenheit“. In den Kinos wird der Kampf unter dem Titel „Max Schmelings Sieg – ein deutscher Sieg“ aufgeführt.

Die Revanche gegen Louis verliert Schmeling 1938 in New York durch K.o. in der ersten Runde. Und er muss die Abscheu der Amerikaner gegenüber Hitler-Deutschland über sich ergehen lassen. Auf sportlichem Gebiet, so schreibt Schmeling später, gilt er als eine „Art Stellvertreter Hitlers.“ Vor 70 000 Zuschauern im Yankee-Stadion wird Schmeling auf dem Weg von der Kabine zum Ring mit Zigarettenschachteln, Bananenschalen und Coca-Cola-Bechern beworfen.

In seinem letzten Interview, das Schmeling Anfang der 90er Jahre der Deutschen Presse-Agentur gibt, nimmt er Stellung zu der Zeit des „Dritten Reiches“, in der er gelegentlich mit Hitler und Goebbels zusammengekommen war: „Offiziell empfangen wurden viele. Doch im Gegensatz zu anderen war ich nie Mitglied der Nazi-Partei.“ Auch habe er die Annahme des SA-Ehrendolches, was einer symbolischen Mitgliedschaft in der SA gleichkam, abgelehnt. „Aber ein öffentlicher Regimegegner war ich wirklich nicht. Doch mit der K.-o.-Niederlage im WM-Kampf gegen Joe Louis 1938 war ich sowieso abgemeldet. Als einziger deutscher Spitzensportler zu der Zeit musste ich in den Krieg ziehen.“

In seinem vermeintlich letzten Kampf wird Schmeling am 2. Juli 1939 in Stuttgart durch einen K.-o.-Sieg in der ersten Runde Europameister im Schwergewicht. 1940 wird er in die Wehrmacht einberufen. Hitler, der ihn jahrelang als Sportidol hofiert, lässt ihn als missliebigen Judenfreund fallen und schickt ihn an die Front. Als Fallschirmjäger beteiligt er sich am ersten Angriff auf die von Großbritannien besetzte Insel Kreta. Schmeling verletzt sich beim Absprung und wird monatelang in Lazaretten behandelt. Ostern 1943 wird er aus der Wehrmacht entlassen, er verliert alles bis auf seinen Ruhm. Sein riesiges Rittergut in Pommern kassieren die Russen ein, alle Wertpapiere sind nur noch Makulatur und die Ersparnisse aufgebraucht.

Nach dem Krieg geht Schmeling zu seinem alten Betreuer Max Machon und sagt ihm: „Ich möchte noch einmal boxen.“ Und an seinem 42. Geburtstag hat Schmeling tatsächlich sein Comeback. K.-o.- Sieg in der siebten Runde vor 40000 Zuschauern in Frankfurt am Main. Drei weitere Kämpfe folgen. Am 31. Oktober 1948 boxt Schmeling noch einmal in der Berliner Waldbühne. Noch vor der Verkündung der Punktniederlage gegen Riedel Vogt greift er zum Mikrofon und verkündet seinen Rücktritt, weil er meint, dem Publikum nichts mehr bieten zu können.

Mit dem erboxten Geld kauft er ein Anwesen vor den Toren Hamburgs. Schmeling baut Tabak an, betreibt eine Hühnerfarm und eine Nerzzucht. Schließlich holt ihn Coca-Cola-Chef James A. Farley, ein Weggefährte aus Boxzeiten, in die Deutschlandvertretung des Konzerns. 1955 wird er Konzessionär der Weltfirma und wieder wohlhabend.

Man sieht ihn seltener in der Öffentlichkeit, nach dem Tod seiner Frau so gut wie gar nicht mehr. Schmeling begründete das so: „Ich habe alle Fragen meines Lebens beantwortet und habe mich von allen Kameras dieser Welt abbilden lassen. Ich will mir nicht länger als ein wandelndes Monument vorkommen.“ Zweimal taucht er noch auf, nach dem Mauerfall. Er empfängt die ostdeutschen Boxer Axel Schulz und Henry Maske. Und 1991, da gründet er die Max-Schmeling-Stiftung. In deren Präambel steht, dass den „armen Verschämten“ geholfen werden soll, „ohne Ansehen der Person, ihrer Religion, der politischen Auffassung oder Hautfarbe“.

Vor eineinhalb Jahren erhielt Max Schmeling eine Auszeichnung der International Raoul Wallenberg Foundation. Die Organisation ehrt Menschen, die sich für das Leben anderer einsetzen. Schmelings gewürdigte Tat datiert vom 9. November 1938. In der Reichspogromnacht versteckt Schmeling auf Bitten eines jüdischen Freundes dessen beide Söhne im Berliner Hotel Excelsior, wo er gerade wohnt. 48 Stunden danach bringt er die heute in Kalifornien lebenden Brüder zu ihren Eltern zurück, mit denen sie zwei Tage später nach China emigrieren.

Eigentlich sollte Schmeling die Auszeichnung am Hauptsitz der Foundation in Buenos Aires oder aber wenigstens anlässlich eines Festaktes in Deutschland entgegennehmen. Schmeling lehnt beide Vorschläge dankend ab. Urkunde und Bronzeplakette wurden ihm zugeschickt.

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