Zeitung Heute : Sierra Nevada: Erst die Fiesta, dann der Sport

Roland Mischke

Skifahren in Spanien finden manche so spannend wie Bergsteigen im norddeutschen Flachland. Sie haben keine Ahnung. Was die Sierra Nevada südöstlich der Stadt Granada Wintersportlern zu bieten hat, ist beachtenswert und hat schon so manche in Begeisterung versetzt. Die "weiße Bergkette", wie Sierra Nevada übersetzt wird, gehört nicht nur zu den schönsten Skiarealen Europas, sondern auch zu den am besten Ausgebauten. Es fehlt an nichts.

Am Reißbrett entworfen

1996 fand hier, zum ersten Mal in Spanien, die Ski-WM statt, die Investitionen für das Großereignis waren enorm gewesen. Vor dem Championat wurde die Straße nach Granada ausgebaut, es entstanden neue Lifts und Abfahrten und auf 2100 Meter Höhe der am Reißbrett entworfene Ort Pradollano. Davon profitieren heute die Touristen. Auch von dem Umstand, dass der Skizirkus hier längst nicht so bürokratisch durchorganisiert und teuer ist wie in den Alpenländern. 61 Kilometer Piste stehen zur Verfügung, 19 Lifts und Gondeln ohne Geschubse und Gedränge, drei Hütten und Restaurants. Dass die große Sonnenterrassen haben, versteht sich wohl von selbst.

Spätestens dort wird der Sierra-Nevada-Anfänger schnell froh über seine Wahl: Er wird belohnt mit einem Panoramablick, der bei gutem Wetter über das weiße Hochplateau auf die Alhambra, die maurische Burganlage Granadas, und über die Straße von Gibraltar bis nach Afrika reicht. Bei diesem Gratisblick trinkt man beim Sonnenbaden einen Wein oder Sherry und guckt den ungestümen jungen Spaniern beim Flirten zu. Da kann man einiges lernen.

Mitteleuropäer, wegen des großen Andrangs auf Alpenpisten gewohnt, früh in den Skialltag zu starten, erleben an den ersten Tagen eine Überraschung: Vor elf Uhr sind sie nahezu allein auf den Hängen. Die Spanier müssen ausschlafen, denn das Nachtleben ist lang und kostet Kraft. Angenehm fällt auf, dass niemand - weder mit ausgefallener, toller Skiakrobatik noch mit dem schicksten Overall - auffallen will. Konkurrenzstress kommt gar nicht erst auf. Es geht hier nicht darum, eine gute Figur zu machen, sondern möglichst viel Spaß zu haben.

Die Gondel Al-Andalus verkehrt in sieben Minuten von Pradollano zur Mittelstation Borreguiles. Weiter geht es mit dem Vierersessel-Lift Veleta. Die Pisten Zorro und Tubo de Borreguiles sind flach und genau richtig zum Einschwingen. Mit dem Sessellift Veleta II gelangt man zur schönsten Abfahrt der Sierra, die merkwürdigerweise La Laguna heißt. Hier kann man sich die Olimpíca-Piste hinabstürzen, die unterhalb des Pico Veleta auf 3392 Meter rechts abgeht. Auch Snowboardfahrer sind nach La Laguna unterwegs. Dort, in Liftnähe, zweigt die sechs Kilometer lange Aguila-Abfahrt ab. Sie hat einen Zwischenstopp, Nevasol, eine Hütte an der Mittelstation.

Günstiger als in Kitzbühel

Spätestens dort atmet der Alpenerfahrene tief durch. Die Leute sitzen in T-Shirts auf der Terrasse und lassen es sich gutgehen. Die Getränkepreise sind gegenüber Davos oder Kitzbühel um mehr als die Hälfte günstiger. Allerdings schließen Theken und Lifts schon gegen vier Uhr nachmittags. Denn schließlich müssen alle vor den langen Nächten noch ausgiebig ruhen. Wer unbedingt abends wedeln will, dem stehen zwei von Flutlicht bestrahlte Pisten zur Verfügung, die einzigen in ganz Spanien, die auch nachts noch beleuchtet sind.

Nachts aber haben die Spanier weder Zeit noch Interesse am Skisport. Pradollano, nicht schön, aber funktional gebaut, ist auf der gesamten Iberischen Halbinsel bekannt für seine ausufernden Partynächte, die kaum vor Mitternacht beginnen und erst gegen Morgen enden. Vorher isst man und ruht ein wenig. Dann füllen sich die Discos in Schallgeschwindigkeit, stehen Groove und Move, Hip und Hop auf dem Programm. Mancher Vertreter der fortgeschrittenen Altersklasse wird am zweiten oder dritten Tag zum Opfer des Party-Lag, der Zeitverschiebung.

Tapas an der Piste

Wer nicht bis zum Ende des fröhlichen Treibens bleiben will, kann zu Fuß in sein Quartier zurück. Pradollano mit seinem Mittelpunkt, der Plaza Andalucía, ist übersichtlich, alles ist in wenigen Minuten zu erreichen. Von Lokal zu Lokal ziehen ist, wie überall in Spanien, angesagt. Der Lebenslustige, der tagsüber auf der Piste genügend Kondition getankt hat, nimmt hier ein paar Tapas, trinkt dort ein Bier oder einen Wein und wirft im dritten Lokal einen Blick aufs schöne Geschlecht. Natürlich haben sich die Spanierinnen für die Nacht gehörig in Schale geworfen.

Vor allem am Wochenende kommen viele Granadiner in die Bergwelt, um in der Höhenluft mal eine richtige Sause abgehen zu lassen. Dann ist noch morgens um sechs auf Pradollanos Straßen der Teufel los. Skifahren, na ja, das geht auch noch später, mañana, mañana. In Andalusien wird die Prioritätenliste nicht vom Sport, sondern vom Fun angeführt. Und der fängt eben für viele erst nach Mitternacht an.

Die arabischen Mauren, die von 711 bis 1492 al-Andalus beherrschten, waren die ersten, die sich für das Schneegebirge interessierten. Im Sommer ließen sie sich von ihren Sklaven zum Kühlen der Speisen Eis aus den Bergen bringen, im Winter stiegen sie selbst hinauf, um die frische kalte Luft zu genießen. Wie gewaltige Wellen rollen die karg bewachsenen Berge zum Mittelmeer hin aus.

Im Süden der Sierra Nevada liegen Spaniens höchstgelegene Ortschaften. Sie kleben alle an steilen Berghängen und schauen in Richtung Süden. Charakteristisch sind die kubischen Häuser mit flachen Dächern aus einer schieferartigen, wasserdurchlässigen Magnesiumtonerde. Sie sind stufenförmig angeordnet und ergänzen einander: Das Dach des unteren Hauses dient dem darüber liegenden als Terrasse. Diese architektonische Hinterlassenschaft der Araber ist besonders in den Orten entlang der Landstraße C 333 zu besichtigen.

Der Menschenschlag in den Bergen ist zurückhaltend, wortkarg, weniger temperamentvoll als es Andalusier gewöhnlich sind. Bis weit in unser Jahrhundert hinein galt die Gegend als verhext, besiedelt von zurückgebliebenen Menschen, von Mardern, Füchsen und Dachsen, über denen der Steinadler kreist.

In den teilweise versteckten Dörfern ist das Pro-Kopf-Einkommen heute noch gering und es gibt viele Analphabeten. Die Felder werden nach der Väter Weise, mit Mulis und kräftigem Ackervieh, bearbeitet. Erst seit dem Aufschwung des Tourismus gibt es mehr Arbeitsplätze, vor allem jüngere Leute sehen nun für sich eine Perspektive. Insofern war es sinnvoll, hier eine Kultur zu etablieren, die die Nacht zum Tage macht und dafür Geld auszugeben bereit ist. So geht das nämlich in der Sierra Nevada auch aus dem europäischen Norden Angereisten, wenn sie nicht aufpassen: Sie sind zum Skifahren gekommen und im Partytrubel angekommen.

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