Zeitung Heute : Sigmar Gabriel?

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Sigmar Gabriel (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht Generalsekretär werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Das Amt, das er schon längst haben müsste, hat immer der Falsche: Erst war es Olaf Scholz, der nette, intelligente, aber als Generalsekretär der großen, widerspenstigen SPD ungeeignete Hamburger, und Klaus Uwe Benneter, der gebürtige Karlsruher und heutige Berliner, hier mit vielen Wassern gewaschen, dessen größte Qualifikation fürs Amt aber die des Kanzlerfreundes aus gemeinsamen Juso-Zeiten war.

Heute ist er so eine Art Kummerkasten der SPD, was für sich gesehen nicht ganz unwichtig ist, aber doch nicht alles sein kann, was sich mit dem Titel verbindet. Dagegen Gabriel: Auf dem Parteitag im Ruhrgebiet hält es ihn nicht mehr auf seinem Platz, und weil er Reden kann, tut er es auch – sowohl knallhart zur Sache als auch der Partei ins Gewissen, und das alles in einer Weise, dass die Genossen Olaf Scholz nachher bei der Wahl um ein Haar durchfallen lassen.

Klar, da hat er zeigen wollen, dass mit ihm, dem Verlierer von Hannover, trotzdem zu rechnen ist. Aber es ist eben auch so, dass er weiß, wo er herkommt und deshalb auch weiß, wo er hingehört (das ist so einer der Kanzlersätze, die hervorragend zu Gabriel passen). Gabriel ist, im Widerspruch zum kleinen Rufmord, der immer mal wieder an ihm versucht wird, ein begabter Programmatiker, verfasst jedenfalls durchaus lesenswerte Papiere und Gedanken, ist ein guter Zuhörer. Und merkt sich, was er hört. Dass Parteichef Franz Müntefering ihn mit der Leitung der SPD-Kommission zum Umbau des Sozialstaats mit europäischer Perspektive betraut hat, war ein Akt der Sympathie, dazu aber auch einer der Überzeugung. Der Franz, der oft mit dem Sigmar spricht, hält ihn für eines der größten Talente der SPD überhaupt; aber außerdem für einen, dem er von Zeit zu Zeit den richtigen Weg weisen muss. Dessen – auch väterliche – Autorität akzeptiert Sigmar Gabriel.

Kanzler Schröder sah in ihm früher tatsächlich seinen Nachfolger; bis er sein Teil dazu tat, Gabriel die Wahl in Niedersachsen zu verhageln und nachher, weil der ihm durch pure Anwesenheit ein schlechtes Gewissen machte, nichts mehr von ihm wissen wollte. Außerdem erwartete Schröder, dass Gabriel klaglos Frondienste tun und sich zurücknehmen würde. Wenigstens eine Zeit lang. So lange, wie er es ihm sagen würde.

AMBITIONEN: Immer hat er die, manchmal zu viele auf einmal, zu flott und hoch hinaus. Es ist halt so vieles eine Sache des Timings, des Glücks, der Gelegenheit… Der Mann will da rein, im Grunde genommen: ins Kanzleramt. Da wäre er vielleicht auch ganz gut aufgehoben – wenn er lernte, sich nicht zu viel aufzuhalsen, nicht zu viel herumzufahren, sich auf ein Ziel zu konzentrieren. Das ist bei ihm nicht immer so. Im Moment kann die Partei das vertragen. Die fragt ja bei ihm an, weil er in diesen eher tristen Zeiten einer von den raren Unverdrossenen ist. Er bringt seine Vorstellungen auf den Punkt, kann famos attackieren. Unvergessen, wie er sich, damals noch Ministerpräsident, von der Bundesratsbank kommend im Bundestag mit Annette Schavan (CDU) wegen der Bildungspolitik anlegte. Weil ihm, der sich nach oben kämpfen musste, die Bildung nicht in den Schoß fiel, gibt er da kein Pardon.

AUSSICHTEN: Alles hängt mit allem zusammen. Wenn die SPD verliert, Franz Müntefering zurücktritt und Kurt Beck die SPD führt – dann sehr gut. Wenn die SPD verliert, Müntefering bleibt und Schröder sich zurückgezogen haben wird – dann immer noch ganz gut, weil Benneter dann auch nicht mehr lange bleiben kann. Wenn Müntefering geht und, als SPD-Gegengewicht zur Kanzlerin aus dem Osten Matthias Platzeck SPD-Chef würde – dann würde es spannend. Platzeck-Gabriel war Schröders Traum-Nachfolgepaar, aber eben nicht gemeinsam an der Spitze der SPD, sondern einer im Kanzleramt und einer in der Partei. Bleibt bei alledem die Frage, wie gut sich Gabriel unterordnen kann. Ganz vielleicht wird er unterschätzt. Er war ja mal unter Schröder Fraktionschef; übrigens eine Aufgabe, die er auch gelernt hat.

WAHRSCHEINLICHKEIT: So hoch, wie die SPD glaubt, auf ihn angewiesen zu sein.

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