Zeitung Heute : Signal zum Rückzug

Andrea Nüsse

Der UN-Sicherheitsrat debattiert eine neue Irakresolution. Was wäre, wenn der Abzug westlicher Truppen aus dem Irak tatsächlich Ende 2005 stattfindet? Wäre das für das Land zu früh?

Politisch ist es notwendig und richtig, ein konkretes Datum für den Abzug der ausländischen Truppen aus dem Irak zu setzen. Denn deren Präsenz wird von einer Mehrheit der Iraker mittlerweile abgelehnt. Außerdem hängt die Glaubwürdigkeit der neuen irakischen Regierung entscheidend davon ab, wie unabhängig von den USA sie agieren kann. Daher werden deutliche Signale gebraucht, um auch Zweifler davon zu überzeugen, dass die amerikanisch-britische Einmischung provisorisch und zeitlich begrenzt ist.

Entscheidend ist aber auch, wie schnell die irakische Regierung Armee und Polizeikräfte aufbauen kann. Und ob diese Ende 2005 selbst die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen könnten. Zwar wurden bisher in US-Auftrag zehntausende Soldaten und Polizisten im Irak sowie in Jordanien ausgebildet. Doch die Auseinandersetzungen in Falludscha und mit den Anhängern des schiitischen Klerikers Muktada al Sadr haben gezeigt, dass es den irakischen Einheiten an Loyalität mangelt, solange sie von Amerikanern geführt werden. Viele Soldaten und Polizisten quittierten in Krisen einfach den Dienst. Nur wenn die neuen Sicherheitskräfte ausschließlich von Irakern befehligt werden, könnten in dem Staat loyale Strukturen aufgebaut werden.

Beobachter glauben, dass ein Abzug der ausländischen Truppen in anderthalb Jahren verfrüht wäre. Sie verweisen auf Erfahrungen aus Bürgerkriegsländern wie Bosnien, Kosovo oder Afghanistan. Doch auch wenn im Irak gerne von „bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen“ gesprochen wird, stellt sich die Lage dort etwas anders dar: Ein Großteil der Gewalttaten richtet sich gegen die ausländischen Truppen und Unternehmen, Organisationen oder Leute, die mit den Besatzungsmächten zusammenarbeiten. Auch ein Teil der Anschläge auf irakische Politiker gehört in diese Kategorie, da sie von den Tätern als Kollaborateure angesehen werden. Daneben gibt es Anschläge auf bestimmte Volks- oder Religionsgruppen, in die wahrscheinlich auch ausländische Kämpfer verwickelt sind. Diese Taten stehen vermutlich in indirektem Zusammenhang mit der Besetzung. Sie sollen zeigen, dass es den USA nicht gelingt, ihre Vorstellungen im Irak zu verwirklichen. Ein Teil dieser Gewalt könnte mit dem Truppenabzug zurückgehen, aufhören wird sie aber nicht.

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