Zeitung Heute : Silber putzen, kochen und die gute Seele sein

Wer als private Haushälterin arbeitet, muss flexibel sein und gleichzeitig Grenzen setzen können. Die Verdienstmöglichkeiten sind gut

Renate Giesler

In weißer Bluse, dezent geschminkt und um den Hals eine Perlenkette bittet Ute Höltig in den Salon. Augenblicke später hat der Gast das gewünschte Glas Wasser in der Hand, die Dame des Hauses ist informiert und Haushälterin Höltig wieder auf dem Weg in die Küche.

„Du hast doch noch nie in einer Villa gearbeitet“, hatte sich eine Freundin empört, als Ute Höltig von ihrem Plan erzählte, als Haushälterin zu arbeiten. Eine andere Freundin gab damals zu bedenken: „Dieser Beruf ist doch von gestern: Silber putzen, kochen, die gute Seele sein . . . ". Doch Ute Höltig ließ sich nicht beirren. Nachdem sich ihr Mann für eine andere entschieden hatte, musste sie sich verändern. „Ich sah und sehe das ganz praktisch. Private Haushälterinnen in gut situierten Häusern werden hervorragend bezahlt, haben ein spannendes Aufgabengebiet, lernen interessante Menschen kennen und tragen Verantwortung.“

Im Sommer 2000 verließ Ute Höltig das Backsteinhaus am Rand von Hamburg, zog in die Nähe von Frankfurt/Main und startete neu durch. Inzwischen hat die 42-Jährige, die neben ihren Aufgaben als Hausfrau und Mutter zusätzlich als Tagesmutter, Bewerbungstrainerin und Buchhändlerin arbeitete, ihren Traumjob gefunden: „Durch eine winzige Anzeige in einer überregionalen Zeitung.“ Ausschlaggebend für den Zuschlag war neben Berufserfahrung und Persönlichkeit ihr Meisterbrief. Höltig hatte nach der Realschule eine Ausbildung für städtische Hauswirtschaft gemacht.

In der ersten Woche im Haushalt der Managerfamilie kam sie auf die Idee, mit Stoppuhr zu arbeiteten – für einen professionellen Zeitplan: „Zwei Stunden brauchte ich allein für das Saugen der Räume“. In Gedanken flitzt sie in die zweite Etage, auf dem Arm die Bettwäsche. Sie ist sportlich, doch nach der ersten Woche spürte sie den Muskelkater. Ein 500 Quadratmeter großes Haus tip top zu halten, einen vier Personenhaushalt zu managen und bei den Abendgesellschaften eine ruhige Hand zu behalten, das macht dieser Powerfrau richtig Spaß: „Es ist eine logistische Herausforderung, alles rechtzeitig auf den Tisch zu bringen und verschiedene Sonderwünsche zu berücksichtigen.“ Dass bei dieser Arbeit nicht der Preis, sondern allein die Qualität entscheidet, war die größte Umstellung für Höltig. „Wir legen Wert auf 1a frische Ware und auf Bioprodukte", hat ihre Chefin sie wissen lassen. Höltig muss beim Einkaufen nicht auf den Euro schauen, doch sie sammelt jede Quittung und führt Haushaltsbuch. Für Empfänge gibt es einen gesonderten Etat. Immer wenn ein Fest vorbereitet wird, blüht sie auf, um ihr Organisationsgeschick, ihre Teamfähigkeit unter Beweis zu stellen und vom Profi-Koch noch etwas zu lernen.

Ute Höltig hat eine Vertrauensstellung. „Da sitzen anspruchsvolle Gäste aus der Gesellschaft, die ich bediene. Jeder Griff muss sitzen und zugleich muss ich mich mit meiner Meinung zurückhalten. Auch wenn ich bei manchen Themen gern meinen Kommentar abgeben würde.“ Zurückhaltung und Diskretion sind oberste Devise. Auch kann Höltig nicht Punkt 17 Uhr den Kochlöffel fallen lassen. Ihre Arbeitszeiten sind klar geregelt: Es gibt freie Tage und jedes zweite Wochenende gehört ihr. Mittags zieht sie sich nach dem gemeinsamen Essen für 15 Minuten zurück.

Wer in fremden Häusern wirtschaftet, braucht neben Flexibilität vor allem Rückgrat, muss Grenzen setzen. Als ehemaliges Vorstandsmitglied des Frauennetzwerkes Business an Professional Woman (BPW, www.bpw-germany.de ) ist das für Höltig kein Problem. Sie sagt klar ihre Meinung, ist aber auch offen für konstruktive Kritik. Nach gut einem Jahr sind die Fronten abgesteckt, der Sohn des Hauses spielt nicht mehr den Prinzen. Sie selbst verkneift sich, laut zu stöhnen, wenn sie zum dritten Mal den Topf zur Seite schieben muss, weil die Chefin ruft oder das Telefon klingelt. Anrufe nimmt sie professionell immer mit freundlicher Stimme entgegen: „Schließlich vertrete ich das Haus.“

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