Zeitung Heute : "Silicon Taiga": Lauf Akademgorodok

Alexandra Stark

Es regnet. Das Taxi holpert über den breiten Lawrentjew-Prospekt, die Hauptstrasse von Akademgorodok. "Links sehen Sie das Insitut für Nuklearphysik. Rechts das Institut für Biochemie", sagt der Taxifahrer. Von Sehen kann allerdings kaum die Rede sein. Die hohen Bäume lassen die mächtigen Gebäude nur erahnen und versperren den Blick auf die weitläufige Stadt, die die Sowjets Ende der fünfziger Jahre nur für Wissenschaftler aus dem Boden gestampft haben. Es war die Zeit des Kalten Kriegs. Die Kräfte wurden gebündelt. In der Abgeschiedenheit, dreieinhalb Flugstunden östlich von Moskau und dreißig Kilometer von Nowosibirsk, ging das besser.

Mit dem Ende der Sowjetunion wurde auch für die Wissenschaft das Geld knapp, viele Forscher sind aus der 120 000 Einwohner zählenden Retortenstadt weggezogen. Diejenigen, die geblieben sind, haben ihre Privilegien verloren. Doch der erste Eindruck täuscht. Entlang der endlos langen, verwinkelten Gängen in den zwanzig Hochschul-Instituten von Akademgorodok leben noch immer Wissenschaftler, Koryphäen auf ihrem Gebiet, die ihre Resultate in den renommiertesten internationalen Publikationen veröffentlichen.

Begegnungen der anderen Art

Erklimmt man in dunklen Treppenhäusern noch ein paar Stufen mehr, steht man plötzlich in weiss gestrichenen, kargen Räumen, in denen sich eine andere Spezies breit macht: wortkarge 18- bis 25-jährige Programmierer, die in schätzungsweise fünfzig Firmen programmieren. Sie stehen unter anderem im Sold von IBM und Sun, arbeiten aber auch für deutsche Unternehmen.

"Die Leute sind extrem gut", sagt Adrian Pfister, der die "Auktion24.ru GmbH" leitet und bei dem heute sechzig Leute an verschiedenen Projekten arbeiten. Die Programmierer, alle mit mindestens einem Uniabschluss, arbeiten unter anderem für die Schweizer Expertenplattform wetellyou.com und betreuen den Schweizer Ableger von Ricardo.de. Im September wird Richardo.ch in eine gesamteuropäische Plattform integriert, auf der das Mutterhaus QXL ricardo plc ihre 13 Länderseiten zusammenfasst. "Wir sind gerade daran, Design und Datenstruktur gemäß den Vorgaben anzupassen", sagft Adrian Pfister, der seit November 1999 als Verbindungsperson nach Deutschland und in die Schweiz in Akademgorodok lebt. "Ich schaue, dass die Ressourcen optimal eingesetzt werden und bin der kulturelle Übersetzer", sagt der 29-jährige Schweizer. "Zum Beispiel, was das Design angeht. Die Russen mögen es eher melancholisch.", sagt Pfister. "Da muss ich manchmal ein bisschen nachhelfen."

Lächeln über den "Bisnesmen"

Über einen kleinen Trampelpfad zwischen hohen Bäumen gelangt man ins Büro von Wladimir Beresnjew. Er ist der stellvertretende Direktor des Mathematik-Institutes, aus dem der Hauptteil der Programmierer in Akademgorodok stammt. "Wir haben eingesehen, dass wir von unseren Prinzipien wegkommen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen", sagt Wladimir Beresnjew in seinem rosa gestrichenen Besprechungszimmer. Weniger erfolgreiche Kollegen bezeichnen ihn abschätzig als "Bisnesmen". Ihn kümmert das wenig. "Wir erlegen so viele Hasen mit einem Schuss", sagt der Mathematiker und lacht. "Das Institut wird finanziell unterstützt, die Unternehmen erhalten hochqualifiziertes Personal und die guten Leute bleiben so der Region und vielleicht sogar der Wissenschaft erhalten."

Auch das Institut für Computertechnologie hat diesen Weg eingeschlagen. Auktion24 Development GmbH soll hier demnächst in ein solches Programm miteinbezogen werden. "Wir bekommen hier im Institut für Computer-Technologie soviel Platz wie wir benötigen und bieten dafür Ausbildungs- und Praktikaplätze an", freut sich Adrian Pfister.

Weniger junge Menschen als früher können sich vorstellen, in die Wissenschaft zu gehen. "Heute werden unsere Absolventen entweder Banker oder Programmierer", sagt Beresnjew. Kein Wunder, die wissenschaftliche Karriere ist hart und brotlos. Ein Professor bringt es auf ein Grund-Monatseinkommen von 150 Dollar. Unter den Programmierern gibt es schon für Mittzwanziger die Möglichkeit, viel mehr Geld zu verdienen. Junge Programmier-Experten bringen es schon mal auf 1400 Dollar.

Einer der Top-Verdiener ist der 22-jährige Alexander Karachanow, der bei der XIAG AG, einem kleinen Schweizer Unternehmen, arbeitet. "Klar verdiene ich viel mehr als mein Vater, der Herausgeber einer Zeitung ist und am Institut für Hydrodynamik arbeitet". Probleme gibt es deswegen zu Hause aber keine. "Mein Vater ist stolz auf meine Karriere!", sagt er. Er will auch nicht weg. Hier ist ihre Heimat. "Ich habe einen spannenden Job, verdiene gut und meine Familie ist hier", sagt Alexander Karakhanow.

Einige überlegen es sich dennoch, wie zum Beispiel Sergei Lukitschew. Seine Familie lebt in Kasachstan. "Ich habe eine kleine Schwester", erzählt er. "Ich möchte, dass sie eine anständige Ausbildung bekommt, vielleicht in Amerika. Vielleicht aber auch in Nowosibirsk." Im Moment macht es die Internet-Rezession in den USA den russischen Programmierern mit Fernweh jedoch schwer, einen Job im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu finden.

Dafür hoffen andere in Akademgorodok, dass die Internet-Ermüdung in den USA den eigenen Unternehmen helfen wird. "Die Krise in den USA ist gut für uns", sagt Alexej Alexejew, CEO von SibIT, einem neugegründeten Zusammenschluss von zehn kleinen Offshore-Programmierungsunternehmen. "Sibirien hat ein Hinterwäldler-Image", sagt er. "Wir haben uns zu SibIT zusammengeschlossen, um unsere Stärken gemeinsam noch besser bekanntzumachen. Denn jetzt ist endlich das Diktat der Börsen vorbei und das Geld fließt dahin, wo Preis und Leistung stimmen", sagt er: "Nach Akademgorodok!"

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