Zeitung Heute : Silicon Valley macht Front gegen Microsoft und Intel

LUDWIG SIEGELE

Konkurrenz schmiedet mächtige AllianzVON LUDWIG SIEGELE

Das Silicon Valley bläst zum Großangriff auf die Software-Festung in Redmond.Zusammen mit dem Rechnerkonzern IBM verkündeten am Montag in San Francisco gleich vier der wichtigsten Unternehmen der High-Tech-Region, wie sie sich den vielbeschriebenen Netzcomputer (NC), auch Internet-PC genannt, konkret vorstellen, der den PC als Star der Branche ablösen und damit die Dominanz von Microsoft und Intel brechen soll.

Geht es nach Apple Computer, Netscape Communications, Oracle Corporation und Sun Microsystems wird der NC ein Gerät sein, das eher einem Telefon ähnelt als einem Rechner: Er soll vor allem kinderleicht zu bedienen sein.Die NCs werden abgespeckte Personal Computer mit einfachsten Betriebssystemen, kleinen Speichern, Tastaturen, Bildschirmen und Modems sein.Sie werden in der Regel kein Diskettenlaufwerk haben.Ihre Leistungsfähigkeit sollen sie durch Software erhalten, die über leistungsstarke Großrechner des Internets oder firmeneigene Computernetze zur Verfügung gestellt wird, und nicht durch interne Hochleistungschips, große Speicher und andere teure PC-Komponenten.Vor allem sollen sie ohne DOS, Windows und Intel-Chips ihre Arbeit verrichten.

"Mit dem gemeinsamen "Referenz-Profil" für den NC haben wir die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß er einmal so weit verbreitet sein wird, wie Telefon oder Fernseher heute", erklärte auf der Pressekonferenz Larry Ellison, Chef der Software-Schmiede Oracle, der seit Monaten weltweit die Werbetrommel für den Network Computer rührt und auch die treibende Kraft der Fünferkoalition ist.

An sich ist das "Referenz-Profil" des NC nichts Neues: Es faßt die Standards zusammen, die sich im Internet durchgesetzt haben.Doch durch die offizielle Unterstützung der fünf Branchengrößen bekommen sie eine neue Qualität: "Der NC ist von nun an ein System, das den Segen von Apple, IBM und anderen hat", betont Tim Bajarin von Creative Strategies Research.Im Schatten der Großen, kündigten am Montag denn auch fast hundert Unternehmen an, sie würden den neuen NC-Standard mittragen.Dabei sind der Chiphersteller Motorola und der Rechnerproduzent Digital Equipment.Aber auch France Telecom und British Telecom wollen den NC unterstützen.

IBM ging mit gutem Beispiel voran: Im Laufe des Jahres will Big Blue eine Reihe von NC für Unternehmen auf den Markt bringen, die zwischen 500 und 1000 Dollar (750 bis 1500 DM) kosten sollen.Aber auch Privathaushalte können sich bald einen NC zulegen: Die britische Firma Acorn wird ab September ein Gerät für unter 500 Dollar anbieten, das sich an jeden Fernseher anschließen läßt.

Trotz der großen Koalition ist der Siegeszug des NC nicht vorprogrammiert.Manche Experten sagen sogar einen Flop voraus: "Die Technologie ist nicht gut genug.Ein PC wird immer attraktiver sein, als Geräte mit beschränkten Möglichkeiten wie der NC", meint etwa Josh Bernoff, Analyst beim Brandenbeobachter Forrester Research, "für ihn gibt es einfach keinen Markt."

Ob Bernoff recht hat, wird sich zuerst in Unternehmen zeigen.Dort läßt sich mit der NC viel Geld sparen, meinen seine Erfinder: Weil ein Einfachrechner seine Software übers Netz bezieht, läßt er sich einfacher verwalten als ein PC."Der schlägt pro Jahr mit 12.000 Dollar zu Buche", rechnet John Thompson vor, Software-Chef bei IBM, "ein NC ist mindestens ein Viertel billiger."

Ob sich der NC in Privathaushalten durchsetzt, hängt wohl vor allem vom Marketinggeschick der Anbieter von Internet-Zugängen ab.Sie müßten, meint Marc Andreessen, Mitgründer von Netscape, einfach die gleiche Strategie fahren wie France Télécom in den achtziger Jahren mit seinem Minitel: die Geräte kostenlos abgeben und dann bei den Gebühren kräftig abkassieren.

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