Zeitung Heute : SIND BRASILIENS FUSSBALLER UNTRAINIERBAR? Zagalos Haufen kleiner Kaiser

JÖRG ALLMEROTH

PARIS .Vergnügt reibt sich das Topmanagement des Fernseh-Imperiums "Globo" daheim in Brasilien die Hände: Die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich, die der national führende Sender als tägliches Spektakel mit Menschen, Toren, Streit und Sensationen inszeniert, wird nach ersten Hochrechnungen zum beispiellosen Quotenrenner mit satten Millionenerträgen.Selbst wenn "Globo" in diesen bewegten Tagen bloß zum brasilianischen Trainingsbetrieb ins ferne Frankreich schaltet, verlangt die Station von ihren Firmenkunden pro Werbeminute stolze 150 000 bis 180 000 Mark.Doch die fürstlichen und beinahe halsabschneiderischen Summen werden von den Unternehmen klaglos bezahlt: Schließlich liefert die eigene Nationalmannschaft mit ihren verrückten Eitelkeiten und Eifersüchteleien jenen einträglichen Stoff, aus dem die brasilianischen Fernseh-Regisseure ihre täglich schillernde Fußball-Seifenoper zusammenbasteln.

Nicht allein die Leute von "Globo", sondern ein insgesamt 500 Männer und Frauen starkes Presse-Bataillon labt sich rund um die Uhr an Kabale und Intrige bei der sogenannten "Seleceado".Und seit dem mit Mühe und Not und Hilfe eines Eigentores gewonnenen Eröffnungsspiel gegen Schottland am letzten Mittwoch im "Stade de France" ist der Tonfall im alles umwälzenden Medientroß noch ein bißchen schärfer als sonst geworden: Auf der grünen Wiese, im Provinzquartier Lesigny bei Paris, schreien die aufgeregten Berichterstatter derzeit ihre krachenden Sensationsmeldungen mit Inbrunst in den Äther - für eine 160-Millionen-Gemeinde verrückter Fußball-Fanatiker, die auf jeden noch so wichtigen und nichtigen Informationsfetzen lauert.Heute abend spielen die Brasilianer in Nantes gegen Marokko.

Doch selbst für die eingeschworensten Anhänger treibt es die grün-gelbe Auswahl beim laufenden Besuch der Fußball-Weltmesse ein bißchen zu weit mit ihren notorischen Eskapaden.Die internen Scharmützel um Macht und Einfluß im Team, die Grabenkämpfe in der Rangordnung gehen den Parteigängern Brasiliens allmählich auf die Nerven.Schon meldet sich das National-Idol Pelé mit der Warnung zu Wort, "daß dieses Theater unsere Titelträume gefährdet".Schnellstens müsse Trainer Zagalo seine meuternden, aufsässigen Stars "in die Schranken weisen", sagt der frühere Weltmeister, schließlich sei der Anblick des zerstrittenen Haufens "langsam unappetitlich".

Doch die Autorität des grauen Mittsechzigers ist längst zerbröckelt.Die Heckenschützen sind inzwischen in voller Pracht aufgetaucht, keiner macht sich mehr die Mühe, seinen Unmut über den ohnehin angegriffen wirkenden Trainer zu verbergen.Selbst Kapitän Carlos Dunga hält sich nicht mehr mit der Kritik an Zagalo zurück."Völlig unverständlich" sei die Absicht des Chefcoachs, den beim WM-Auftakt nicht überzeugenden Giovanni gegen Leonardo auszutauschen: "Die Mannschaft", so Dunga, "soll zusammenbleiben und sich einspielen." Bei Zagalos Intimfeind, dem als Aufpasser und Co-Trainer amtierenden Zico, stößt Dunga damit sowieso auf vollstes Einverständnis: "Das Wechselspiel bringt gar nichts, nur Unruhe." Giovanni selbst hat schon finster angekündigt, "daß es Zoff gibt, wenn ich rausfliege".

Wie ein Hilferuf klingt es da, wenn Zagalo in den immer aggressiveren Pressekonferenzen demonstrativ verkündet, das Gesetz des Handelns liege immer noch bei ihm: "Ich bin hier der Trainer, ich bestimme, was geschieht - und was nicht." Jeder, der aufmucken wolle, müsse mit "unbarmherziger Strenge" rechnen, sagt Zagalo, "der kann sich bei mir das Ticket für den Heimflug abholen".Doch diese düsteren Drohungen spricht Zagalo schon seit Wochen gebetsmühlenhaft aus - und trotz allerhand Querelen und Quertreibereien hat sich noch niemand zum Airport bemühen müssen."Starke Worte - keine Taten", urteilt Ex-Star Falcao über Zagalo, einen "Trainer auf Abruf".

Allerdings gestehen selbst erklärte Zagalo-Kritiker wie Pelé zu, "daß unsere Nationalmannschaft allmählich nicht mehr trainierbar ist".Von einem Haufen "kleiner Kaiser" spricht der ehemalige englische Nationalcoach Terry Venables.Praktisch jeder sei in seinem Verein ein "Führungsspieler, der gewohnt ist, daß ihm alle folgen", sagt sogar Kapitän Dunga, "wenn diese Individualisten dann zusammenkommen, kann man für nichts garantieren."

Auch das liebe Kleingeld spielt im Kleinkrieg der Fußball-Künstler eine Rolle: Schließlich entscheiden Sein oder Nicht-Sein in der Aufstellung über millionenschwere Werbekontrakte in der Zukunft.Die bunten Werbeclips des Ausrüsters Nike mit sonnigen Beachfußball-Szenen gaukeln eine Harmonie vor, "die in Wirklichkeit nicht mehr da ist", meint Falcao.

Zu allem Überdruß fungieren als Strippenzieher hinter den Kulissen auch noch verschlagene Spielerberater, die gemeinsam mit Spezis im Medienpulk Stimmungen erzeugen und lenken."Hier kämpft jeder gegen jeden", hat Zagalo in einer schwachen Stunde einem Vertrauten gesagt, manchmal sei das "Geschachere einfach unerträglich".Doch weil "preußisches Blut" in seinen Adern fließe, so der Trainer, werde er bestimmt nicht vor seiner Pflicht davonlaufen.Der Pflicht, Weltmeister zu werden - und nichts anderes.

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