Zeitung Heute : Sind Sie nervös, Daniel Brühl?

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Daniel Brühl, 25, gilt seit „Good bye, Lenin!“ als einer der besten deutschen Nachwuchsschauspieler. Seit Donnerstag kann man seinen neuen Film „Was nützt die Liebe in Gedanken“ im Kino sehen.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Lampenfieber erinnern?

Das erste Mal so richtig-richtig nervös war ich bei einem Vorlesewettbewerb in der sechsten Klasse. Ich habe „Die Schwarzen Brüder“ gelesen und den „Zappelphilipp“ – den habe ich ausgesucht, weil der mir ähnlich war. Das kam mir so wahnsinnig wichtig vor als Kind. Die Jury, fremde Menschen, die mich beobachten und sich Notizen machen, mich bewerten.

Gewöhnt man sich an die Auftrittsangst?

Lampenfieber ist immer wieder furchtbar, da gibt’s keine Routine. Bei Castings bin ich heute noch angespannt. Selbst wenn ich meine, gut vorbereitet zu sein, dass das genau mein Ding wäre, hab ich immer die Angst, nicht bestehen zu können. Dann schwirren diese grundsätzlichen Fragen im Kopf rum: Ist man gut? Wird man dieser Rolle gerecht? Mögen die Leute einen? Am allerschlimmsten ist aber immer der erste Drehtag. Der Horror, und meistens ist er auch wirklich keine Glanzleistung. Nur weil der im Film irgendwo mitten reingeschnitten wird, fällt es hinterher nicht so auf.

Können Sie am Abend vor dem ersten Drehtag schon nicht mehr schlafen?

Schlafen ist kein Problem, ich schlafe sehr gern und sehr lange – und verpenne auch meist am ersten Arbeitstag. Es fängt an, sobald die Proben vorbei sind, und die Klappe geschlagen wird. Dieses Geräusch von zwei Holzstücken, die aufeinanderklacken. Da denkt man: Okay, jetzt geht’s halt los. Ich stehe mittendrin, und alle beobachten mich. Das Team, das ich noch nicht kenne, steht um mich rum, vor allem der Kameramann. Ich weiß, da ist eine Kamera auf mich gerichtet, und dahinter ist ein Mensch, ein Auge, das mich beobachtet. Und der Regisseur, die Schauspieler-Kollegen. Ich habe dann immer die Befürchtung, dass die anderen mich irgendwie ganz doof finden.

Doof finden – ist das die Angst, nicht symphatisch rüberzukommen oder ein schlechter Schauspieler zu sein?

Um meine Leistung mache ich mir nicht wirklich Sorgen. Aber vielleicht, dieser Rolle nicht gerecht zu werden, oder dass die anderen denken „ach so, der spielt jetzt diese Rolle, okay, aber irgendwie passt das nicht“. Bei „Good Bye, Lenin!“ war das ganz extrem am ersten Drehtag. Ich war ja so ziemlich der einzige Wessi unter lauter Ossis. Allein mein Akzent! Wenn ich jetzt versuche zu berlinern, was werden die denken? Finden die das nicht komplett albern?

Geben Sie dann zu, dass Sie gerade nervös sind?

Nee, ich tu immer so, als wäre ich total cool, als würde ich das gar nicht kennen. Nervosität, was ist das? Das ist aber auch ein ganz tolles Gefühl, manchmal habe ich da so eine komische Sehnsucht nach, besonders auf ‚danach’. Wenn es dann geglückt ist, nicht so schlimm war, wie man sich das vorgestellt hat, berauschend ist das. So als ob man vom Zehner springt. Man ist total stolz und glücklich, wenn man dann eingetaucht ist. Und fand auch den Flug irgendwie ganz gut.

Was machen Sie davor?

Ich habe ’ne Zeit lang Baldrian genommen, und dachte, das bringt was. Das habe ich auch immer während des Fahrunterrichts in mich reingehauen. In der Prüfung selbst hab’ ich gemerkt: Bringt nichts. Hab’s dann immer höher dosiert, irgendwann macht es dich müde. Also habe ich es gelassen. Jetzt rauche ich zu viel und kau auch gern mal Fingernägel. Kaffee funktioniert gar nicht, habe ich auch mal ausprobiert, das Koffein macht mich aber nur noch nervöser, da kriege ich Herzflattern. Und ich muss alleine sein. Freunde, die dann genau wissen, wie es mir gerade geht, machen mich nur noch nervöser.

Haben Sie auch Lampenfieber, wenn Sie keine Rolle spielen?

Gerade in der Liebe, wenn man sich kennen lernt und so, sofort, klar. Die Symptome sind wie beim Bühnen-Lampenfieber, aber es bedeutet einem ja noch mehr. Die Angst ist noch existenzieller, größer. Als ich meine Freundin Jessica Schwarz kennen gelernt habe, ist Bühnen- und Liebes-Lampenfieber zusammengefallen: Wir haben in „Nichts bereuen“ 2001 ja ein Liebespaar gespielt. Ich hatte so eine Angst in dieser Szene, wo wir am Wupperufer sind. Da küssen wir uns zum ersten Mal, das war nicht nur ein Filmkuss, sondern auch unser erster Kuss im echten Leben.

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