Zeitung Heute : Sinn und Sinnlichkeit

Saitensprünge: Gidon Kremer sucht und findet im Haus der Kulturen Astor Piazzollas Nuevo TangoAn diesem Abend wurde niemandem vorgeworfen, daß er immer nur zum Tangogeiger hingucke.Denn wegen dem war ja das Haus der Kulturen gut gefüllt.War er doch nicht irgendeiner, sondern hieß Gidon Kremer.
Damit war von Anfang an klar, daß es keine Schrummschrumm-Veranstaltung voll von südamerikanischen Klischees und sentimentaler Glut werden würde.Sondern Kunstmusik, als verfremdete, weitgedachte Volksmusik präsentiert.So hat schon Béla Bartók komponiert.Das Quasi-Authentische höchstens als Zitat, lieber aber noch authentisch erfunden.Ähnlich sind auch die Tangos des Astor Piazzolla (1921-92) beschaffen, der Hefe des Volkes abgehört und dann daraus aufgegangen in einem kreativen Akt der Nachempfindung.Wie aus dem Volks- ein Kunstmärchen wurde, so verwandelte sich hier Stimmung unreflektiert widerspiegelnde Musik aus argentinischen Bordellen in hochartifizielle Gebilde, die Emotionen steuern und evozieren.Eben Nuevo Tango. Gidon Kremer, integrer und ernsthafter Künstler, immer neugierig auf alles was klingt, von Schubert bis Philip Glass, von Arvo Pärt bis Fritz Kreisler, und gewiß kein eilfertiger Crossover-Trittbrettfahrer, dreht die Spirale des V-Effekts noch eine Windung weiter.Statt einem verstimmten Barpiano und einer Zigarettenkistenvioline, die ihren Tönen zwischen schwerem Zigarettenrauch und schwülstigem Parfüm Bahn suchen, erklingt sein Tango klar, kristallin und durchstrukturiert auf einem Steinway und einer Stradivari, gespielt von einem Letten und einem Russen.Später kommen am Baß ein Mitglied der Wiener Philharmoniker und ein norwegischer Bandoneon-Spieler dazu.Keiner dieser ausgezeichneten Musiker versucht, angeblich melancholiesatte Buenos-Aires-Atmosphäre nachzuahmen.Das einzige Zugeständnis an ein Milieu ist Gidon Kremers schwarz-gelbe Fliege. So beginnt der Abend klassisch und klingt auch so.Eine elegische Geigenmelodie, dazu das unaufällig repetitiv begleitende Klavier, es könnte auch eine französische Violinsonate von Frank oder Fauré sein.Erst als der Rhythmus klarer wird, als der kluge Pianist Vadim Sakharov die Führung übernimmt, wird auch akustisch klar, daß Kremer hier abseits vom sonst bei ihm Üblichen wandelt.Ganz unauffällig tastet sich der weltberühmte Vituose in diese Klangwelt hinein, fast demütig folgt er Piazzollas harmonischen Rückungen, reagiert nur sprasam mit Verzierungen, zarten Vibrati, Flageoletts, leise sirrenden Glissandi.
Schnell wird es weniger streng, freier, entspannter.Die Atmosphäre zwischen den vier stimmt, um Kremer schart sich alles, doch er steht eher unspektakulär im Mittelpunkt.Wo bei Piazzolla oft auch Elektronik dominiert, manchmal ein harscher, forscher, mitunter kalter Tonfall herrscht und der Komponist selbst als Bandoneonspieler den Ton und die Führung vorgab, da regieren jetzt die ohne Verstärkung auskommenden weichen Linien und warmen Klänge.Die melodische Balance hat sich oftmals zugunsten der Geige verschoben, doch gerade der Bandoneonspieler Per Arne Glorvigen und Kremer harmonieren wunderbar.Elegant, schnell, konzilliant gleiten da Finger über Tasten, werden vom Partner auf den Saiten ebenso aufgegriffen und schön in gemeinsamen Durchgängen von ausgesuchtem Synchronismus weitergeführt.Alois Posch legt einen metrisch bißfesten Baß darunter. Niemals wird Gefühligkeit schwermütig, bei aller spontanen Spielfreunde herrscht kontrollierte Eleganz vor.Die Phrasen kommen schlank, agil; doch nehmen sich die Musiker auch Zeit dafür.Stimmungen wechseln so geschickt wie die Besetzungen.Man spielt Piazzolla-Ehrungen von Sofia Gubadulina und Giya Kancheli, gibt als Rausschmeißer eine Art Abschiedstango in Haydn-Manier - bis nur noch der Baß auf dunkler Bühne brummelt und von hinten die Geige eine letzten Schlußpunkt setzt. Piazzollas Musik duftete weder nach Lilien, noch roch sie nach Urin (so charakterisiert sie der Komponist John Adams), sie verströmte distinguierte Sinnlichkeit und genau ausgehorchte Delikatesse.Man glaubte Gidon Kremer und seinen Musikern die amour fou zu dieser Klangwelt.So war es doch ein authentischer Abend.

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