Zeitung Heute : Sinnsuche zwischen Wahrem und Waren Über die Rolle von Stiftungen in der Kulturpolitik

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Die Agora war im antiken Griechenland der Marktplatz und politische Versammlungsstätte. In Berlin gibt es sie nun wieder, auf dem Zwischendeck des „Radialsystems“, der Produktionsstätte und künstlerischen Heimat mehrerer freier Ensembles. Vor der Abgeordnetenwahl im September sollen sich hier Initiativen, Vereine und auch einzelne Bürger darüber austauschen, was für eine Stadt sie sich eigentlich wünschen. Wie man Verantwortung übernehmen kann, ohne immer nur auf den Bürgermeister zu schimpfen. Ein offener Ort soll es sein, ein Angebot an alle „Meisterbürger“, so nennen die Veranstalter jene Berliner, die sich engagieren wollen. Die Einladung kommt von der Radial Stiftung, die sich der Kulturförderung verschrieben hat. Gegründet zur Eröffnung des Radialsystems unterstützt es vor allem Projekte der eigenen Hausensembles von zeitgenössischem Tanz mit der international renommierten Compagnie von Sasha Waltz bis zur alten Musik. An der Spree ist ein lebendiges, vielfältiges Kulturzentrum entstanden.

In Berlin sind Beteiligungen privater Stiftungen oder von Sponsoren keine Seltenheit mehr. Anfang Mai eröffnete die auf drei Jahre angelegte Ausstellungsreihe „Secret Universe“ im Hamburger Bahnhof, der zu den Staatlichen Museen Berlins gehört. Finanziell ermöglicht wurde sie von About Change Stiftung. Hinter der steckt die Medienunternehmerin und Kunstsammlerin Christiane zu Salm. Gezeigt werden Künstler, die es bisher nie geschafft hatten, in den Kreis der Kunstwelt aufgenommen zu werden. Die aber, geht es nach den Kuratoren, dennoch ausstellungswürdig sind. Auch hier: Ein Sahnehäubchen zum klassischen Museumsbetrieb. Gefördert von einer Stiftung.

In Berlin hat sich jüngst auch die Camaro-Stiftung gegründet. Sie verwaltet den Nachlass des Westberliner Nachkriegsmalers Alexander Camaro. Er ist heute nahezu in Vergessenheit geraten, Zu Unrecht, denn viele Berliner kennen mindestens ein Werk von ihm: Die bunte Glaswand mit den runden leuchtenden Kreisen im Foyer der Philharmonie. Die meisten nehmen immer an, der Architekt Hans Scharoun habe sie gestaltet. Das Werk des Fotografen Alfred Ehrhardt, einer der Vertreter der Neuen Sachlichkeit, ist ebenfalls kaum der Öffentlichkeit bekannt. Deshalb zog die Stiftung, die sich seit 2002 in Köln um die wissenschaftliche Aufarbeitung seines Werkes kümmerte, im vergangenen Jahr nach Berlin um, in repräsentative Räume in der Auguststraße in Mitte.

Auch wenn laut Bundesverband Deutscher Stiftungen immer noch 90 Prozent der Kulturförderung in Deutschland aus öffentlicher Hand finanziert werden und etwa 10 Prozent von privater Seite kommen: Das bürgerliche Engagement in diesem Bereich nimmt zu. So verfolgen etwa 15 Prozent der Stiftungen laut Bundesverband der Deutschen Stiftungen kulturelle Zwecke. Zum Vergleich: 30 Prozent der Stiftungen setzen sich für Soziales ein.

„Kulturstiftungen wachsen überproportional“, sagt Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat. „Ich finde das ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die Bürger wissen, dass die öffentliche Hand nicht mehr alles allein richten kann.“ Erst Anfang des Jahres hatte Zimmermann davor gewarnt, dass der aktuelle Wirtschaftsaufschwung nicht in der öffentlich geförderten Kultur ankomme. Karin Heyl, seit 2008 Beiratsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und Leiterin des Arbeitskreises Kunst und Kultur, macht klar: „Stiftungen wollen und sollten keine Lücken füllen, die die öffentliche Hand hinterlässt.“ Trotzdem beobachte sie: „Wo Kassen knapp sind, wird angenommen, dass Stiftungen einspringen.“ Museumsdirektoren würden heute auch deshalb gerne in Stiftungen berufen, weil sie sich als geschickte Drittmitteleintreiber einen Ruf erworben haben.

Die Notwendigkeit, private Mittel einzuwerben, habe jedoch auch positive Effekte, findet die Arbeitskreisvorsitzende. Wer Gelder beschaffen möchte, muss Menschen überzeugen, Vermittlungsarbeit leisten. So komme eine Diskussion darüber in Gang, welche Kultur und welche Förderungsmöglichkeiten wir uns für unsere Gesellschaft wünschen, welche wir für sinnvoll und notwendig halten. „Stiftungen können in kulturpolitischen Entscheidungsprozessen auch moderierend auftreten“, sagt Karin Heyl.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, wird noch deutlicher: „Ich glaube, dass sich Stiftungen noch mehr als politische Akteure verstehen müssen.“ Sie müssten dauerhaft verlässliche Strukturen schaffen. „Ich selbst habe mich sehr dafür eingesetzt, dass Stiftungen steuerlich besser gestellt werden – damit es einfacher ist, ein Vermögen in eine Stiftung zu überführen und es damit letztlich der Allgemeinheit zu schenken. Aber daraus ergibt sich für mich auch mehr Verantwortung für die Gesellschaft.“ Zimmermann gibt ein Beispiel: „Eine Stiftung könnte etwa an die Stadt herantreten und verhandeln: Wenn die öffentliche Hand einen bestimmten Betrag für eine Institution sicherstelle, dann würde man selbst ebenfalls so und so viel Geld zur Verfügung stellen. Das wäre dann mal echtes Public-Private-Partnership.“

Zimmermann sieht dringenden Debattenbedarf. Kulturverbände, Stiftungen und Politiker sollten sich verständigen, welche Entwicklung die Kulturlandschaft in Deutschland nehmen sollte. „Es kann doch nicht sein, dass Stiftungen immer nur die Sahnehäubchen finanzieren, die Sonderausstellungen oder die zusätzliche Operninszenierung“, sagt Zimmermann. „Ich weiß gar nicht, was so hip daran sein soll, immer nur einzelne Projekte zu fördern. Ich halte das für einen Fehler.“ Stiftungen sollten sich der freien Szene annehmen und sie institutionell fördern, findet der Geschäftsführer des Kulturrats, Dachverband der Kulturverbände in Deutschland. Stiftungszwecke können so vielseitig sein, wie ihre Gründer und deren Anliegen. Im Trend liegen jedoch Gründungen im Bereich kultureller Bildung. Karin Heyl beobachtet, dass Stiftungszwecke wie der zum Erhalt kulturellen Erbes derzeit eher vernachlässigt wird. Also beispielsweise die Restaurierung von Handschriften und die Aufarbeitung von Archiven. „Das ist halt nicht so sexy, wenn ich das so formulieren darf.“Anna Pataczek

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