Zeitung Heute : Skulptur im Fluß

Neues Bauen in Berlin: ein Bürohaus am Halensee Welcher Nutzen kann aus einer schmalen, zumal stark abfallenden Restfläche an der meistbefahrenen Straße Deutschlands gezogen werden? "Unbebaubar" war die Antwort, bevor die beiden Berliner Architekten Hilde Léon und Konrad Wohlhage ein Bürohaus bauten, das neuerdings dem Eintritt in die westliche Berliner City überraschend Fokus und Orientierung bietet. Sein Ort, unweit von Kurfürstendamm und Messe, ist dabei so typisch wie einmalig für Berlins Gegenwart der Schauplatz unterschiedlicher Stadtleitbilder eines Jahrhunderts, eingespannt zwischen alten Mietshäusern einer abgebrochenen Blockrandbebauung, Wohnsolitären der sechziger Jahre und hypertrophen Knotenpunkten der Stadtautobahn, die einmal den Weg zur autogerechten Stadt ebnen sollte. Doch der lebensfeindlichen Umgebung, kontaminiert vom Lärm und den Abgasen des heutigen Individualverkehrs, stellt sich das Haus am Halensee mit viel Eigensinn entgegen.Beispielhaft zeigt es auf, wie sinnvoll die innere Verdichtung Berlins sein könnte, wenn sie den Ausgleich öffentlicher und privater Interessen über das allzu enge ästhetische Diktat der kritischen Rekonstruktion stellen würde.Denn dem Grundstücksbesitzer wurden hier attraktive verwertbare Flächen und den angrenzenden Bewohnern eine Verbesserung ihres Wohnumfeldes geschaffen.Ein kleiner öffentlicher Park, Stellplätze für die Anwohner in den Sockelgeschossen wie auch die Wand selbst waren die intelligenten und beispielhaften Kompensationen für eine rein private Investition, die mit ihrer Traufe und Bauflucht weit über das gewöhnlich Zulässige hinausgehen durfte. Was Aufmerksamkeit erregt, ist denn nun mehr eine Raumskulptur denn ein Bürohaus, das sich faszinierend über den Verkehr erhaebt.Der endlos erscheinende Fluß der Verkehrsbänder und die topographischen Bewegungen des Geländes, das sich hier sehr zum Halenseegraben neigt, fanden sich in einen kristallinen, fast schwebenden Körper und eine monolithisch wirkende Wand transformiert.Diese 150 Meter lange Wand steigt mit dynamischem Schwung und ganz entgegen dem starken Gefälle vom nahen Rathenauplatz zum dreigeschossigen Soêkelgeschoß des Gebäudes auf.Sie setzt dem Verkehr eine Grenze, beschirmt als Lärmschutz die nahen Wohnhäuser und gewährt zahlreichen Nutzungen neuen Raum.Hoch über ihrem schweren Kleid aus rotem Sandstein spannt sich aber noch überraschender ein gläserner Korpus mit zwei unterschiedlich gekrümmten Seiten, den die Architekten "Zitrone" tauften. Über einem Luftgeschoß sowie mächtigen Stützen, die ihre ungewöhnliche Form wiederaufzunehmen scheinen, schreibt sie sich mit sieben Geschossen als markante Skulptur in den zerfasernden Stadtraum ein - eine Skulptur, die zu Recht starke Beachtung verlangt.Die Achse seines Sockels verlassend, um geradewegs dem Verkehr entgegenzustreben, kragt ein gewaltiges gläsernes Volumen mit seiner Spitze mehr als sechs Meter in den Raum der Autobahn aus.Ihre ungewöhnliche Form bewahrte dabei den Nachbarhäusern ihren angestammten Ausblick auf den nahen Halensee.Eine kristalline "Zitrone" mit zwei Gesichtern, einem doppelschaligen Vorhangkörper entlang der Autobahn, und einer einschaligen, doch teilweise bedruckten Glasfassade auf seiner Rückseite.Zwei Situationen, zwei Gesichter, hier in die Stadt eingebunden, dort frei dem Verkehrsfluß ausgesetzt, beides jedoch integrale Teile einer Architektur, die sich der Energien des Ortes kreativ annahm. Von den extremen Lärm- und Abgasbelastungen der nahen Autobahn ist im Inneren kaum mehr etwas zu spüren.Die doppelschalige Glasfassade hält erfolgreich Lärm und Dreck der Straße ab, wirkt bei Kälte als passiver Wärmeschutz und dient dem Haus im Sommer als Sonnenfalle.Auf eine künstliche Klimatisierung konnte deshalb getrost verzichtet werden, wie nun auch die innere Schale aus nahezu geschoßhohen Schiebefenstern den Büros ein Maximum an frei zu disponierendem Raum verschaffte.Doch über die Funktionalität dieser Büroflächen, über ihren ästhetischen Reiz und die atemberaubenden Ausblicke auf die bewegte Stadtlandschaft des westlichen Berlin hinaus sind es die Räume des Sockels, die faszinieren. Hinter der mächtigen Lärmschutzwand verbirgt sich ein Entrée, das Repräsentation explizit als Aufgabe künstlerischer wie klimatischer Gestaltung betrachtete.Viel Grün und ein zehn Meter hoher Wasserfall binden im versenkten Vorhof Lärm und Staub und erlauben schon auf dem Wege zu den Garagenplätzen des Sockels einen Einblick in die großzügig verglaste Eingangshalle.Drei Etagen und zwei verschiedene Eingangsebenen miteinander verbindend, eröffnet sich ein fließender Raum, dessen Treppen, Stege und Aufzugsschächte teils mit opakem, teils mit transparentem Glas verkleidet wurden.Aus ihrem Wechselspiel mit dem weiten Rund des Treppenhauses, wie zufällig anmutenden Treppenläufen und den mächtigen, das Bürohaus tragenden Ship shape-Stützen gewinnt die Halle eine selten erfahrene Dynamik, die geradezu zur Entdeckung der dritten Dimension einlädt. Einem Wettbewerb, der 1990 ausdrücklich innovative Lösungen wünschte, verdankt Berlin das außergewöhnliche Bürohaus am Halensee.Bedauerlicherweise steht es so am Ende einer ganzen Reihe Berliner Bauwettbewerbe, die mit erfrischender Unvoreingenommenheit noch nach Neuem verlangte, doch unter der Ägide der späteren Senatsbaudirektoren keine Fortsetzung mehr fand.Dabei sollte das Haus am Halensee der Stadt eine neuerliche Herausforderung sein, jenseits abstrakter Regularien stets das Vorhandene auf räumliche Intervention und technologische Inventionen hin zu befragen.Denn es ist der sei es kollektive, sei es individuelle Gebrauch der Räume, der allein über die Zweckmäßigkeit der Mittel entscheidet.

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