Zeitung Heute : Slalom und Gomorrha

Friedemann Diederichs

Stephen Pace, Gesundheitsberater aus Salt Lake City und aktives Mitglied der Mormonen-Kirche "Jesus Christ of Latterday Saints", hat es kommen sehen. Da ist nicht nur die Sache mit dem Alkohol, der während der Olympischen Winterspiele ausgeschenkt werden darf und von dem Pace glaubt, dass er die Menschen verdirbt. Die Spiele, findet er, seien auch eine gewaltige Geldverschwendung und ein erhebliches Sicherheitsrisiko für eine Stadt, deren geistiges wie architektonisches Zentrum der schneeweiße Mormonentempel bildet. Auch davor werden derzeit Metalldetektoren zum Aufspüren von Bomben und Schusswaffen installiert.

Pace ist 55 und auch Mitglied der "Bürgerbewegung für die verantwortliche Ausgabe öffentlicher Gelder". In seiner Wut hat er Tausende von T-Shirts mit dem Aufdruck "Slalom & Gomorrha" drucken lassen, die Protestaktion hat er aus eigener Tasche bezahlt.

Die Austragung der Wettbewerbe hat die Stadt bisher nicht nur ein Vermögen, sondern auch Reputation gekostet. Mit mehr als 1,3 Milliarden Dollar wird die Show insgesamt zu Buche schlagen, und mehr als eine Million Dollar davon sind bereits in den Taschen jener 13 Mitglieder des Internationalen Olympischen Komittees versickert, die man nach einer Detailstudie als besonders aufgeschlossen für Zuwendungen betrachtet hatte, als es um die Entscheidung des Austragungsortes ging.

Mehrere afrikanische IOC-Delegierte und die beiden Top-Manager von Salt Lake City haben bei der Aufarbeitung des Skandals ihre Ämter verloren. Doch kaum glaubte man, die Dämonen der Vergangenheit besiegt zu haben, kam der 11.September 2001. Nun stehen die Wettbewerbe unter der von örtlichen Organisatoren ausgegebenen Devise, es müssten "heilende Spiele" werden. Die Stadt muss, was den Aktivisten Pace besonders wurmt, insgesamt 270 Millionen Dollar für den Schutz der Athleten, Ehrengäste und Touristen ausgeben.

Don Johnson, Leiter des örtlichen FBI-Büros und oberster Sicherheits-Chef der Winterspiele, erklärt diese Aufgabe schon für gelöst: "Der sicherste Platz auf dieser Erde wird zwischen dem 8. und 24.Februar dort sein, wo die Sportwettbewerbe stattfinden." Höher, schneller, weiter - sicherer? Nicht jeder ist in dieser Frage so optimistisch wie Johnson - obwohl man selbst geringste Wahrscheinlichkeiten ins Kalkül zieht und an den Eingängen zum Eishockey-Stadion die Gesichter der Besucher per Computer mit einem Porträtfoto von Osama bin Laden abgleicht. Diesem neuartigen Verfahren, das "Face Track" heißt, müssen sich alle Besucher stellen: Kameras tasten die Gesichter ab, erfassen 128 verschiedene Eigenschaften und gleichen diese mit einer Datei von Kriminellen ab.

Dass nach den Terroranschlägen des 11. September nun die Aussicht, die angeblich sichersten Winterspiele aller Zeiten zu besuchen, nicht gerade einen Verkaufsmagneten darstellt, spüren die Veranstalter knapp drei Wochen vor der Eröffnungsfeier deutlich. Für fast alle Einzelwettbewerbe gibt es noch viele Karten. Sündhaft teure "Olympia-Pakete", die Hotelbetten mit Veranstaltungen kombinierten, wurden zum Flop. Der Spekulant Yas Tokita, dessen kleines Reisebüro kistenweise Eintrittskarten erworben hat und zu Wucherpreisen losschlagen möchte, fürchtet nun: "Es werden die vielleicht sichersten, aber auch einsamsten Spiele der olympischen Geschichte werden." Selbst angesichts ausbleibender Touristen dürfte Schlangestehen in Salt Lake City zur neuen olympischen Sportart werden - für Athleten und Fans. Das Olympische Dorf auf dem Universitätsgelände, Herberge für rund 3500 Athleten und Offizielle, ist durch einen zweieinhalb Meter hohen Zaun geschützt, bestückt mit Bewegungsmeldern und Kameras. Mitglieder der Nationalgarde werden rund um die Uhr, die automatischen Waffen feuerbereit, auf Streife gehen und die Eingänge kontrollieren. Statistisch gesehen kommt auf jeden Sportler ein Wächter - und selbst die 200 Jungen der Pfadfindergruppe von Salt Lake City sind für Hilfsarbeiten in Sachen Sicherheit rekrutiert worden. Mindestens eine Stunde vor Wettkampfbeginn möge man sich an den Arenen einfinden, lautet der Ratschlag an die Besucher. Die Zahl der Reservierungen für die Spiele sind nach dem 11.September dahingeschmolzen wie der Schnee in der Januarsonne. Doch zumindest den Schnee kann man im Notfall durch Tonnen von Kunstschnee ersetzen, der auf Vorrat gelagert ist. Der Anblick tief fliegender Kampfjets dürfte in diesem Jahr ebenso zur olympischen Normalität gehören wie der zur Eröffnungs- und Schlussfeier gesperrte internationale Flughafen der Stadt.

Was die Aufwendungen für die Sicherheit angeht, wird Salt Lake City einen neuen Olympiarekord aufstellen. Doch der droht - zu allem Übel - auch noch in einer weiteren Kategorie. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte der Wettbewerbe haben die Organisatoren offizielle Protest-Zonen im Stadtzentrum eingerichtet, weil mehr als 30 verschiedene Gruppen - von Tierschützern bis hin zu Globalisierungsgegnern - ihrer Meinung vor der zugeschalteten Weltöffentlichkeit Ausdruck verleihen wollen. Ein "Bürger-Aktionsnetzwerk" plant beispielsweise einen konkurrierenden Staffellauf mit einer Fackel, bei dem sich Mitglieder der Gruppe mit Produkten jener Sponsoren behängen wollen, die - wie die Konzerne Coca-Cola und McDonald - als offizielle Förderer der Spiele firmieren. Die massiven Ausschreitungen bei den Wirtschaftsgipfeln in Genua und Seattle noch vor Augen, fürchtet man nun den illegalen Auftritt jener Demonstranten, denen aufgrund der großen Nachfrage eine Genehmigung für einen Protestzug versagt werden musste.

Nur einer bereitet den Organisatoren wenig Kopfzerbrechen: Olympia-Gegner Stephen Pace. Er will zwar unverdrossen sein "Slalom&Gomorrah"-Leibchen tragen, lehnt jedoch, der Mormonen-Kirche sei Dank, Gewalt als Protestform ab.

Auch die strenggläubigen Mormonen im rund 45 Fahrminuten von Salt Lake City entfernten Park City sind nicht begeistert von der Austragung der Olympischen Spiele in ihrem Ort. Deer Valley, wo Wettbewerbe wie Skispringen und Riesenslalom stattfinden, gehört zu Park City, das noch vor 40 Jahren auf dem nationalen Register amerikanischer Geisterstädte stand.

Die Mormonen stellen hier gut 70 Prozent der Bürger. Sie können den Gedanken nur schwer ertragen, dass sich die "Main Street", Hauptader des ansonsten verschlafenen Ortes, für 17 Tage in eine einzige streng bewachte Bierschwemme verwandeln wird - und suchen deshalb das Weite. Obwohl sie jeglichen Alkoholgenuss ablehnen, müssen die Mormonen mit dem Heranrücken der Wettbewerbe nun auch erdulden, dass die Tageszeitungen der Region täglich neu mit Werbeanzeigen von Brauereien überschwemmt werden. Für sie wird hier ein olympischer Geist aus der Flasche gelassen, der auch die Kernfrage aufwirft: Lohnt es sich, für zweieinhalb Wochen weltweiter Bekanntheit die Traditionen des Ortes zu opfern? Schon einmal hatte Park City einen Ansturm erlebt, dem dann ein rapider Niedergang folgte. Das war, als 1884 durch die Kommerzialisierung des Silber- und Zink-Abbaus mehr als 10000 Bergleute in das von den Wasatch-Bergen umgebene Tal strömten, um am Wochenende das verdiente Geld gleich wieder in einem der damals 100 Saloons zu vertrinken. Später, als die Minen nichts mehr hergaben, verfiel die Stadt in den Dornröschenschlaf. Und auch die Barkeeper und käuflichen Damen aus den vielen Bordellen suchten schnell das Weite.

Heute erschließt man in Park City dank der Olympischen Winterspiele eine Goldmine der Neuzeit. Die Grundstückspreise sind explodiert, und wer 1970 für einige tausend Dollar Land erwarb, kann sich heute zu den Millionären der Stadt rechnen. Am Stadtrand liegt der Tennisclub von Park City, dessen Betreiber auch vom Geschäft mit den Medaillen profitieren werden: Sie haben das Restaurant des weitläufigen Sportgebäudes an die deutsche Olympia-Delegation verpachtet, die dort mit einem "Deutschen Haus" während der Wettbewerbe Ehrengäste, Sportler und Medienvertreter bewirten will. Dazu lässt man, wie Verwalter Ken Fisher sagt, aus Deutschland auch fässerweise Pils und Kölsch einfliegen. Um Ausschank-Verbot und Sperrzeiten zu umgehen, wird sich das "Deutsche Haus" wie die anderen Kneipen am Ort gegen minimale Gebühr zum Privatclub erklären. Von der Dachterrasse des "Deutschen Hauses" wird man auch einen guten Blick auf die Ski-Hänge haben. Park City hat den Übergang zur Olympiastadt ohne große Einschnitte in die Natur bewältigt. Während bei früheren Winterspielen gewaltige Schneisen in die Bergwelt geschlagen wurden, nutzt die Stadt die vorhandene Infrastruktur. All das wurde erst möglich, weil Mitglieder des zentralen Bewerbungskomitees von Salt Lake City nach 40 Jahren vergeblicher Kandidatur mit Bargeld, Antiquitäten, Stipendien für Angehörige und kostenlosen Schönheitsoperationen für vorwiegend afrikanische IOC-Mitglieder dem Ansinnen Nachdruck verliehen. Aber das ist in Park City kein Thema mehr. Zum olympischen Geist gehört es, über etwas zu schweigen, das die meisten Bürger ohnehin als fest etablierte Tradition in der Geschichte der Olympischen Spiele abtun.

Vor einem Andenkengeschäft patrouillieren zwei Soldaten der amerikanischen Nationalgarde in Kampfanzügen. Zum Sortiment des Souvenirladens zählen auch Memorabilia, die an den 11.September 2001 erinnern: Anstecknadeln mit dem Schriftzug "We stand united" ("Wir stehen vereint"), dazu Schirmmützen oder Skipullover mit dem Aufdruck "God bless America". Auf einem blauen Transparent, das der Souvenirverkäufer über die gesamte Breite seines Ladens gespannt hat, steht "US Olympic Spirit Store" - olympischer Geist, als würde ausgerechnet hier jener olympische Geist feilgeboten, den man bei vergangenen Spielen mehr und mehr vermisst hat.

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