Zeitung Heute : Slapstick in den Feuertod

CHRISTOPH FUNKE

Erstaufführung in Potsdam: "Baddis Garage" von Simonarson CHRISTOPH FUNKE Das Leben steht still.In der Garage, die eine Autowerkstatt ist, gibt es nichts zu tun.Schon lange liegt der verlorene Ort irgendwo an Islands Küste wie ausgestorben da.Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr, die Höfe stehen leer, die Schule wird geschlossen.Nur die Handvoll Leute von "Baddis Garage" sind noch da.Olafur Haukur Simonarson spürt dem Leben dieser Übriggebliebenen in knapp gehaltenen, sparsamen dramatischen Szenen nach, mit behendem Humor und trotzigem Spaß.Am Ende liegt ein Toter in der Garage.Ein Mord oder bloß ein Unfall sprengt die Notgemeinschaft der Schlosser-Familie auseinander.Ob die Jungen den Weg nach draußen finden, bleibt offen.Der Alte, Baddi, macht Schluß, schüttet das Benzin aus, zündet die Zigarette an ... Was sich mit so effektsicherem wie bieder hausgemachtem Naturalismus verabschiedet, hält vorher eine geschickte Balance zwischen Slapstick und Seelenerkundung.Simonarson, 1947 in Reykjavik geboren, erfolgreicher Dramatiker, Erzähler, Komponist, baut zunächst eine clowneske Beziehung zwischen dem jungen Sohn des Werkstattbesitzers und dem Schlossergesellen auf, ein flottes Gegeneinander von Lebensentwürfen, das immer wieder in Handgreiflichkeiten endet.In den schnellen Rhythmus dieses Kleinkriegs kommt dann allmählich Schwere hinein. Ein Fremder taucht auf, der kein Fremder ist.Mit diesem "steinernen Gast" wirft der Autor das Ruder herum, begibt sich nun auf Pfade von Hauptmann und Ibsen.Peter, früherer Geselle in der Werkstatt, hat für den Mord an Baddis Frau im Gefängnis gesessen, aber er ist unschuldig, fordert seine Rechte ein, will Baddis Tochter Sissa aus der Verstörung, der psychischen Dunkelheit holen.Der Versuch endet in der Katastrophe. Wie sich Leute verhalten, die miteinander auskommen müssen, weil sie keine Alternative haben und ihren Ort, die Werkstatt, zugleich als einzig mögliche Heimat und lebenslanges Gefängnis anzunehmen haben, wird durch einen übermächtigen Schuld-und-Sühne-Komplex aus dem Alltäglichen ins effektvoll Theatralische getrieben.Immerhin gibt es griffige Rollen für Schauspieler, und Regisseur Ralf-Günter Krolkiewicz hat das bei der deutschen Erstaufführung des Stücks am Hans-Otto-Theater Potsdam (Bühne Zimmerstraße) geschickt genutzt.Auch den Schauspielern gelingen die behenden Szenen des Beginns am besten.Wie in Momentaufnahmen werden Freundschaftsversuche und hochschießende Reibereien erfaßt, mit ungestümem körperlichen Einsatz.Christian Kuchenbuch (Sohn Haffi) und Jörg Seyer (Geselle Raggi) zeigen die ständige Hochspannung, in der die Streithähne leben, und beweisen dabei Phantasie und artistisches Geschick in den gestischen Vorgängen.Roland Kuchenbuch als Werkstatt-Chef und Vater Baddi bringt eine köstlich mürrische Melancholie ins Spiel, grämliche Verschlossenheit und ängstliches Harmoniebedürfnis.Claudia Meyer, Tochter Sissa, gibt sich an das Somnambule der Figur hin, an eine verstörende Unerreichbarkeit, die nur für Momente aufbricht.Das alles ist exakt gearbeitet, folgerichtig und mit schöner Ironie.Bis Torsten Bauer (Peter) im Garagentor seinen nebelumwallten Western-Auftritt hat und das Schicksal hereinbringt.Noch gibt es ein paar muntere Plänkeleien, auch mit dem ewigen Kunden und Lehrer Magnus (Joachim Schönitz), dann aber senkt sich Schwere, lastende Bedeutsamkeit über das Spiel in der von Marion Hauer sparsam und milieusicher auf die Bühne gebauten rostigen Werkstatt.Mit Spinden, Kühlschrank und einem wunderbar zerbeulten uralten Fiat ausgestattet, wird dieser karge Wellblech-Ort zum viel erzählenden Lebensraum für die Figuren. Der Beifall, auch für den anwesenden Autor, war herzlich.Von der alten Bühne Zimmerstraße, die als einzige Potsdamer Spielstätte noch so etwas wie Theateratmosphäre hat, gilt es allerdings bald Abschied zu nehmen.Wenn das schon oft gemachte Versprechen eingehalten wird, aus der außer dem Bühnenbereich aufgegebenen, halb verfallenen Anlage nun doch ein neues Theater zu machen. 

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