SMARTIES : 22 Jahre Gefängnis

23.05.2010 02:00 Uhr

Denis Goldberg war der Ingenieur des ANC und baute Bomben, er wurde 1964 mit Nelson Mandela zusammen verurteilt. Die Überlebenstechniken eines Freiheitskämpfers

Hout Bay, ein Fischerstädtchen südlich von Kapstadt. Hier lebt Denis Goldberg: Widerstandskämpfer, Bombenbauer, Vortragsreisender – und wenn es sein muss, Parkeinweiser. Er steht in der schmalen, von Lavendelbüschen gesäumten Einfahrt zu seinem Haus am Hang, schüttelt entgeistert den Kopf und rührt mit seiner Hand durch die warme Luft. Die Besucher sollen wenden, wenn sie einen Parkplatz im Schatten wollen!

Die Sonne hat beinahe ihren höchsten Punkt erreicht. Goldberg, 77, schnauft ein bisschen. Er geht ins Wohnzimmer und setzt sich aufs Sofa, so dass er die Bucht mit ihren Fischfabriken durch die blitzblanke Panorama-Fensterscheibe sehen kann.

„Was wollen Sie denn wissen?“, fragt er und hakt beide Daumen hinter seine Hosenträger. „Doch nicht etwa, warum ich als Weißer gegen die Apartheid gekämpft habe?“

So klingt also die berühmte Goldberg’sche Erzählfreude. Goldberg, Sohn jüdischer Einwanderer, redet häufig vor Grundschülern, Jugendlichen, Erwachsenen, Greisen. Immer läuft es am Ende auf eine Mahnung raus: Passt auf die Freiheit auf! Hütet sie wie einen Schatz und vergesst nicht, dass sie erkämpft wurde. Denis Goldberg – er saß 22 Jahre lang im Gefängnis, weil er in einem freien Land leben wollte.

11. Juli 1963. Er liest in einem geheimen Quartier des ANC in Liliesleaf das Buch „Heller als 1000 Sonnen“ von Robert Jungk, als die Sicherheitspolizei ihn schnappt. Goldberg bemerkt den Mann mit dem automatischen Gewehr unter dem Regenmantel, springt auf und rennt auf die Toilette. Nicht, um zu fliehen: Er will sein Notizbuch mit den Konstruktionsplänen für Landminen loswerden. Es gelingt ihm nicht, er wird verhaftet.

Bei der kommunistischen Partei, der Goldberg angehört, und dem ANC heißt er nur „Mr. Technico“. Goldbergs Vater, ein Tankwart, hatte das Geld für das Bauingenieursstudium abgezweigt – nicht ahnend, dass der Sohn sein Wissen als Chefkonstrukteur der Umkhonto we Sizwe, des „Speers der Nation“ anwenden würde. Goldberg half bei über hundert Anschlägen mit, die neuralgische Punkte des Systems lahmlegten: Rundfunksender, Kraftwerke, Umspannstationen und Verwaltungsgebäude.

Ob Goldberg heute noch eine Bombe bauen könnte? Er weicht aus: „Es gibt Bedingungen, die den bewaffneten Kampf erlauben. Man muss sich aber vergewissern, dass es keinen anderen Weg gibt.“ Und dazu, sagt Goldberg mit leichter Ironie, habe er ausreichend Gelegenheit gehabt. Auch Nelson Mandela akzeptiert nach dem MASSAKER VON SHARPEVILLE Gewalt als Mittel zum Zweck.

Goldberg hilft dem militärischen Flügel des ANC zu einem Zeitpunkt, als die National Party der Buren in zwölf Regierungsjahren die Rassentrennung in Beton gegossen hat: Nachdem die National Party 1948 die Wahlen gewinnt, setzt Hendrik Verwoerd zunächst als „Minister für Eingeborenenfragen“, dann als Ministerpräsident ein APARTHEIDGESETZ nach dem anderen durch.

„Sie brachten mich vom ,Fort’ in Johannesburg in einen Knast nach Vereenigung, um mich von den Genossen zu trennen. Ich fand aber einen Weg, mit dem tagsüber offenen Vorhängeschloss des inneren Gitters das äußere Schloss aufzuhebeln. Drei Wochen dauerte das. Dann entkam ich über das Gefängnisdach – in Filmen sieht es immer einfach aus, aber hängen Sie sich mal an eine Regenrinne …“ – Denis Goldberg streckt die Arme senkrecht in die Luft – „und lassen sich fallen!“

In diesem Augenblick löst ein Häftling den Alarm aus. Goldberg rennt auf ein Wäldchen zu und weiß: Die Wärter können ihn jederzeit erschießen und seine Leiche verschwinden lassen. Man findet ihn schnell. Der ältere der beiden Wachmänner hält ihm sein Gewehr in den Nacken, der jüngere tritt seine Rippen zu Brei. Sie schleppen ihn zurück hinter Gitter und legten ihm Fußfesseln an.

„Am nächsten Tag kam die Sicherheitspolizei, um mich nach Pretoria ins Hochsicherheitsgefängnis zu fahren. Dann wurde es absurd: Die Sicherheitspolizei diskutierte mit den Gefängniswärtern darüber, wem wohl die Fußfesseln gehören: dem Provinzknast oder der Polizei? Beim ungeduldigen Versuch, die Fesseln zu lösen, schnitten mir die Wärter ins Bein. Das war wirklich lustig.“

Wenn Denis Goldberg lacht, ist das ein Naturereignis: mal leises Donnern in der Ferne, dann rumpelndes Poltern. Auch ein Meteoriteneinschlag gehört zu seinem Repertoire. Herr Goldberg … vielleicht ist das mit den Fußfesseln absurd, aber was ist daran so komisch?

„Alles! Alles! In einem Film hätten Sie auch gelacht! Mein Humor war doch die einzige Waffe, die mir blieb. Ich habe in all den Jahren im Gefängnis kein einziges Mal geweint. Ich wusste: Sobald ich Schwäche zeige, kriegen sie mich klein.“ Denis Goldberg nimmt weiter Fahrt auf. Seine Augenbrauen hüpfen, sein Ausdruck wechselt zwischen Betroffenheit und Übermut. Die Ausbruchsepisode ist nur eine von vielen Anekdoten, die er erzählt, aber sie ist wichtig, um zu begreifen, was Goldberg antreibt.

Vielleicht ist Goldberg vor allem deshalb heute kein gebrochener Mann, weil er später im Hochsicherheitsgefängnis, als an Ausbrechen nicht mehr zu denken war, mithilfe seiner Gedanken ausgebrochen ist. Er sagt, das Erinnern sei für ihn aber nicht nur Überlebenshilfe, sondern auch Qual gewesen.

Er senkt die Stimme: „Ich bin jetzt sehr offen. In so einer Zelle gibt es keinerlei Abwechslung. Du siehst jeden Tag das gleiche Bild; es gibt nicht die geringste Variation der Szenerie. Also erschien vor meinem inneren Auge jede Frau, mit der ich zusammengewesen war. Ich spürte ihre Blicke, eine Berührung, hörte den Klang ihrer Stimme. Ich dachte daran, wie ich meine Frau Esmé zum ersten Mal getroffen hatte. Ich erinnerte mich detailliert an vollständige Dialoge, die ich längst vergessen zu haben glaubte. Erotische Träume quälten mich Nacht für Nacht. Und natürlich dachte ich an die Hummerschwänze aus Doney’s Restaurant in Hillbrow.“

Als Denis Goldberg beim Rivonia-Prozess zu viermal lebenslänglich verurteilt wird und er als Einziger ins Gefängnis für Weiße kommt, während Mandela und die anderen nach ROBBEN ISLAND gebracht werden, ist er mit Esmé verheiratet, die er beim Trampen kennengelernt hatte, und Vater zweier Kinder, Hilly und David. Seiner Frau, die sich für die nichtrassistische Jugendorganisation Modern Youth Organisation engagiert, darf er alle sechs Monate 500 Worte übermitteln. In seinem ersten Brief an sie steht: „Ich werde für immer im Gefängnis sein. Versprich mir, Dein Leben zu leben. Als Frau.“ Esmé geht bald darauf nach London.

Goldberg sagt, der Brief sei eine reine Vernunftentscheidung gewesen. Erst nach 13 Gefängnisjahren sei er eines Morgens überraschend ohne Eifersucht aufgewacht: „Es hatte aufgehört, einfach so. Die Bitterkeit war verschwunden. Ich fühlte mich plötzlich ganz leicht, so, wie einem Mönch zumute sein muss, der über den Dingen steht. Trotzdem. Welch eine Verschwendung!“

1985, kurz vor seiner Entlassung – Goldberg war gerade dabei, sein drittes Fernstudium zu beenden –, bekam die Psychologin Hillary Hamburger die Erlaubnis, ihn zum Einkaufen in ein Bekleidungsgeschäft zu begleiten. Nach zwei Stunden wollte Goldberg zurück in seine Zelle. Das Stimmengwirr, Hillarys Parfum, am Himmel ein Jumbojet – das alles machte ihm furchtbare Kopfschmerzen. „Aber schlimmer war: Es herrschte immer noch diese verdammte Apartheid.“

Goldberg wird entlassen, weil der damalige Präsident Pieter Willem Botha den Rivonia-Häftlingen ein Angebot gemacht hatte: Wer sich bereit erkläre, auf Waffengewalt zu verzichten, könne gehen. Goldberg akzeptiert als Einziger. Er bekommt einen Pass und die 3000 Rand, die sein Vater für ihn gespart hatte, und geht nach London, zu Esmé, ins Exil.

Der Vater, der immer so stolz auf ihn gewesen war, ihn als „mein Sohn, der Ingenieur“ vorstellte und später im Gefängnis in seiner Überzeugung bestärkte, war schon 1975 gestorben. Endlich konnte Goldberg also den Nachruf lesen, der damals im „Sunday Express“ auf ihn erschienen war, und fand heraus: Der Vater, der nur sechs Jahre lang zur Schule gegangen war, trug die letzten Jahre eine kaputte Brille, aß nicht richtig und lebte ganz allein in einem lausigen Hotel – er sparte das Geld für seinen Sohn. „Ich wünsche mir so sehr, er hätte wenigstens ordentlich gelebt“, flüstert Denis Goldberg. Wenn er weint, hört man kaum einen Laut.

Seine Tochter war 30, als ihr Vater freikam – und voller Vorwürfe. Goldberg hatte ja nicht nur die Mondlandung verpasst, sondern auch 22 Geburtstage seiner Tochter. Und jetzt gab er lieber sieben Interviews am Tag, statt Zeit mit ihr zu verbringen. Zuerst das Gefängnis, dann die Medien – so muss es die Tochter gesehen haben. Und wofür?

„Das kann ich nicht sagen“, sagt Denis Goldberg und zitiert Brecht: „,Ihr aber, wenn es soweit sein wird / Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist / Gedenkt unsrer / Mit Nachsicht’.“

Binnen sechs Jahren starben Esmé, die Tochter Hilly und auch seine zweite Frau, Edelgard Nkobi-Goldberg.

Was sein glücklichster Moment war? Er winkt ab, wer könne das schon so genau von sich sagen? Goldberg überlegt. Ein Augenblick, meint er, käme durchaus in die engere Auswahl: als der Richter am 12. Juni 1964 das Urteil gesprochen hat – und es für ihn, Mandela und die 14 anderen Angeklagten doch nicht die Todesstrafe war. „Meine Mutter hatte das Urteil nicht mitbekommen, weil es in dem Tumult untergegangen war. Sie rief also von der Zuschauerbank: ,Was ist?’ Ich rief zurück: ,Leben! Leben ist wunderbar!’“

ELIAS SIBATA

war sechs Jahre alt, als er die Nähte seiner Jeans aufschnitt – und das Beinkleid an der

Maschine seiner Mutter neu zusammennähte. Heute ist er 23, Absolvent der Johannesburger Modeschule, Mitinhaber des Streetwear- Labels „Note Clothing“ und arbeitet für MTV Afrika. Er wohnt noch zusammen mit Mutter, Vater und kleiner Schwester (links im Bild) rund 40 Kilometer südlich vom Central Business District in dem pulsierenden,

indisch geprägten Vorort Lenasia North.

Elias Sibata gehört zu einer Generation, die sich selber als „Smarties“ bezeichnet: eine Anspielung auf die von innen braune und außen bunte Schokoladensüßigkeit.

Paul Smith ist Sibatas großes modisches Vorbild. Trotz europäischer Prägung setzt Sibata auch auf südafrikanische Elemente:

Seine Shorts zieren

zum Beispiel Aufnäher seiner früheren Schule, die T-Shirts erinnern an die riesigen Billboards, die entlang der Ausfallstraßen stehen.

Während der Africa

Fashion Week, die am 30. Juni in Johannesburg startet, wird er sein eigenes Geschäft eröffnen.

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