Zeitung Heute : "Snoopstar": Zurück ins Körbchen!

Burkhard Schröder

Setzt der Bertelsmann-Konzern auf den richtigen Hund - den mit dem Pferdegebiss? Der grinsende Hund ist das Logo der Software "Snoopstar", die auf die Suche von Gratis-Files spezialisiert ist, die Musikliebhaber ins Internet stellen, um sie dort mit anderen zu tauschen. Snoopstar verhält sich wie ein Schmarotzer: das Programm sucht nicht selbst, sondern durchforstet andere Dienste wie Napster, Gnutella, iMesh und OpenNap. Napster war, bevor Bertelsmann die Firma übernahm, eine kostenlose Tauschbörse. Jeder, der diesen Dienst nutzte, konnte selbst Files anbieten. Snoopstar dagegen ist passiv: Man kann nur downloaden, jedoch keine eigenen Dateien anbieten. Bertelsmann hat Snoopstar noch nicht der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Firma snoopstar.com wurde im September gegründet, die Bertelsmann Multimedia AG hält 75 Prozent der Anteile. Andreas Schmidt, Chef der Bertelsmann e-commerce Group, ist Geschäftsführer. Die Fachpresse raunt geheimnisvoll, Bertelsmann arbeite an einer neuen "Schnüffelsuchmaschine". Mehr als eine ausgeklügelte Werbestrategie, auf die selbst Insider der New Economy hereinzufallen scheinen, ist Snoopstar jedoch nicht. Dahinter steckt Dr. Matthias Runte, Einser-Abiturient und Wirtschaftsingenieur aus Buchholz bei Hamburg. Runte ist Spezialist für personalisiertes "Marketing im Cyberspace" und der dazu passenden Software - intelligenten Online-Agenten. Schon seit April 2000 arbeitet er als "Consultant" für Bertelsmann.

Die kostenlose Beta-Version von Snoopstar wurde im Anfang Februar als "Power-Napster" vorgestellt. Knapp zwei Wochen später war die Website www.snoopstar.com schon wieder offline: der Dienst sei "momentan nicht verfügbar." Kein Wunder, denn alle Tauschbörsen haben mit dem Problem zu kämpfen, dass sich dort hauptsächlich Leute tummeln, die keine eigenen Files anbieten. Kostenlose Dienste können sich nur über Werbung finanzieren. Software wie Snoopstar stülpt jedoch die eigene Benutzeroberfläche wie eine Metasuchmaschine über das Gefundene, so dass die Werbebanner des ursprünglichen Dienstes nicht mehr zu sehen sind. Es gibt daher kaum Indizien dafür, dass die Masse der Nutzer dieser Dienste für eine kommerzielle Meta-Version der Tauschbörsen zu begeistern wäre. Snoopster hat für Konzerne wie Bertelsmann jedoch den Vorteil, dass es kaum juristische Streitereien geben wird: Kein Nutzer kann Inhalte anbieten, die das Urheberrecht verletzen.

Was Snoopstar für Bertelsmann zudem interessant machte, ist eine Funktion, die die Software von Gratis-Diensten unterscheidet: Wurde der Surfer auf der Suche nach Dateien nicht fündig, leitete Snoopstar automatisch an kommerzielle Anbeiter wie BOL, CDNow oder Barnes & Noble weiter. Die Freeware-Version war offenbar nur ein Versuchsballon, der vielleicht sogar platzen sollte. Der Bertelsmann-Konzern wünschte offenbar nicht, dass seine Bindung zur kostenlosen Snoopstar-Version allzu früh bekannt wird.

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