Zeitung Heute : So blond, so groß, so schön

SANDRA LUZINA

Renato Zanella, Choreograph und BallettdirektorSANDRA LUZINAVom Basketball zum Ballett: Renato Zanella vollzog als junger Mann einen ungewöhnlichen Seitenwechsel.Wenn der 1,86 Meter große Italiener auf einen zukommt, wähnt man sich einem Champion gegenüber.Auf seine Vergangenheit als Sportler angesprochen, meint der Ballettdirektor und Chefchoreograph des Wiener Staatsopernballetts kokett: "Wenn Sie meine Choreographien sehen, werden Sie keinen Unterschied feststellen." Wenige Tage vor der Premiere in der Deutschen Oper präsentiert sich der italienische Hansdampf in bester Gesprächslaune.Renato Zanella erweist sich als glänzender Unterhalter und amüsanter Plauderer, der italienisch hellen Humor mit schöner Selbstironie verbindet. An seine erste Bekanntschaft mit dem Tanz erinnert er sich noch gut: In einem Sommerlager haben die Nonnen mit dem hochgewachsenen Knaben Chacha getanzt.Später hatte dann die Ballettlehrerin der Schwestern ein Auge auf den ragazzo geworfen: so blond, so groß was für einen wunderschönen Siegfried würde er abgeben! Sein Debüt war dann nicht gerade spektakulär: In einer Vorstellung von "Giselle" trug er ein Wildschwein über die Bühne.Als er dem Albrecht bei den Sprüngen zusah, war er beeindruckt: "Die athletische Seite des klassischen Tanzes hat mich überrascht." Für den Veroneser war das Ballett ein ästhetischer Sport.Zu den vier Mal Basketball-Training wöchentlich kamen zwei Mal Ballett hinzu, später kehrte sich das Verhältnis zugungsten des Tanzes um.Das war der Beginn einer anhaltenden Leidenschaft fürs Ballett. Renato Zanella ist aus der Stuttgarter Choreographenschmiede hervorgegangen.Als das erste Angebot der Noverre-Gesellschaft kam, selbst zu choreographieren, lehnte Zanella jedochab.Bis dahin war er vor allem dadurch aufgefallen, daß er Parties für die Kompanie organisierte und dabei parodistische Nummern zum besten gab.Der erste Pas de deux wurde sofort ins Repertoire übernommen.Seine zweite abendfüllende Produktion geriet zum Skandal.Denn Marcia Haydée drohte damals mit ihrem Weggang nach Berlin.Die beleidigten Stuttgarter glaubten deshalb, als erschossene Spionin Mata Hari habe sich die Ballettchefin von ihrem Kronprinzen ihren Abschied inszenieren lassen. Heute kann Renato Zanella über den Vorfall lachen."Meine Ästhetik ist sehr durch Stuttgart geprägt," betont er."Die Choreographen, die von dort kommen, weisen alle eine markante Handschrift auf." Die Basis sei immer die Neoklassik, von dieser Grundlage weiche er mal mehr, mal weniger ab.Natürlich verrate das von ihm entwickelte Vokabular Einflüsse des Sports, die Belastung der Tänzer sei zudem sehr hoch.Zanella, der als Basketballer die "böse Fünf" gerufen wurde, setzt auch im Tanz auf Agressivität."Nur weil ich Italiener bin, muß ich mich doch nicht auf Romantik festlegen." Alles andere als romantisch ist auch seine Annäherung an Leben und Werk von Cesare Pavese ausgefallen.In "Schatten von Sehnsucht Last Blues", das zusammen mit Choreographien von Mauro Bigonzetti und Massimo Moricone bei der italienischen Nacht am kommenden Sonnabend in der Deutschen Oper uraufgeführt wird, gestaltet Zanella wie so oft ein flirrendes Spiel zwischen Realem und Irrealem. In seiner dritten Spielzeit in Wien hat Renato Zanella bereits eine beeindruckende Erfolgsbilanz aufzuweisen.Er hat einer am Boden liegenden Kompanie zu neuer Form verholfen.Dank eines konsequenten Sparkurses kostet das Ballett heute weniger als vor drei Jahren, die Produktivität wurde immens gesteigert, die Einnahmen decken 60 Prozent der Kosten.Um dem Ballett ein größeres Publikum zu erobern, im konservativen Wien auch den modernen Tanz durchzusetzen, läßt der Ballettchef sich immer neue Events einfallen.Mit 36 Jahren ist Renato Zanella der jüngste Ballettdirektor in Europa.Was will er noch erreichen? Doch wenn man den Italiener planen hört, spürt man den Enthusiasmus.Soviel ist sicher: Für Zanella gibt es noch viel Neuland zu entdecken.

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